Im Gegensatz zum Angeklagten regieren die Angehörigen des Opfers mit massiver Enttäuschung sowie viel Wut und Ärger. Familie und Freude kritisieren, dass das Gericht nicht Totschlag oder Mord in Betracht gezogen hat. Keiner von ihnen erscheint zur Urteilsverkündung im Saal - demonstrativ.
Großer Frust bei der Opferfamilie
Am Mittag spricht Eray Calar, ein Bruder des Toten, von einer "sehr großen Enttäuschung". Anhand der Zeugenaussagen und des Videos von der Tat habe er ein härteres Urteil erwartet, sagt Calar am Hauptbahnhof Mannheim, dem Dienstort seines Bruders, der Deutschen Presse-Agentur. "Das wäre wichtig gewesen für andere Zugbegleiter." Die Familie werde beim Bundesgerichtshof in Revision gehen. "Wir werden so weit gehen, bis es Gerechtigkeit gibt."
"Das Urteil ist für die Angehörigen und für alle Menschen, die für das Gemeinwesen arbeiten und sich jeden Tag in Gefahr begeben, ein weiterer Schlag ins Gesicht", sagt Yalcin Tekinoglu, der Anwalt der Familie. Der Richterspruch sei ein "Fehlurteil". Das Gericht habe zu Unrecht angenommen, dass der Täter kein trainierter Kampfsportler gewesen sei.
"Die Familie muss nun ein Leben lang mit dem Tod von Serkan leben, während der Angeklagte bei guter Führung seinen 30. Geburtstag möglicherweise schon in Freiheit feiern kann", sagt Tekinoglu. Den beiden Kindern, zehn und zwölf Jahre alt, werde man vorerst nichts von dem Urteil erzählen. "Sie sollen sich jetzt in den Schulferien erst einmal zumindest ein wenig erholen können. Ihnen fehlt der Vater schmerzhaft."
Tekinoglu betont, der Familie gehe es nicht allein um ein höheres Strafmaß. Vielmehr müsse von dem Urteil ein klares Signal gegen die zunehmende Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Nahverkehr ausgehen. Auch die Verteidigung erwägt eine Überprüfung des Urteils.
Unverständnis bei Zuschauern
Dauernd gebe es Übergriffe auf öffentliche Bedienstete, sagt eine Zuschauerin aus dem Saarland. "Wenn so ein Urteil dann so ausfällt, braucht ja kein Täter mehr Angst zu haben." Für sie sei die Tat nicht nur ein Totschlag. "Der Schaffner ist ermordet worden." Eine andere sagt: "Es war so unnötig. Alles wegen einer Fahrkarte." Und: Wer so zuschlage wie der Angeklagte, müsse doch damit rechnen, dass das Opfer sterbe.
Für Serkan Calar entsteht Gedenkort
Klar ist, die Erinnerung an Serkan Calar wird wachgehalten - auch sichtbar. Für den Zugbegleiter soll es einen Mahn- und Gedenkort am Mannheimer Hauptbahnhof geben, seinem Dienstort. Die Bahn ist dazu nach eigenen Angaben gemeinsam mit der Familie des Getöteten in der Planung. Der Ort solle "die Erinnerung an unseren geschätzten Kollegen und lieben Menschen, aber auch an die schreckliche Tat im Bewusstsein halten".