⚽ Fußball-EM Dortmunder Donnerschlag: Deutschland im Viertelfinale

Der deutsche Führungstreffer durch Kai Havertz war der Höhepunkt eines dramatischen Spielverlaufs in Dortmund gegen Dänemark. Foto: dpa/Bernd Thissen

Dieses Spiel wird in Erinnerung bleiben: Die deutsche Nationalmannschaft zieht ins EM-Viertelfinale ein. In Dortmund erleben die Zuschauer hochdramatische Minuten – und Kapriolen auch abseits des Sportlichen.

 
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Wenn es so etwas wie ein Wohnzimmer der deutschen Nationalmannschaft gibt, dann ist es wohl die Dortmunder Arena. Die Heimstätte von Borussia Dortmund hat am Samstagabend in vielerlei Hinsicht Geschichte geschrieben. Die Auswahl des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) zog nach einem 2:0 (0:0)-Erfolg gegen Dänemark ins Viertelfinale der Heim-Europameisterschaft ein. Dort wartet in Stuttgart am Freitag entweder Georgien oder Spanien. Bis dahin dürften auch die Emotionen nach dem dramatischen Samstagabend wieder im Lot sein. Denn das Achtelfinale gegen die Dänen wird allen noch länger im Gedächtnis bleiben.

Aber der Reihe nach: Schon zwei Stunden vor dem Spiel war in der Arena in Dortmund die Spannung mit den Händen zu greifen. Die Vorfreude der deutschen Fans hatte bereits die ganze Stadt erfasst – und mit der Arena auch eine Herzkammer des deutschen Fußballs. Dortmund und das DFB-Team – das ist eine ganz besondere Beziehung. Beim letzten Heimturnier war Dortmund der Schicksalsort: In der Vorrunde zündete der deutsche Turbo beim 1:0-Sieg gegen Polen in der Vorrunde endete an gleicher Stelle im Halbfinal-Aus gegen Italien nach Verlängerung. Und so sollte der einzige Auftritt der deutschen Auswahl bei der Heim-EM in Dortmund nicht genauso enden, sondern mit einem Erfolg. Dafür beschwor Turnierdirektor Philipp Lahm die „weiße Wand“, die diesmal die Südkurve bildete. Das Spiel gegen Dänemark sei nicht das Verfallsdatum – hoffte Bundestrainer Nagelsmann, der allerdings in anderer Form überraschte.

Mit gleich drei Änderungen in der Startformation ging Nagelsmann ins Spiel. Neben dem wegen einer Gelbsperre von Jonathan Tah nötigen Wechsel in der Innenverteidigung spielten auch David Raum und Leroy Sané von Beginn an – für Maximilian Mittelstädt und Florian Wirtz. Während Nagelsmann bei Raum von einer Belohnung für Raum sprach, war die Entscheidung für Sané taktischer Natur. „Die Dänen sind sehr massiv in der Luft, am Boden haben sie Probleme gegen wendige Spieler. Leroy kann das bringen“, sagte Nagelsmann über den Bayern-Offensivmann. „Ich glaube nicht, dass wir die Lufthoheit von Beginn an haben werden. Da brauchen wir ein bisschen ein anderes Profil.“

Die Prognose sollte sich zumindest zu Beginn der Partie als falsch erweisen. Denn die deutsche Lufthoheit war mindestens genauso groß wie die Überlegenheit der deutschen Fans auf den Rängen. Die Dortmunder Arena lieferte: So laut wie im Achtelfinale war es bislang keinem anderen deutschen EM-Spiel. Mag es die ohrenbetäubende Atmosphäre gewesen sein oder der gute deutsche Plan, aber die Anfangsphase ging klar an Deutschland: Früh köpfte Nico Schlotterbeck sogar ein Tor für das deutsche Team, doch es wurde wegen eines Foulspiels aberkannt (4.). Eine harte Entscheidung, die – ähnlich wie gegen die Schweiz im Gruppenspiel – auch anders hätte ausfallen können. Auch danach blieb Deutschland überlegen, setzte Dänemark unter Dauerdruck. Als sich die Dänen dann einmal daraus lösen konnte, hätte Kai Havertz nach einem Diagonalpass von Antonio Rüdiger die Führung erzielen müssen. Seine Direktabnahme lenkte Schmeichel aber zur Ecke (10.). Was man der deutschen Mannschaft zum Vorwurf machen konnte, dann dass sie es verpasst hatte, in der starken Anfangsphase den Führungstreffer zu erzielen. Er wäre beinahe schon überfällig gewesen.

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Das Wetter spielt verrückt

Doch nach einer guten Viertelstunde fand Dänemark ins Spiel, erholte sich mit Ballbesitzphasen vom schwierigen Start. Im Stadion wurde es hörbar ruhiger. Christian Eriksens geblockter Schuss (21.) und Joakim Mæhles Abschluss waren die ersten Warnzeichen für das deutsche Team. Der Schuss des Wolfsburgers strich knapp am Tor vorbei (24.). Ähnlich wie das Gewitter, das über Dortmund aufzog, verdunkelte sich auch das Spiel des deutschen Teams. Blitz und Donner über der Arena führten sogar dazu, dass Schiedsrichter Michael Oliver die Partie unterbrechen musste. Ein Donnerhall, der das ganze Stadion erschütterte wie kein Böller es hätte tun können, zwang zu einer fast halbstündigen Pause (35.). Die Fans ließen sich den Spaß aber nicht verderben, zwei Dänen tanzten im Wasserstrahl, der vom Dach des Stadions auf die Zuschauerränge strömte, die deutschen Fans sagen „Oh, wie ist das schön.“

Welches Team würde mit der Pause besser zurechtkommen? Eine so ungewöhnlich lange Pause gab den Trainer nochmals die Chance zum Nachjustieren. Offenbar fand Nagelsmann die besseren Worte, denn der erste gefährliche Angriff hätte beinahe zum 1:0 geführt, als erst Havertz, dann Schlotterbeck per Kopf scheiterten (37.). Aber auch Rasmus Hojlund hätte, wenn er einen Schritt schneller gewesen wäre, einen dänischen Konter zur Führung vollenden können (45.). Eine rassige und über einstündige erste Hälfte endete damit torlos.

Ein Ritt auf der Rasierklinge

Da das Spiel offenbar in der wilden ersten Hälfte noch nicht genug ungeahnten Wendungen bereitgehalten hatte, erlebten die Fans unfassbare zehn Minuten, die keinen mehr auf den Sitzen hielt. Die Dramatik begann mit einem Treffer für Dänemark, das nach einer Video-Überprüfung wieder zurückgenommen wurde. Joachim Andersen hatte den Ball über die Linie gedrückt. Doch Millimeter einer Fußspitze von Thomas Delany verhinderten den Treffer – und den Schock für die DFB-Elf.

Dänemark ohne Tor – und mit Joachim Andersen, den Unglücklichen: Denn im direkten Gegenzug entschied Oliver nach einer Video-Überprüfung auf Handelfmeter. Schmeichel ahnte die Ecke, Havertz hatte aber gut genug gezielt. Der deutsche Führungstreffer in der 54. Minute. Diese neun Minuten nach der Pause hatten sich angefühlt wie eine halbe Stunde. Spektakel pur. Dortmund eben.

Das deutsche Team verpasste danach die Entscheidung. Sowohl Havertz (59.), als auch Sané (64.) hätten den 62 000 Fans etliche Nerven ersparen können. Mit einem zweiten Treffer wäre Deutschland wohl schon so gut wie sicher im Viertelfinale gestanden. Doch das Zittern ging weiter, erst recht, als Hojlund frei im Strafraum Manuel Neuer zu einer Glanztat zwang (66.). Erst als Andersen seinen rabenschwarzen Tag damit perfekt machte, dass er beim langen Pass von Schlotterbeck auf Jamal Musiala dem besten deutschen Torschützen nicht mehr folgen konnte – und der zum 2:0 traf –, kehrte etwas mehr Ruhe in ein wildes Spiel ein. Wie schon in den Minuten zuvor ließ der Gastgeber den Ball zirkulieren – und fand immer wieder Lücken im dänischen Defensivverband.

Auch wenn dies nicht sofort zu klaren Torchancen führte, hatte es einen anderen Vorteil: Dänemark kam nicht in längeren Ballbesitz – und demnach auch nicht zur Chance, die deutsche Abwehr auszutesten. Antonio Rüdiger und Schlotterbeck – bis auf einen seiner typischen Aussetzer – verdienten sich Fleißnoten. Etwas, das sie im Viertelfinale wiederholen müssen. Denn die Dänen waren ein unangenehmer Gegner. Noch unangenehmer dürfte es mit Sicherheit gegen die Spanier werden, womöglich auch gegen Georgien.

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