Vorm Unterricht noch schnell aufs Eis – In Selb gehen WGG und der VER gemeinsam ungewöhnliche Wege. Wie das funktioniert und welcher Wölfe-Youngster als Vorreiter dient.
Gehen beim Eishockey-Stützpunkt Hand in Hand: Der VER Selb um Vorstandsmitglied Sebastian Setzer und U20-Trainer Cory Holden (von links) sowie das Walter-Gropius-Gymnasium um Oberstudienrätin Anke Saalfrank (rechts). Davon profitieren mehr als ein Dutzend Nachwuchsspieler (Bildmitte). Foto: VER Selb/WGG
Felix Bauer packt die Schlittschuhe eilig beiseite, schlüpft in die Jacke und macht sich am Vormittag auf den kurzen Fußweg vom Eisstadion in Richtung seiner Schule. Der reguläre Unterricht für seine Klassenkameraden hat da längst begonnen, der 17‑jährige Nachwuchsspieler der Selber Wölfe steigt erst zur dritten Stunde ein.
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Das ist kein Regelbruch, sondern gelebter Alltag: Am Walter‑Gropius‑Gymnasium Selb ist Eishockey fester Bestandteil des Stundenplans – im Rahmen eines bayernweit einzigartigen Stützpunktprojekts.
Im Vorwerk wartet nicht die Schulbank, sondern die Eisfläche. Schlittschuhe statt Stuhl, Helm statt Heft. Was andernorts nach einer Ausnahmeregelung klingt, ist in Selb Teil eines durchdachten Konzepts: Schule und Leistungssport greifen ineinander.
Die Porzellanstadt ist als Eishockeystadt etabliert. Mit den Selber Wölfen in der Oberliga, einer starken Nachwuchsabteilung im VER Selb und moderner Infrastruktur gilt der Standort als attraktiv – sportlich wie strukturell. Ein entscheidender Baustein ist der offizielle Eishockey‑Stützpunkt am Walter‑Gropius‑Gymnasium. „Wir sind bayernweit die einzige Schule, die das in dieser Form anbietet“, sagt Schulleiterin Tabea‑Stephanie Amtmann stolz.
Für die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler bedeutet das konkret: zusätzliche Eishockey-Sportstunden pro Woche, integriert in den regulären Unterricht am Vor- und am Nachmittag. Training und schulische Verantwortung sind klar organisiert – mit festen Regeln und kurzen Wegen.
Die anspruchsvollen Anfänge
Initiiert wurde die Kooperation vom Verein. Sebastian Setzer, zweiter Vorstand des VER Selb und sportlich verantwortlich für den Nachwuchs, trat mit der Idee an die Schule heran. „Als klar war, dass das Projekt nicht von Erfolg und Ligazugehörigkeit der Profimannschaft abhängt, konnten wir ernsthaft einsteigen“, erinnert sich Robert Licht.
Er ist Mitarbeiter im Direktorat – und war einst selbst Sportlehrer von Setzer. Eine Verbindung, die half, aber nicht ausreichte.
Der Weg zum offiziellen Stützpunkt führte zunächst über eine Eishockey‑AG, die es noch heute gibt und die nach dem Unterricht stattfindet. Erst später folgte das Angebot der Einheiten am Vormittag. Verein und Schule mussten bis dorthin auch gegen einige Widerstände ankämpfen.
Es hat sich rentiert: Für die leistungsstärkeren Spieler, die für das Stützpunkttraining infrage kommen, stellt die Schule einiges organisatorisch auf die Beine. Zu ihnen zählt auch Gregor Müller. „Man kann da wirklich seine Skills verbessern“, freut sich der 15-Jährige. Für die Einrichtung des Stützpunkts und damit für viele Eiszeiten entfallen vier Schulstunden aus dem bestehenden Budget. „Das tut bei einem schmalen Budget richtig weh“, sagt Amtmann offen, „aber wir sind überzeugt, dass es sich lohnt.“
Ein Schlüsselmoment war die Einbindung des Ministerialbeauftragten, der seine Unterstützung zusicherte. Heute ist der Stützpunkt offiziell anerkannt – als zweiter des WGG neben Klettern. „Dass wir mit diesem Angebot in Bayern ein Alleinstellungsmerkmal haben, ist Auszeichnung und Verpflichtung zugleich“, sagt Amtmann.
Enge Verzahnung
Eine zentrale Rolle spielt Oberstudienrätin Anke Saalfrank, die am WGG seitens der Schule für die Gruppe „Eishockey“ zuständig ist. Sie koordiniert Trainingszeiten, Freistellungen und die Rückkopplung mit dem Kollegium. „Wir sprechen mit den Lehrkräften über Verschiebungen von Leistungsnachweisen und organisieren, dass der verpasste Stoff sinnvoll nachgeholt werden kann“, erklärt Saalfrank.
„So ein Projekt funktioniert nur, wenn das gesamte Kollegium dahintersteht“, betont sie. Vor allem der Stundenplan, Prüfungen und Vertretungen stellten zu Beginn eine Herausforderung dar.
Der Trainingsrhythmus rotiert bewusst durch die Wochentage, damit nicht immer dieselben Fächer betroffen sind. Die Eltern stellen formell Beurlaubungsanträge für die Trainingszeiten – ein klar geregelter Prozess.
Das Konzept ist jedoch kein Selbstläufer. Schulische Leistungen bleiben Voraussetzung. Schule und Verein arbeiten mit einem Ampelsystem: Grün bedeutet alles im Lot, Gelb Beobachtung, Rot konsequenter Trainingsstopp. „Wir kennen keine genauen Noten, aber wir kennen den Status“, sagt Setzer. Das sei fair und transparent.
Für viele Schüler wirkt genau das motivierend. „Man weiß, dass es ein Privileg ist“, sagt Felix Bauer über die Vorzüge des Eishockey‑Stützpunkts. „Und dass man liefern muss – auf dem Eis und im Klassenzimmer.“
Felix Bauer als Vorreiter
Bauer ist das prominenteste Beispiel der Kooperation. Der gebürtige Weidener besuchte zuvor das Gymnasium in Marktredwitz, wechselte bewusst nach Selb – wegen des Eishockey‑Stützpunkts. „Es hat mir persönlich viel geholfen“, sagt er. Sportlich wie schulisch. „Meine Noten sind besser geworden, und ich kann gezielt an Kleinigkeiten arbeiten, die im Mannschaftstraining untergehen.“
In dieser Saison absolvierte Bauer 48 Spiele für die Profis der Selber Wölfe und erzielte sogar ein Tor. Für die jüngeren Stützpunktspieler ist er ein greifbarer Beweis, dass der Weg funktionieren kann. „Die sehen: Der ist auch aus dem Verein, auch aus der Schule – und er hat es geschafft“, sagt Bauer. „Darauf bin ich schon stolz.“
Aktuell nehmen 14 Schüler aus den Jahrgangsstufen acht bis elf am Stützpunkt teil. Ergänzend gibt es weiterhin die Eishockey‑AG nach dem regulären Unterricht mit rund 15 Teilnehmern – bewusst offen auch für Quereinsteiger. „Das ist unser Einstieg“, sagt Setzer. „Nicht jeder landet im Stützpunkt, aber jeder bekommt eine Chance.“
Felix Bauer bekam als Stützpunkt-Spieler in der vergangenen Spielzeit schon viel Spielzeit bei den Selber Wölfen in der Eishockey-Oberliga. Foto: Mario Wiedel
Trainiert wird der Nachwuchs am Vormittag von ausgewiesenem Fachpersonal: Cory Holden bei der U20 des VER Selb und David Hördler bei der U17. Auch Setzer coacht die Schülerinnen und Schüler gelegentlich.
Langfristig wollen Schule und Verein weiter Hand in Hand gehen und die bestehenden Strukturen ausbauen. „Der Traum wäre ein Internat“, sagt Amtmann – wohl wissend um die damit verbundenen Hindernisse.
Dennoch sind die Gegebenheiten in der Kleinstadt Selb gut. Die Wege sind kurz, die Infrastruktur in und um die Netzsch‑Arena hervorragend – und das gemeinsam zwischen VER und WGG entwickelte Modell ermöglicht Leistungssport, ohne Bildung zu opfern. „Minimum ist, den Status quo zu halten“, sagt Amtmann deshalb. „Alles darüber hinaus ist Entwicklung, die wir gerne vorantreiben.“
Von Ostsee und Österreich nach Selb
Setzer richtet den Blick ebenfalls nach vorne: Gerne würde der VER weitere Spieler in den Stützpunkt integrieren – ungeachtet ihres aktuellen Wohnorts. Dass dies funktionieren kann, beweisen auch die Beispiele von Mieke Rudolphi und Paul Stastna. Dem U17‑Team der Selber Wölfe gehört Rudolphi an, die aus Rostock stammt. Sie besucht die Staatliche Realschule Selb, ist bei einer Gastfamilie untergebracht und Teilnehmerin des Stützpunkttrainings.
Auch der 15‑jährige Wiener Stastna ist Teil des Modells. Er überzeugte bei einem Probetraining in Prag und ließ seine österreichische Heimat hinter sich. Nun wohnt er ebenfalls bei einer Gastfamilie, besucht das WGG und spielt für die U17 der Selber Wölfe.
„Meine Noten könnten etwas besser sein“, verrät der Nachwuchsgoalie lächelnd. „Aber ich will durchziehen und es Felix gleichmachen“, sagt Stastna.
Die Voraussetzungen dafür sind am Eishockey‑Stützpunkt in Selb – durch die enge Zusammenarbeit aller Akteure – wohl so gut wie nirgendwo sonst. Felix Bauer beweist eindrucksvoll, wohin der Spagat zwischen Schulbank und Schläger führen kann.