Grenzland-Filmtage Für jeden ein Platz in der ersten Reihe

Bei der Preisverleihung der 44. Grenzland-Filmtage saß jeder in der ersten Reihe – zu Hause im Wohnzimmer, wie hier Klaus Jentsch. Foto: /Silke Meier

Bei der Preisverleihung der 44. Grenzland-Filmtage haben alle einen Ehrenplatz. Ins Wohnzimmer kommen Filmschaffende aus aller Welt. „Zwei ist eine gute Zahl“ ist Publikumswahl.

Selb - Doch, man kann im gebügelten Hemd zur virtuellen Preisverleihung gehen. Während Vorsitzende Kerstin Fröber in Regensburg vor dem Bildschirm saß und die Sieger der Filmpreise bekannt gab, platzierte zweiter Vorsitzender Klaus Jentsch die Kameras und Laptops und eine der Porzellanvasen von Rosenthal in Selb. Unser Foto entstand eine halbe Stunde vor Beginn der Preisverleihung. Filmschaffende aus aller Welt nahmen in ihrem Land und ihrem Zuhause daran teil.

Treffen in virtueller Kneipe

Hintergrund der virtuellen Präsentation war ein Foto vom Saal im Selber Rosenthal-Theater, aufgenommen von Florian Miedl. Fröber dankte den Partnern und Sponsoren des Festivals: „Wir danken allen, die uns auch in dieser Zeit die Treue halten.“ Die Abende in der virtuellen Festivalkneipe seien angenehm gewesen. Überschwänglich freuten sich die Regisseure des vom Publikum gekürten Spielfilms „Zwei ist eine gute Zahl“, Holger Borggrefe und Stefan Hering. Und während Borggrefe und Hering vor dem heimischen Bildschirm jubelten, gingen im Chat der virtuellen Preisverleihung die Glückwünsche von Freunden und Mitbewerbern ein.

„Das ist echte Freude!“, kommentierte Fröber und „schade, dass wir uns nicht sehen und umarmen können.“ Den Publikumspreis im Genre Dokumentation gewann der Film „Mutwärts“, eine Geschichte zweier behinderter Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen.

Sieger aus Spanien

Den Preis für den mittellangen Spielfilm gewann die spanische Produktion „El Monstruo Invisible“. Der Film handelt von Menschen, die in Not sind und positiv gestimmt bleiben. „Between a Rock and a hard Place“ – vom dänischen Regisseur Mads Koudal – überzeugte das Publikum im Bereich der Kurzfilme.

Den Nachwuchspreis fördert die Sparkasse Hochfranken, den besten osteuropäischen Film die Stadt Selb. Die Gewinner werden durch eine Jury entschieden. Die Entscheidung fiel auf den ukrainischen Film „Augenbinde“ sowie „Isaac“. Die Jury, die sich für den osteuropäischen Film „Augenbinde“ entschieden hatte, begründete die Wahl mit der Qualität der Schauspieler, sensibler Regie und einprägsam inszenierten Einblicken in die Lebenssituationen im Hintergrund der bewaffneten Konflikte an der Ostgrenze der Ukraine. Kampfszenen seien nur im Boxring zu sehen. Soldaten sehen zu. Der Film nimmt die Frauen an der Heimatfront in den Blick und zeigt Gegensätze in gesellschaftlich definierten Rollen und sozialen Schichten. Die Weltanschauung der Protagonistin ändert sich auch durch die Begegnung mit Kriegsversehrten. „Isaac“ steht laut der Begründung der Jury in guter Tradition zu den Anfangsjahren der Grenzland-Filmtage, nämlich in osteuropäische Nachbarländer zu schauen und zu erfahren, mit welchen Themen die Filmemacher dort beschäftigt sind. Das Debüt des litauischen Regisseurs Jurgis Matulevicius betreffe Deutschland wie Litauen. Geschichtlich sei wenig darüber bekannt, dass von den Nazis auch während der Besetzung der baltischen Länder ein Großteil der ansässigen jüdischen Bevölkerung deportiert und in Konzentrationslagern ermordet wurde. Mit dem Einmarsch der deutschen Soldaten verband die Bevölkerung die Hoffnung, von der sowjetischen Fremdherrschaft befreit zu werden. Dieses politische Dilemma greift der Film auf und erzählt eine Geschichte von Schuld und Sühne:

Nach einer wahren Geschichte

Der Protagonist Isaac lässt sich in angeheizter Stimmung mitreißen und tötet bei einem von Nazis angezettelten Massaker seinen jüdischen Nachbarn. Issac glaubt, der Nachbar habe ihn verraten. Der Mord im litauischen Kaunas im Jahr 1941 ist historisch verbürgt und wird in der Stadt als Schandfleck gesehen, dessen man sich nicht erinnern möchte. Die Jury befand, es sei mutig, als litauischer Filmemacher mit einem Debüt-Film ein Tabu-Thema zu wagen. „Der Film Issac ist deshalb aus unserer Sicht nicht nur ein eindringliches persönliches Drama über Schuld, Verdrängung und Sühne, sondern ein gesellschaftlich relevanter Film“, begründet die Jury die Entscheidung.

In den Räumen des Vereins „Zukunft-Kinder“ verfolgten Sabine Schaefer und Ralf Franke die Preisverleihung.

 

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