Dass beide Vorsitzende große Autorität genießen, zeigt sich am Sonntag, als es besonders emotional wird - und für den Vorstand auch riskant. Es geht ums Herzensthema der Grünen, den Klimaschutz. Da steckt die Partei in ihrem derzeit vielleicht größten Dilemma: Die jungen Leute von Fridays for Future bringen nicht nur Stimmen, sie machen mit ihren radikalen Forderungen und dem Verweis auf die Klimaforschung auch enormen Druck.
Gibt die Parteispitze dem nach, muss sie sich - Stand jetzt - vom Traum verabschieden, in der "Breite der Gesellschaft" Wurzeln zu schlagen und bündnisfähig in alle Richtungen zu sein. Andererseits steht die Glaubwürdigkeit bei überzeugten Ökos auf dem Spiel. Kein Wunder, dass Habeck und Baerbock gleich mehrmals persönlich in die Bütt gehen, um etwa noch höhere Ausbau-Ziele für Ökostrom oder die Forderung nach Treibhausgas-Neutralität 2035 zu verhindern.
Habeck sagt, er bezweifele ja nicht, dass die Antragsteller in ihren Excel-Tabellen richtig gerechnet hätten. Aber die Gesellschaft funktioniere nun mal nicht wie eine Excel-Tabelle. Baerbock versucht, Ängste zu nehmen: "Zum Glück" sei nicht mehr 1998, als die Grünen zwar mitregieren durften, aber mit 6,7 Prozent keine übermäßigen Ansprüche an die SPD stellen konnten. Sie ruft: "Wir sind nicht das kleine Beiboot, wir können verändern im Hier und Heute."
Bei so viel Selbstbewusstsein, Zuversicht und am Ende auch Disziplin könnten die Regierungsparteien CDU und SPD glatt neidisch werden. Bei ihnen stehen nun auch Parteitage an - selbst ohne Farbbeutel könnte dort fast so gestritten werden wie einst bei den Grünen.