Flüchtlingsunterkunft Naila Hilfeschrei für einen kranken Jungen

Radima Achmadova (rechts) befürchtet, dass sie in ihre Heimat Tschetschenien abgeschoben wird. Sie hoffte, dass ihr schwer kranker Sohn Magomed in Deutschland medizinische Hilfe bekommt. Ihre Freundin Amina Ismailova Foto: Ertel

Der zwölfjährige Magomed lebt in der Nailaer Unterkunft und ist schwer krank. Seine Familie soll Deutschland verlassen. Doch in Tschetschenien gibt es wenig Hoffnung.

Naila - Die Menschen in der Gemeinschaftsunterkunft (GU) in Naila leben auf engstem Raum: Essen und Schlafen im selben Zimmer, hier spielen die Kinder und machen ihre Hausaufgaben. Küche, Bad und Dusche teilen sie mit fremden Menschen. Vor allem in Zeiten von Corona ist das nicht gut. Im Oktober und November stand die gesamte Unterkunft mehrere Wochen lang unter Quarantäne (die Frankenpost berichteten), nachdem mehrere Bewohner positiv getestet worden waren. Niemand durfte das Gebäude verlassen, nicht für einen Spaziergang und auch nicht, um Lebensmittel zu einzukaufen. Positiv Getestete lebten zeitweise zusammen mit gesunden Menschen unter einem Dach. Eine belastende Situation, für eine Familie nahezu unerträglich: für die Witwe Radima Achmadova und ihre drei Kinder. Denn eines der Kinder, der zwölfjährige Magomed, ist schwer krank.

„In ganz Naila gibt es kein schlimmeres Schicksal als das von Magomed – wenn man seine Lebensbedingungen und Perspektiven betrachtet.“ Diesen Satz schrieb die 27-jährige Amina Ismailova, eine Freundin von Radima Achmadova, in einer Mail an die Redaktion, nachdem die Frankenpost im November über die Zustände während der Quarantäne in der GU berichtet hatte. In der Mail beschrieb sie die Zustände im „Heim“ und erzählte von der Familie Achmadov. Sie wollte, dass deren Geschichte bekannt wird. Verzweifelt hoffen sie auf Hilfe in einer Situation, die ausweglos erscheint.

Sorge um die Gesundheit

Die Familie ist vor eineinhalb Jahren aus Tschetschenien, einer Teilrepublik Russlands, nach Deutschland geflohen. Ihr Asylverfahren ist mittlerweile in allen Instanzen negativ abgeschlossen, sie ist ausreisepflichtig. Radima Achmadova, die 32-jährige Witwe und Mutter dreier Kinder, will trotzdem in Deutschland bleiben, um ihrem Sohn die nötige medizinische Versorgung bieten zu können. In Russland habe kein Arzt Magomed helfen können: „Es gibt keine Spezialisten für seine Krankheit“, erzählt Radima Achmadova. Deshalb fürchtet sie, dass es in Tschetschenien keine Rettung für ihren Sohn gibt: „Ich habe Angst, ihn in diesem Zustand nach Hause zu bringen“, sagt sie bei einem Gespräch.

Odyssee durch Kliniken

Magomed ist ohne Rippen auf der linken Seite auf die Welt gekommen, hat als Kind eine schwere Skoliose entwickelt, der linke Lungenflügel funktioniert nicht mehr. „Der Junge kann nicht länger als eine Stunde sitzen, stehen oder liegen“, erzählt die Mutter. Er sei schon mehrfach nach einem Anfall auf der Intensivstation gelandet, weil er im die Luft fehlte.

Sie berichtet von einer Odyssee, von Klinikaufenthalten und Operationen in Russland, unter anderem in Moskau und St. Petersburg oder in Grozny, der Hauptstadt von Tschetschenien. Trotz der zahlreichen Behandlungen habe sich die gesundheitliche Verfassung des Jungen immer weiter verschlechtert. Ein Arzt in einer Klinik in Novosibirsk riet der Mutter, den Jungen nach Deutschland zu bringen.

Die alleinerziehende Mutter verließ die Heimat und die große erweiterte Familie, die sie jahrelang finanziell und tatkräftig unterstützt hatte. In München hat sie einen Arzt gefunden, der Magomed behandelt. Vor wenigen Monaten hat er ihn operiert und ihm einen Buckel auf dem Rücken entfernt. Einen zweiten hat Magomed noch vorne auf der Brust.

Echte Chancen, in Deutschland zu bleiben, hat die Familie trotz allem nicht: „Krankheit ist kein Asylgrund“, erklärt Sozialpädagogin Carolin Köppel von der Flüchtlings- und Integrationsberatung der Diakonie Hochfranken. Sie kümmert sich schon seit längerer Zeit um die Familie. „Wegen einer medizinischen Behandlung kann eine freiwillige Rückkehr in das Heimatland nicht aufgeschoben werden.“ Denn auch vor Ort in Tschetschenien sei eine medizinische Behandlung gewährleistet, wenn auch nicht nach deutschen Standards.

Ständige Angst

Verschiedene Behörden unterstützen laut Köppel die Familie Achmadov im Rahmen der Gesetze und Verordnungen – etwa das Sozialamt, das bei Fragen zur medizinischen Behandlung von Magomed eingeschaltet war.

Zu der ständigen Sorge um die Gesundheit des Sohnes kommt also die Angst, jederzeit nach Hause geschickt werden zu können. Radima Achmadova befürchtet zudem, dass Magomed sich in der Enge der Unterkunft sich mit Corona anstecken könnte: „Sein Immunsystem ist geschwächt“, sagt sie.

Die Lebensbedingungen in der GU seien für einen schwerkranken Jungen unzumutbar: „In der Dusche und Toilette ist es dreckig und eiskalt. Magomed konnte sich schon zwei Wochen lang nicht duschen, weil wir nicht wollen, dass er sich erkältet“, berichtet die Mutter.

Auch die Gefahr, sich bei Mitbewohnern mit Covid-19 anzustecken, hängt wie ein Damoklesschwert über den Menschen. „Die Bedingungen sind unhygienisch“, sagt Amina Ismailova. „Alle fassen dieselbe Türklinke an, niemand trägt eine Maske.“

Dieser äußerst enge und unausweichliche Kontakt zu den Mitbewohnern im „Heim“ wirke sich negativ auf die psychische Gesundheit aus – „selbst auf die der starken und gesunden Menschen“. Für einen kranken Jungen sei das Leben in der Unterkunft eine Qual. Nicht zuletzt der Weg zur Schule ist für den zwölfjährigen Fünftklässler eine Herausforderung. Unterwegs muss er Pausen machen – oder er verpasst den Unterricht sogar komplett.

„Ich gehe gern zur Schule. Ich habe dort meine Freunde“, erzählt Magomed, der sich für eine Viertelstunde aus dem Bett gequält hat, um am Gespräch teilzunehmen.

Der Weg zur Schule ist eine Qual

Auf die Frage, wie es ihm gehe, winkt er ab: „Es geht schon.“ Dann legt er sich wieder ins Bett, er hat in der Nacht mal wieder schlecht geschlafen. Nachts plagen ihn oft Schmerzen. Denn sein Bett ist alt und unbequem und für den geschundenen Körper völlig ungeeignet. Weil er wegen der Schmerzen nachts oft unruhig ist und dadurch seine zwei kleineren Schwestern wachhält, gehen die Kinder unausgeschlafen zur Schule.

Die Mutter ist um den Sohn besorgt, gleichzeitig aber stolz auf ihn: „Er ist schlau und dolmetscht für mich, weil ich kein Deutsch kann“, sagt sie. Vor allem während der Quarantäne habe aber der Junge seine Freunde in der Schule vermisst, denn in der Asylunterkunft leben keine Jungs in seinem Alter. „Er langweilt sich, spielt Playstation mit Erwachsenen. Eigentlich will er nur noch nach Hause. Aber das geht nicht.“

 

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