Elternratgeber – Schulkinder „Hilfe, unser Sohn (10) schläft fast jede Nacht bei uns im Elternbett!“

Simone Höhn
Bei Mama und Papa ist es halt am gemütlichsten! Wenn Schulkinder dauerhaft im Elternbett schlafen, kann einen das um die Nachtruhe bringen und die Paarbeziehung belasten. Foto: imago/blickwinkel/McPHOTO/M. Begsteiger

Irgendetwas ist immer. In unserem Elternratgeber diskutieren Mütter und Väter mit Expertinnen Probleme, die in den besten Familien vorkommen. Heute fragen sich die Eltern Jasmin und Georg S., warum ihr Zehnjähriger jede Nacht im Elternbett schläft.

Jasmin S. und ihr Mann Georg haben zwei Söhne, Ben (10) und Carl (4). Der Große schläft, seit er auf der Welt ist, so gut wie jede Nacht im Elternbett, zumindest kommt er irgendwann in der Nacht aus seinem Bett im Kinderzimmer rüber gewandert. Mehrfache Versuche der Eltern, dies zu ändern, sind bislang gescheitert. Das Problem: das Kinderbett des Vierjährigen steht im Schlafzimmer, sodass der Kleine selbstverständlich bei den Eltern schläft. „Inzwischen ist die Situation für uns belastend geworden“, sagt Jasmin S. „Der Große wird immer größer, schläft unruhig und wir Eltern finden keine entspannte Nachtruhe. Wir möchten ihn aber auch nicht abweisen, schließlich scheint sein Bedürfnis nach Nähe groß zu sein. Der Kleine kommt oft gar nicht oder erst in den Morgenstunden rüber in unser Bett.

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Wie gelingt es uns, unseren Großen endlich dazu zu bringen, in seinem eigenen Bett durchzuschlafen?

Wie so oft gilt es zunächst den Druck aus der Sache zu nehmen. Indem man dem Kind vermittelt, es sei ein „Problem“, dass es in dem Alter immer noch im Elternbett schläft, gibt man ihm ein schlechtes Gefühl und bewirkt womöglich das Gegenteil dessen, was man erreichen will. „Ich würde unbedingt versuchen, liebevoll und zuversichtlich zu bleiben und weder sich selbst als Eltern noch den großen Sohn Ben mit angedeutetem Fehlverhalten wie ‚Mensch, jetzt bist du schon zehn und schläfst immer noch bei uns‘ unter Druck zu setzen“, sagt Anke Lingnau-Carduck, Diplom-Sozialpädagogin und Familientherapeutin. Sie ist Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie in Köln. „Diese Glaubenssätze und Ansprüche kommen häufig vom Umfeld, man fühlt sich selbst unsicher und gerät in ein Spannungsfeld aus dem, was man selbst möchte beziehungsweise dem Kind zumuten will und dem, was gemeinhin als ‚normal‘ gilt.“

Trotzdem ist es keine Dauerlösung. Welche Strategie sollten wir ausprobieren?

„Ich rate dazu, die Kommunikation positiv zu besetzen. Also auf die Fähigkeiten von Ben abzielen, nicht auf seine Schwächen“, sagt Anke Lingnau-Carduck. Dadurch, dass er schon groß ist und immer mal wieder beweist, dass er zumindest eine Weile allein schlafen kann – dann, wenn er erst in der Nacht rüberkommt – hat man gemeinsame Erfahrungen in der Hand, auf die man aufbauen kann.“ Das müsse man betonen und Ben darin bestärken. „Auch wenn es eine Ausnahme ist – der Beweis ist vorhanden: ‚Du kannst es!‘. Das würde ich sehr, sehr groß machen in der Kommunikation.“ Ausnahmen würden deutlich machen, dass die Grundlage zur Regelmäßigkeit da ist. Zumal es jede Menge andere Beispiele aus dem Leben des Zehnjährigen gibt, wo er gezeigt hat, was er schon alles allein kann. Alles hat einmal mit einer Ausnahme begonnen, sei es das allein essen, das allein laufen, das allein in die Schule gehen. „Solche Beispiele motivieren das Kind, sich eine weitere Fähigkeit aneignen zu wollen. Es ist das natürliche Bestreben von Kindern, sich weiter entwickeln zu wollen, immer mehr können zu wollen, schlicht groß, stark und selbstständig zu werden.“

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Sind klare Worte nicht auch notwendig, anstatt alles immer nur positiv zu sehen?

„Es gibt einen finnischen Psychiater und Therapeuten, Ben Fuhrmann, er hat das ‚Ich-schaff’s-Programm‘ entwickelt. Er zeigt darin auf, wie man spielerisch praktische Lösungen für alle Lebenslagen mit Kindern finden kann“, sagt Anke Lingnau-Carduck. Das Wort „Problem“ habe er weitestgehend aus seinem Wortschatz eliminiert, er spricht nur über Fähigkeiten und Potenziale und ist davon überzeugt, dass sich jedes Kind positiv entwickelt, wenn man es entsprechend bestärkt. „Am Ende hilft wie so oft ein gute Portion Gelassenheit und Humor. Ein Spruch wie ‚Später wechselst du dann vom Elternbett direkt ins Bett deiner Freundin‘ ist vielleicht flapsig, aber oft wirkungsvoller als ein Satz wie ‚Du bist doch jetzt schon groß‘.“

Welche Ängste oder Bedürfnisse könnten dahinterstecken, dass unser Sohn nicht allein schlafen will?

„Das sind normale, menschliche Bedürfnisse nach Nähe und Geborgenheit. Es beruhigt eben so schön neben Mama und Papa zu liegen“, sagt Anke Lingnau-Carduck. So fühle sich das Kind emotional sicher, es spüre die Verbindung, schließlich habe es tagsüber jede Menge zu tun, sich zu behaupten, groß und selbstständig zu werden. „Wir wissen aus der Bindungsforschung, dass wir zwei genetisch angelegte Verhaltenssysteme haben, die von Anfang an das Verhalten eines Kindes bestimmen, das Explorationssystem auf der einen Seite und das Bindungssystem auf der anderen Seite. Das funktioniert wie eine Wippe. Ist das Kind verunsichert, aktiviert sich das Bindungssystem und braucht die Beruhigung durch eine Bindungsperson. Erst im beruhigten Zustand aktiviert sich das Explorationssystem und das Kind kann eigenreguliert Entscheidungen treffen und ist motiviert die Welt zu erkunden, kann zum Beispiel eigene Einschlafrituale finden. In Bens Situation könnte es auch um eine gerechte Teilhabe am Familienbund und um Gerechtigkeit gehen: „Mein Bruder darf im Elternschlafzimmer schlafen, das möchte ich auch.“ Das Gerechtigkeitsempfinden von Kindern dürfe man nicht unterschätzen.

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Ist es sinnvoll, unserem Sohn zu sagen, dass wir Eltern so nicht erholsam schlafen können?

„Das würde ich erst in einem zweiten Schritt ansprechen“, sagt Anke Lingnau-Carduck. Zunächst gilt es, das Gespräch auf die Fähigkeiten von Ben zu lenken und herauszufinden, welche Gedanken oder Situationen ihm helfen können, im eigenen Bett zu schlafen. „Das Gespräch sollte nicht kurz vor dem Schlafengehen stattfinden. Sondern in einer anderen Familiensituation, etwa beim gemeinsamen Abendessen, beim Frühstück oder beim Spielen, beim Kuscheln auf dem Sofa, jedenfalls in einer Situation, in der man mit großer Bindungssicherheit beisammen ist.“ Man könnte den Sohn fragen, woran er selbst bemerkt, dass er nun schon größer und selbstständiger geworden ist. Und welche Fähigkeiten sonst noch toll wären, um noch größer und selbstständiger zu werden. Und dann das Thema auf das Schlafen lenken und ihn fragen, wofür das auch eine tolle Fähigkeit sein könnte. „Womöglich ist es sinnvoll, auch den jüngeren Bruder Carl mit einzubeziehen. Schließlich ist er Teil der Schlafsituation“, sagt Anke Lingnau-Carduck.

Könnte Eifersucht auf den kleinen Bruder eine Rolle spielen? Müssen wir den Kleinen auch auslagern, damit sich der Große nicht benachteiligt fühlt? Tagsüber gibt es ebenfalls oft Machtkämpfe zwischen den Brüdern.

Auch den Begriff Eifersucht sollte man in dieser Angelegenheit aus Anke Lingnau-Carducks Sicht aus dem Sprachschatz verbannen. „Das ist so ein Begriff von uns Erwachsenen, es ist im Grunde genommen eine negative Bewertung vollkommen menschlicher Reaktionen.“ Auch hier sei es sinnvoller, die Situation positiv zu besetzen. Die Brüder üben sich im Kräfte messen – auch tagsüber. Das ist gesund und wichtig fürs groß werden. „Dadurch zeigen sie deutlich ihre Autonomiebestrebungen, das ist eine altersgemäße Entwicklung. Die Fähigkeit, sich ausdrücken zu können, selbst wenn sie schimpfen, das gehört zum Groß-Werden dazu. „Machtkämpfe“ hören beim Thema „Wer darf wo schlafen“ nicht auf. Sie üben sich in dem Umgang mit Grenzen. Dennoch wäre es einen Versuch wert, die Brüder in einem gemeinsamen Zimmer schlafen zu lassen, wobei in dem Fall die unterschiedlichen Bettzeitenberücksichtigt werden sollten.

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Wir haben es mit der Belohnungsstrategie versucht, vom Ausflug in den Zoo bis zum kleinen Spielzeug. Das hat alles nur kurzfristig gewirkt. Warum?

„Die Belohnungsstrategie ist nicht nachhaltig und nützt nur punktuell. Es erzeugt eher Druck, weil man ja konsequent sein muss, wenn man so etwas in Aussicht stellt“, sagt Lingnau-Carduck. Wenn es das Kind nicht schafft, im Bett zu bleiben, muss man auch die Belohnung verwehren. „Das ist schon ein bisschen gemein, wenn ich die Bemühungen des Kindes eben auch erlebt habe. Und wie soll das langfristig funktionieren? Jedes Mal, wenn das Kind in seinem Bett durchschläft, bekommt es am nächsten Tag eine Belohnung. Und wann soll das aufhören? Damit impliziert man, dass es eben nicht ‚normal‘ ist, allein zu schlafen, sondern etwas belohnungswürdiges. Das halte ich für kontraproduktiv.“

Könnte es an unserer inneren Haltung liegen? Wir müssen es uns eingestehen, dass wir es auch schön finden, wenn Ben sich nachts zu uns kuschelt. Ist das verwerflich?

Das ist ein völlig normales Bedürfnis und in diesem Spannungsfeld bewegen sich sehr viele Eltern. Schließlich weiß man, dass die Nähe, die die Kinder suchen, nur von begrenzter Dauer ist. Das möchte man genießen und trägt diese Ambivalenz in sich, dass man es einerseits schön findet und andererseits den Gedanken hat, dass das Kind allein schlafen sollte. Die Haltungswaagschale ist in einem unguten Gleichgewicht. Man sollte versuchen, ein Gleichgewicht zwischen den Polen herzustellen, dann hat man viel mehr Möglichkeiten, mittel- und langfristig eine Veränderung zu bewirken und freut sich auch schon über kleine Fortschritte, also wenn Ben zum Beispiel wenigstens ab und zu im eigenen Bett schläft. Eltern sollten auch mit sich selbst nicht so streng sein.

Ist es eine Frage der Perspektive – schließlich gibt es Familien, die aus Platzmangel gar keine andere Möglichkeit haben, als in einem Zimmer oder in einem Bett zu schlafen?

Für manche Menschen ist das gemeinsame Schlafen schlicht eine Notwendigkeit, manche können sich gar nicht solche ‚Luxusgedanken‘ machen. Es ist eine kulturell geprägte Perspektive der reichen westlichen Welt. Wir Menschen sind evolutionär gesehen keine Alleinschläfer. Um das Überleben zu sichern, nachts nicht zu erfrieren, um Gefahren nicht allein ausgesetzt zu sein, war es evolutionär betrachtet schlicht notwendig, gemeinsam zu schlafen. Eigene Zimmer und Betten gehören in unserem Kulturkreis vielleicht je nach Region erst seit 50 bis 150 Jahren zum Standard. In anderen Kulturen gibt es das bis heute nicht.

Haben Sie auch eine Frage oder ein Problem, das sie mit einer unserer Elternratgeber-Expertinnen diskutieren wollen? Dann schreiben Sie an elternratgeber@stzn.de

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Unsere Expertin

Anke Lingnau-Carduck Foto: privat

Anke Lingnau-Carduck
ist Diplom-Sozialpädagogin und Familientherapeutin sowie Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie in Köln. In ihrer Praxis berät sie Familien, Kinder und Jugendliche verschiedenen Alters zu Erziehungs- und Lebensfragen.

 

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