⚽ Fußball-EM Füllkrug köpft DFB-Elf zum Gruppensieg

Niklas Füllkrug traf zum späten Ausgleich für die DFB-Auswahl gegen die Schweiz. Foto: dpa/Christian Charisius

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft verhindert in der Nachspielzeit die erste Niederlage bei der Heim-EM. Ein Dortmunder köpft das Team zum Achtelfinale nach Dortmund.

 
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Das letzte Gruppenspiel bei Turnieren war für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in der Vergangenheit nicht von großer Freude geprägt – und erst recht nicht von Entspannung. In den letzten drei Turnieren ging es jeweils um alles oder nichts. Weiterkommen oder Ausscheiden. Zweimal bedeutete zuletzt der Abschluss der Gruppenphase auch der Turnierabschluss für die DFB-Auswahl. Insofern war der Sonntagabend in Frankfurt für das Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann eine Abwechslung zur deutschen Turniertristesse des letzten Jahrzehnts.

Große Euphorie in der Arena

Dennoch wollte sich das deutsche Team mit einem Erfolg aus der Gruppenphase verabschieden. „Unsere Aufgabe ist es heute Abend, dass die Fans wieder einen Grund zum Jubeln haben“, sagte Nagelsmann vor dem Spiel in der ARD. Nach dem sicheren Einzug ins Achtelfinale am Dienstag mit dem zweiten Sieg sollte nun auch der Gruppensieg klar gemacht werden – allein schon, um möglicherweise einen leichteren Achtelfinal-Gegner zu bekommen. Und es wäre beinahe schief gegangen, doch Niklas Füllkrug köpfte das DFB-Team in der Nachspielzeit zum 1:1-Endstand – und damit zum Gruppensieg.

Der späte Treffer dürfte die Euphorie im Lande weiter anzuheizen. Ein Gefühl dafür bekam das Team beim Weg ins Stadion. Denn eine Besonderheit der Frankfurter Arena bescherte den deutschen Spielern ihren Tour-de-France-Moment. Wie die kühnen Radfahrer, die sich jeden Sommer durch fanatischen Fanmassen auf die französischen Gipfel hochquälen, schlängelte sich der deutsche Bus durch die begeisterten Deutschland-Fans.

Und auch die Partie war wie eine Besteigung eines steilen Hanges – auf jeden Fall sehr mühsam. Und das Team um Kapitän Ilkay Gündogan bewegte sich abseits der gewohnten Pfade. Erstmals in diesem Turnier geriet die DFB-Auswahl in Rückstand, erstmals gelang der zuvor völlig losgelösten deutschen Offensive nicht alles. Das Duell gegen die Schweiz wurde das „Spiel auf Augenhöhe“, wie es DFB-Teamchef Rudi Völler vorab prognostiziert hatte. Ein Spiel gegen eine „absolute Topmannschaft“.

Dabei hatte Nagelsmann auf dieselbe Startformation gesetzt wie gegen Schottland (5:1) und Ungarn (2:0). Sicherheit und Rhythmus solle dies bringen, begründete er seine Entscheidung. Es sollte ein Härtetest werden. Nach einem nervösen Beginn brachte die DFB-Elf nach gut zehn Minuten Ruhe ins Spiel. Wie schon gegen Ungarn schien Deutschland die Spielkontrolle zu finden – und dann alles in Richtung Erfolg zu bringen. Erst recht, als Robert Andrich den Ball im Netz versenkte. Bei seinem Aufsetzer aus der zweiten Reihe sah der Schweizer Keeper Yann Sommer alles andere als gut aus. Pech nur, dass Jamal Musiala vor dem Treffer im Strafraum Michel Aebischer gefoult hatte. Der Schiedsrichter entschied nach einer Video-Überprüfung auf Foulspiel – eine vertretbare Entscheidung.

Deutscher Führungstreffer wieder aberkannt

Die Führung hätte es dem deutschen Team wohl deutlich leichter gegen eine gut organisierte Schweizer Defensive getan. Das Team aus dem Nachbarland stand aber nicht nur defensiv gut, sondern wusste auch offensiv zu gefallen. Nachdem das Team von Trainer Murat Yakin offenbar die linke deutsche Defensivseite als Schwachstelle ausgemacht hatte, gelangen auch immer wieder gefährliche Aktionen durchs Zentrum. Der Führungstreffer für die Schweiz fiel aber über die links: Remo Freuler brachte den Ball halbhoch in den Strafraum, wo Dan Ndoye ins Tor verlängerte (28.). Erstmals in der Heim-EM war Deutschland in Rückstand.

Wie würde das Team reagieren? Es brauchte Zeit, um sich davon zu erholen – und hätte sogar noch schlimmer kommen können, als sich Ndoye gegen Antonio Rüdiger durchsetzte – und knapp am Pfosten vorbeischoss (31.). Rüdiger hätte vor der Pause ausgleichen können, bekam freistehend eine hohe Kroos-Eingabe aber nicht aufs Tor gedrückt (41.). Die Tatsache, dass nicht alles nach Plan lief, war allein daran abzulesen, dass Nagelsmann – entgegen der seiner Aussage vor dem Spiel, früh zu wechseln – an der Formation nach dem Seitenwechsel festhielt.

Mehr Abschlussaktionen nach der Pause

Daran wird sich im Achtelfinale definitiv etwas ändern, denn Jonathan Tah sah schon im ersten Abschnitt eine Verwarnung und ist damit im Achtelfinale gesperrt. Für die deutsche Defensive, die gegen die Schweiz ihren Stresstest nicht unbedingt bestand, heißt der Umbau nicht zwingend Gutes. Nagelsmann schenkte in der letzten halben Stunde mit Nico Schlotterbeck dem Tah-Ersatz schon mal Einsatzminuten.

Immerhin kam die deutsche Offensive nach der Pause deutlich öfter zu Abschlussaktionen. Es schien, als sei der Weg durch den Schweizer Defensiv-Block gefunden: Musiala hätte nach einem genialen Pass von Florian Wirtz den Ausgleich erzielen können, Gündogan im Abschluss sogar müssen (50.). Auch Kroos’ Strich aus der zweiten Reihe machte den 48 507 Zuschauern in der Frankfurter Arena Hoffnung auf ein Happy End – und den Gruppensieg.

Doch das deutsche Team tat sich weiterhin schwer gegen die aggressiv verteidigenden Schweizer, die sich auch nicht zu weit in die eigene Hälfte drängen ließen, sondern oft schon vor dem Halbfeld attackierten. Dadurch kam die deutsche Elf nur selten in die letzte Angriffszone – und spielte dann oft zu unpräzise. Bei Silvan Widmers Klammergriff gegen den eingewechselten Maximilian Beier hätten andere Schiedsrichter bei dieser EM wohl auch auf Elfmeter entschieden (70.). Und so zog in der Schlussphase wieder die Panik der vergangenen Turniere ins deutsche Spiel ein – obwohl diesmal eben kein Ausscheiden drohte, sondern nur die erste Turnierniederlage. Das deutsche Spiel nach vorn wirkte phasenweise wild und unstrukturierter als in den ersten beiden Gruppenspielen. Und das Konterspiel der Schweizer hätte beinahe zum 2:0 geführt, aber Vargas stand bei seinem Treffer im Abseits.

Als dann keiner mehr daran glaubte, dass Deutschland noch den Ausgleich erzielen würde, war Füllkrug bei einer hohen Eingabe von David Raum zur Stelle – und köpfte die DFB-Auswahl zum 1:1 und dem Gruppensieg.

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