Gas-Krise Bayerns Wirtschaft schlägt Alarm

Jürgen Umlauft
Besonders die keramische Industrie braucht viel Energie – und leidet unter der aktuellen Gas-Krise. Foto: dpa/Caroline Seidel

Millionen Arbeitsplätze sind von der Gas-Krise direkt oder indirekt bedroht. Besonders betrifft das Energiezweige, die in Oberfranken eine wichtige Rolle spielen.

Ein Stopp der russischen Gaslieferungen nach Deutschland würde die Wirtschaftsleistung im zweiten Halbjahr 2022 um 12,7 Prozent einbrechen lassen. Wegen seiner hohen Industriedichte wäre Bayern davon besonders betroffen. Das geht aus einer neuen Studie der Prognos AG im Auftrag der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (VBW) hervor. Drastisch wäre der Produktionsrückgang vor allem in energieintensiven Branchen, die zum Teil in Oberfranken von besonderer Bedeutung sind: In der Glasindustrie geht die Prognose von einem Minus von 47,8 Prozent aus, in der keramischen Industrie von 32,5 Prozent, in den Branchen Chemie, Textilien und Kunststoff von jeweils rund 30 Prozent. Auch die Auswirkungen auf die Nahrungsmittelherstellung wären mit minus 32 Prozent enorm.

Die Prognos-Studie hat die zu erwartende Entwicklung auf ein Szenario berechnet, wonach die russischen Gaslieferungen am 1. Juli abrupt beendet würden. Sie geht weiter davon aus, dass die Industrie alle kurzfristig umsetzbaren Möglichkeiten zum Gasersatz nutzt und Privathaushalte im Winter die Raumtemperatur um ein Grad drosseln. „Die Abhängigkeit von russischem Gas ist bislang massiv unterschätzt worden“, erklärte Prognos-Studienleiter Michael Böhmer. Alle bisherigen Vorhersagen, wonach die Wirtschaftsleistung nur im niedrigen einstelligen Bereich schrumpfen würde, nannte er „beschwichtigend“. Die neue Studie habe ergeben, dass die Gaslücke größer sei als angenommen, ebenso die Folgewirkung einer Gasknappheit auf die nachgelagerte Produktion etwa im Fahrzeugbau.

Der mit einem Lieferstopp eintretende Gasnotstand hätte zur Folge, dass wegen der priorisierten Belieferung der Privathaushalte die Gasverfügbarkeit in der Industrie um die Hälfte schrumpfen würde. Er gehe davon aus, dass sich das Minus auf alle Branchen gleichmäßig verteilen werde, meinte Böhmer.

Wegen der unterschiedlichen Abhängigkeit seien manche Industriezweige aber stärker betroffen als andere. Wegen Folgeeffekten würde auch der Dienstleistungsbereich mit fast acht Prozent weniger Wertschöpfung in Mitleidenschaft gezogen. Insgesamt wären deutschlandweit 5,6 Millionen Arbeitsplätze zumindest gefährdet. Je länger russisches Gas fließe, desto geringer würden die Auswirkungen eines Lieferstopps. „Zeit ist hier Gold wert, jeder Monat hilft“, betonte Böhmer.

VBW-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt appellierte an Unternehmen, Bürger und Politik, sich intensiv auf einen möglichen Gaslieferstopp vorzubereiten. „Putin kann uns jederzeit den Gashahn abdrehen, und wir müssen so gut es geht dafür gerüstet sein, wenn dieser Fall tatsächlich eintritt“, sagte Brossardt. Nötig sei die Nutzung aller anderen Energiequellen und für den Fall der Fälle eine „sinnvolle Priorisierung mit möglichst geringen wirtschaftlichen Schäden“.

Zudem müsse die Energiewende beschleunigt und von den Bürgern stärker mitgetragen werden. „Das Ziel muss die vollständige Unabhängigkeit von russischen Gaslieferungen in möglichst kurzer Zeit sein“, betonte Brossardt.

Mittlerweile wurde bekannt, dass die Gasspeicher inzwischen zu mehr als 60 Prozent gefüllt sind. Nach Berechnungen führender Wirtschaftsforscher ist demnach die Wahrscheinlichkeit einer Versorgungslücke im Fall eines Stopps russischer Lieferungen gegenüber April deutlich gesunken. Trotz mittlerweile erheblich besser gefüllter Speicher seien damit aber noch nicht alle Risiken für die Gasversorgung der Industrie im Winterhalbjahr gebannt, heißt es in einer Studie der Wirtschaftsforschungsinstitute IfW, Ifo, RWI und IWH. Die Forscher empfehlen, die Preise zu erhöhen, damit weniger Gas verbraucht wird.

 

Bilder