Haus Marteau Konzertsaal bekommt akustischen Feinschliff

Um die letzten akustischen Feinabstimmungen vorzunehmen, kam ein Dodekaeder im Konzertsaal zum Einsatz. Das ist ein spezieller akustischer Messlautsprecher, der den Schall in alle Richtungen abstrahlt. Foto: Frank Wunderatsch

Der neue Saal des Hauses Marteau ist nach mehreren Verzögerungen nun fast fertig. Aktuell gibt ein Akustiker Anweisungen für den perfekten Klang.

Lichtenberg - Lange hat es gedauert, doch nun steht der neue Unterrichts- und Konzertsaal des Hauses Marteau in Lichtenberg – nach drastischen Baukostensteigerungen und Bauzeitverzögerungen – kurz vor seiner Vollendung. Das teilt der Bezirk Oberfranken mit. Der verantwortliche Akustiker, Dr. Eckard Mommertz vom Ingenieurbüro Müller-BBM, gab nun letzte Anweisungen für den klanglichen Feinschliff.

Wie berichtet, ist die Optik des neuen Saals imposant: Mächtige Granitkeile lenken den Blick an die Decke. Die Gesteinskörper fächern einen Raum auf, der nach den Worten des Bezirks „magisch wirkt und außergewöhnliche Konzerterlebnisse verspricht“. Mit bis zu 13 Metern Länge und bis zu vier Metern Breite haben die Granitspitzen gewaltige Ausmaße.

Mommertz schildert seine erste Wahrnehmung des Unterrichts- und Konzertsaals: „Der Raumeindruck war überwältigend. Zunächst beeindruckt die Architektur, dann die Stille im Raum. Und die ersten musikalischen Klänge waren sehr überzeugend. Ziel unserer Arbeit ist es, die Architektur so zu beeinflussen, dass ein Raum für die vorgesehenen Nutzungen die richtige Akustik hat. Für den Proben- und Konzertsaal im Haus Marteau standen dabei beste Bedingungen für anspruchsvolle Proben und Konzerte im Vordergrund. Jetzt geht es nur noch um kleine bauliche Details.“ Das Besondere an diesem Saal sei für ihn neben der spektakulären Innenarchitektur auch die Materialwahl. „Ein Proben- und Konzertsaal aus Granit ist schon etwas Besonderes.“

Die bergbauliche Geschichte Lichtenbergs inspirierte Architekt Peter Haimerl dazu, die Stimmung eines Bergwerksstollens einzufangen. Damit und durch imposante Lichteffekte hat er die spektakuläre Komposition geschaffen, die den neuen Saal einzigartig machen soll.

„Die Anlehnung an Lichtenbergs Bergbautradition verbindet den Saal thematisch mit dem Ritterstädtchen, an dessen Rand sich der Geigenvirtuose Henri Marteau 1912/13 ein repräsentatives Sommerhaus erbauen ließ“, sagt Oberfrankens Bezirkstagspräsident Henry Schramm.

Akustik und Raumwirkung

Die imposanten Granitspitzen prägen den Raum nicht nur optisch, sondern auch akustisch, weiß Akustikplaner Mommertz: „Diese wurden in Zusammenarbeit von Architekt und Akustiker geometrisch so entwickelt, dass klanglich der Fokus auf die Bühne gerichtet ist. Raumproportionen und -geometrie sowie das Zusammenwirken der Materialitäten spielen dabei eine entscheidende Rolle.“ Die Granitsplitter reflektieren und streuen den Schall gleichermaßen und tragen so zu einem ausgewogenen Klangbild bei.

In den vier Sitzreihen zu beiden Seiten der Bühne sei das Publikum räumlich und klanglich sehr nah am musikalischen Geschehen; ein hohes Maß an klanglicher Transparenz werde so begünstigt. Die akustische Balance zu den Granitkörpern und den Betonwänden stellen das Podium und die Zuschauertribünen in Holz sowie die gepolsterte Bestuhlung her. Das kritische Hören und die Interaktion mit dem Publikum stünden durch diese Raumgestaltung im Mittelpunkt, erläutert der Ingenieur, dessen Firma weltweit für die bau- und raumakustische Beratung großer Opernhäuser, Theater und Konzerthäuser tätig ist – unter anderem für das Wiener Konzerthaus, das Konzerthaus am Gendarmenmarkt oder für das Sydney Opera House.

Hinter der beeindruckenden ingenieurtechnischen Planung und Konstruktion sowie dem Transport und Einbau der Elemente aus Granit stehen die Granitwerke Kusser aus dem niederbayerischen Aicha vorm Wald. „Die schwerste Granitspitze wiegt knapp sieben Tonnen“, erläutert Projektleiterin Stephanie Schreiter. 330 Granitplatten wurden im Werk mit Stahl zu 32 Granitkörpern verbaut. Der Entwurf des renommierten Architekten Peter Haimerl berücksichtige in besonderer Weise auch eine Nutzung des Saals als Unterrichtsraum bei den Meisterkursen, sagt der Verwaltungsleiter des Hauses Marteau, Dr. Ulrich Wirz.

Haimerl plante den Raum so, dass er zur Diskussion anregt: „Deshalb sind beidseitig der Bühne Sitzplätze in einer dialogischen Situation angeordnet. Diese Konstellation erfordert eine besondere Gestaltung des Raumes. Die splitterartigen Granitelemente definieren die räumliche Wirkung. Gleichzeitig nehmen die kristallinen Formen des Konzertsaals Bezug zu den Materialien, die hier abgebaut wurden“, beschreibt der Architekt seine Grundgedanken.

Die Inszenierung der Architektur ziele darauf ab, dass der Raum den Besucher überrascht. Neben der räumlichen Wirkung in dem 13 mal 13 Meter großen Unterrichts- und Konzertsaal solle das Material spürbar sein und einen direkten körperlichen Bezug zu den Musikern und Besuchern herstellen, sagt Haimerl: „Durch die lebendige Oberfläche und die vielfältigen Perspektiven wie auch die zahlreichen Details sollen die Zuhörerinnen und Zuhörer während eines Konzertes die Gelegenheit bekommen, eigene Bilder zur Musik zu komponieren, im Dialog der Richtungen neue Gedanken zu fassen, Vertrautes zu verlassen und sich der Raummagie hinzugeben.“

Neue Übungsräume und barrierefreier Zugang

In der Villa selbst wurden im Gartengeschoss drei zusätzliche Übungsräume geschaffen, um zwei Meisterkurse parallel veranstalten zu können und den Meisterschülern zeitgemäße Unterrichtsbedingungen zu bieten. Dafür wurde das Untergeschoss in einem aufwendigen Verfahren um 60 Zentimeter tiefer gelegt. Zudem wurden Villa und Saal durch den Einbau eines Aufzugs barrierefrei.

Mit der von der Oberfrankenstiftung und dem Bayerischen Kulturfonds unterstützen Maßnahme wurde im Herbst 2017 begonnen. Wie berichtet, hat der Bezirk Oberfranken die Kosten mehrmals nach oben korrigiert, ebenso wie er den Termin für das Ende der Bauarbeiten nach hinten verlegt hat: Aus ursprünglich 3,2 Millionen Euro Baukosten sind 5,3 Millionen geworden. Aus der Einweihung im Jahr 2019 wurde ebenso wenig wie aus einem Ende der Bauarbeiten in 2020. Zuletzt terminierte der Bezirk die Fertigstellung auf August dieses Jahres.

Der Bezirk Oberfranken veranstaltet in der denkmalgeschützten Künstlervilla des einstigen Violinvirtuosen Henri Marteau (1874–1934) jährlich rund 40 Meisterkurse mit renommierten Dozenten für herausragende Nachwuchsmusiker aus aller Welt. Neben den Meisterkursen findet dort in dreijährigem Turnus auch der Internationale Violinwettbewerb Henri Marteau statt.

 

Bilder