Weißenstadt/Kirchenlamitz – Dennis Huck möchte die Mittlere Reife über den M-Zug einer Mittelschule machen. Der Jugendliche lebt in Weißenstadt, entsprechende Schulen gibt es aber nur in Wunsiedel, Selb oder Marktredwitz. Dennis besucht nun die Dr.-Franz-Bogner-Mittelschule in Selb. Er wird ab Dienstag bis zu elf Stunden täglich unterwegs sein – wegen der Busanbindung.

Dennis und 13 weitere Weißenstädter sowie zwei Kinder aus Birk müssen mit dem Linienbus zum Selber Schulzentrum und zurück nach Weißenstadt – wieder. Denn bis zu den Sommerferien durften die Mittelschüler den Bus mitbenutzen, der die Förderschüler in kürzerer Zeit nach Selb bringt. Das ist jetzt passé, erklärt Dennis’ Mutter, Carmen Huck: „Wir Eltern haben vor den Ferien einen Brief bekommen, dass unsere Kinder nach den Sommerferien den Linienbus nutzen sollen. Das bedeutet teils einen 85 Minuten längeren Schulweg.“
Dennis zum Beispiel wird um 6.25 Uhr das Haus verlassen und zur Bushaltestelle an der Weißenstädter Kirche laufen. Um 6.43 Uhr beginnt die Fahrt, in Röslau heißt es umsteigen, dann geht es nach Selb zur Schule. Wenn er um 15.30 Uhr aus hat, muss er bis 15.57 Uhr warten und über mehrere Stationen zurückfahren – und kommt erst gegen 17.30 Uhr wieder zu Hause an. Carmen Huck findet das zu lange: „Elf Stunden außer Haus, davon deutlich über drei Stunden auf der Straße. Mal ehrlich: Wenn man das als Arbeitnehmer mitmacht, kommt man heim und legt sich nur noch auf die Couch. Unsere Kinder müssten dann noch für die Mittlere Reife lernen. Aber die sind einfach platt.“

Das bestätigt auch Carola Götz, deren Sohn Jan-Luca ebenfalls die Selber Mittelschule besucht. „Er macht gerade seinen Führerschein und soll für den Abschluss lernen. Freizeit bleibt da keine mehr.“ Das geht auch Dennis Huck so: Eigentlich ist er in der DLRG und bei der Feuerwehr engagiert. „Aber das schaffe ich nicht mehr, wenn ich so spät heimkomme und noch lernen muss.“ Begeistert ist Dennis von der Aussicht auf diesen Schulweg nicht. Aber deshalb auf die Mittlere Reife verzichten oder die Schule wechseln, möchte er auch nicht. Andere haben das bereits getan, wie Nicole Friedrich berichtet. „Der Sohn meiner Bekannten besucht jetzt die Realschule. Er hat seine Klassenkameraden und sein Engagement in der Orchesterklasse aufgegeben, weil er den Schulweg nicht packt.“ Da sei er nicht der einzige, bedauert Carmen Huck.

Die drei Mütter ärgert besonders, dass es eigentlich seit 2012 eine Lösung gegeben hat: Den Bus der privaten Siebensternschule. Der fährt nämlich auch von Weißenstadt ins Selber Schulzentrum, aber über 20 Minuten später. Der Verein „Hilfe für das lernbehinderte Kind im Landkreis“ als Träger der Siebensternschule und der Schulverband Kirchenlamitz/Weißenstadt/Marktleuthen einigten sich darauf, dass der Förderschulbus die Mittelschüler mitnimmt und teilten sich die Kosten. Und hier vermutet Carmen Huck den Knackpunkt: „Ich meine, dass der Schulverband sich das Geld sparen will.“ Etwa 9000 Euro müssten das nach ihrer Rechnung sein.

Dass die Schüler aus Weißenstadt den Förderschulbus nicht mehr mitbenutzen dürfen, hat tatsächlich mit Geld zu tun – allerdings nicht nur, wie der Kirchenlamitzer Bürgermeister Thomas Schwarz und Kämmerer Reinhard Heublein erklären. Sie sind im Schulverband als Sachaufwandsträger für die Beförderung der Schüler zuständig.

Dass die Weißenstädter Kinder im Förderschulbus mitfahren konnten, sei ein Entgegenkommen des Verbands gewesen. „Wir haben dafür etwa 9000 Euro mehr bezahlt, als wenn die Kinder mit dem Linienbus gefahren wären.“ Allerdings verlange der Freistaat Bayern, der die Schülerbeförderung massiv bezuschusst, dass Schulkinder wo möglich die Linie nutzen. Deshalb haben die betroffenen Kinder heuer eine Jahreskarte für den Linienbus bekommen. Hätte der Freistaat erkannt, dass hier Förderrichtlinien verletzt werden, hätte er Geld zurückfordern können. Im schlimmsten Fall nicht nur für den Bustransfer. „Wir beteiligten Kommunen sind ja alle im Konsolidierungsverfahren“, betont Bürgermeister Schwarz. Damit darf keine Kommune auch nur einen Cent an freiwilligen Leistungen ausgeben; andernfalls drohen Rückforderungen vom Staat.

Die Mitbenutzung des Förderschulbusses habe auch großen Aufwand bedeutet. „Wir mussten quasi täglich die Namen der Kinder erfassen, die mitfahren, und dem Busbetreiber melden.“ Dieser habe extra einen größeren Bus angeschafft, um die zusätzlichen Kinder zu befördern. Nun sei die Beförderung turnusgemäß vom Landratsamt neu ausgeschrieben worden – mit dem Ergebnis, dass heuer ein anderer Anbieter den Zuschlag erhalten hat. Und der nutze einen kleineren Bus, „eben weil er sich nur um die Beförderung der Förderschüler beworben hat“, macht Thomas Schwarz deutlich. Und auch die unterschiedlichen Schulzeiten hätten manches kompliziert gemacht: „Am Freitag hatten Förder- und andere Schüler zu unterschiedlichen Zeiten aus.“ Das habe dazu geführt, dass manchmal Schüler in Röslau „gestrandet“ seien. „Wir haben dann Einzellinienfahrkarten für die Kinder besorgen müssen, oder haben sogar Taxen eingesetzt.“ Nachdem es sich um Steuergelder handle, sei es anderen Eltern schwer zu vermitteln, warum für die Weißenstädter Schüler so viel zusätzlich ausgegeben werde. „Man kann’s leider nicht allen recht machen“, bedauert Thomas Schwarz. Reinhard Heublein nickt: „Wir sind den Eltern in den vergangenen zwei Jahren entgegen gekommen, aber das geht nun eben nicht mehr.“

Allerdings bemühen sich Thomas Schwarz und Reinhard Heublein schon seit fast zwei Jahren, wenigstens die Linienbusse zu harmonisieren, um die Heimfahrt zu verkürzen. „Wir sind im Gespräch mit den Linienbetreibern.“ So könnte man zumindest für die Kinder, die um 13.08 Uhr in Selb wegfahren, die Wartezeit in Röslau verkürzen. Es geht um rund eine Viertelstunde. „Wir haben immer versucht, für all unsere Schüler das Beste rauszuholen“, bekräftigt der Bürgermeister, „und ich verstehe die Eltern. Aber ich hoffe, dass sie auch Verständnis für uns haben.“ tami