Es gibt keine Warnsirenen Katastrophenschutz nach dem Unwetter

Symbolbild Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Im Hofer Land gibt es fast keine Sirenen mehr, die die Bevölkerung vor Katastrophen warnen. Das soll sich nach dem jüngsten Unwetter zwar ändern, aber damit wäre es nicht getan.

Hof - Die Köditzer wissen Bescheid, alle anderen nicht. Dort gibt es in Stadt und Landkreis Hof die einzig verbliebene Katastrophenschutz-Sirene. Nach dem Unwetter vergangene Woche könnte sich das wieder ändern. Armin Schuster, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, will nach dieser Erfahrung nicht mehr nur auf digitale Alarm-Systeme setzen. „Deswegen wollen wir auch die gute alte Sirene zurückhaben“, sagte er. Dem sollen Taten folgen.

Wissen, was Alarm bedeutet

Warum ausgerechnet Köditz? „Dort gibt es wegen des Gastanklagers im Ort  noch eine  Sirene für den Katastrophenschutz. Der Ort liegt etwas tiefer, und das Gas könnte sich dort ausbreiten“, erklärt Markus Hannweber, der Leiter der Integrierten Leitstelle Hochfranken. Aber ob Gas oder Wassermassen –  Hannweber fände es „super“, würde man wieder Sirenen auf Dächern installieren. Aber: „Das allein würde nichts bringen, wenn die Bevölkerung nicht geschult ist.“  Die Köditzer wüssten, was sie zu tun haben, wenn eine  Sirene statt dreimal lang wie bei der Alarmierung der Feuerwehr dann kurz und schnell heult.

Kalter Krieg endet

Das wüssten in anderen Orten nur ältere Bürger, sofern sie es nicht längst vergessen haben. Mit Ende des Kalten Krieges, etwa  in der Zeit der deutsch-deutschen Wiedervereinigung,  fand  der Bund,  Katastrophen-Szenarios wie Bomben-Alarm seien nicht mehr realistisch, die Sirenen können weg. Auch in Hof hatte das Folgen. „Auf Bundesebene wurde bereits vor einigen Jahren festgelegt, dass die Bevölkerung nicht mehr durch Sirenenalarm gewarnt werden muss. Aufgrund dieser Entscheidung sowie der Tatsache, dass vor allem jüngere Menschen die Bedeutung der Signale nicht mehr kennen, wurden fast alle Sirenen in der Stadt Hof aufgegeben“, schreibt die Stadt Hof auf Anfrage. Jetzt gebe es nur noch drei Sirenen auf den Feuerwehrgerätehäusern Unterkotzau,  Leimitz und Wölbattendorf. Sie haben  auch beim Unwetter vergangene Woche geheult, aber nur, um die örtliche Feuerwehr zu alarmieren. Im Landkreis ist das nicht anders.

Retter kalt erwischt

Markus Hannweber und die Rettungskräfte, die er in Hochfranken  in Gang setzen kann, haben am 13. Juli, dem Tag des großen Unwetters,  dazugelernt. Der Chef der Leitstelle war  zunächst zwar gewarnt, als ein Unwetter angekündigt wurde,  aber nicht sonderlich beunruhigt. „Das war eine Warnung wie bei jedem Gewitter. Dass es 30 bis 60 Liter auf den Quadratmeter regnen könnte –  das hatten wir in Oberfranken immer wieder mal“, sagt er. Es wurden lokal 88 Liter, die in kürzester Zeit fielen. Die Region Hof war eine der ersten betroffenen Regionen – sie wurde kalt erwischt.

Katastrophenschutz im Unterricht

In der Nachbearbeitung des Unwetters gibt es viele Konjunktive. Hätte  es Sirenen gegeben, die vor dem Sturzregen gewarnt hätten, dann hätten die Menschen reagieren können – sofern sie gewusst hätten, was das Heulen bedeutet und was zu tun ist. Hannweber würde diese Kette gerne abarbeiten. „Was wir brauchen, ist ein neues  Gefahrenbewusstsein“, sagt der 49-Jährige. Sirenen sind für ihn ein ein wichtiger Baustein. Sie sollten wieder auf die Dächer. Dann aber müsste  in  Schulen und in der Erwachsenenbildung einem  nahegebracht werden, was Sirenentöne bedeuten und wie man reagieren muss. „Dazu gehört etwa bei einem drohenden Hochwasser: Niemals in den Keller gehen!“, betont der Leiter der Leitstelle. Die Menschen sollten sich auch prinzipiell überlegen, wo sie leben. Floss dort einmal ein Wasserlauf, wo jetzt mein Haus steht? Liegt das Haus in einem potenziellen Überschwemmungsgebiet?

Hilfreiche Apps

Für Hannweber besteht das erreichbare Maximum in einer Mischung aus Alarmierungssystemen: Sirenen,  Apps und SMS. „100-prozentige Sicherheit gibt es aber  nicht“, schränkt er ein. Sirenen müssten  in einem dichten Netz installiert sein, um überall gehört zu werden, schallisolierte Fenster in modernen Häusern setzen dem aber Grenzen. Und Apps wie „Nina“ oder „Katwarn“ seien auf Smartphones noch nicht sehr verbreitet. Wie die aktuell diskutierte Zwangs-SMS, die jedes Mobiltelefon im Netz erreicht,    sind die digitalen Lösungen für Hannweber zwar gut und hilfreich, aber: „Wenn ich mein Handy  nachts stumm schalte bringt das gar nichts.“

Was wäre wenn?

Hannweber erinnert sich noch an seine Schulzeit, damals haben er und seine Mitschüler noch etwas von Katastrophenschutz  mitbekommen.  Später hielt man das nicht mehr für notwendig. Die Leute, zumindest die jüngeren seien    nicht mehr vorbereitet. Die Großmutter, erinnert er sich, hatte noch für zwei Wochen Vorräte. „In einem modernen Haushalt gilt das nur noch für zwei bis drei Tage“, sagt er.  In der Leitstelle hatte man sich vor wenigen Jahren Gedanken darüber gemacht, was bei einem ein- oder zweiwöchigen Stromausfall geschehen würde. Die Antwort: Man hätte nach wenigen Tagen eine Notfalllage, weil die Menschen nichts mehr zu essen haben und nichts kochen können.  Dann kam Corona. Und siehe da: „Plötzlich horteten die Menschen Klopapier – aber auch eben Nudeln.“

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