Hilfe für Nachbarn „Ich habe gehofft, dass er mich totschlägt“

Anna K. überlebt jahrelange häusliche Gewalt und kämpft nun mit den Folgen. Ein mutiger Schritt der Nachbarn bringt ihren Peiniger hinter Gitter. Doch der Weg zur Heilung ist lang.

Ihr Partner schlägt und würgt Anna K. – sogar während sie mit dem dritten gemeinsamen Kind schwanger ist. Foto: Tinnakorn - stock.adobe.com

Die Fotos auf ihrem Handy sind schwer zu ertragen. Sie zeigen Hämatome, Schnittwunden, Blut, das aus dem Ohr rinnt, zugeschwollene Augen, aufgequollene Lippen. Er hat sie grün und blau geschlagen. Er hat sie bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt, auch als sie mit dem dritten gemeinsamen Kind schwanger war. Die Kraft, ihn zu verlassen, fand Anna K. (Name geändert) dennoch nicht. Ihr Martyrium dauerte sieben Jahre. Ihr Ex-Partner sitzt mittlerweile in Haft.

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Bis heute leidet Anna K. – sie ist Ende zwanzig – unter den seelischen und körperlichen Folgen. Welche das sind, schildert sie im Gespräch mit unserer Redaktion. Sie erlitt mehrere Brüche, einen Trommelfellriss, musste operiert werden, hat jetzt auf dem linken Ohr einen Hörverlust und Tinnitus. Einmal steckte sogar eine Gabel in ihrem Unterschenkel, hineingerammt von ihrem Partner, auch davon gibt es ein Foto. „Irgendwann habe ich zumindest angefangen, es zu dokumentieren“, sagt sie.

Alles beginnt so schön wie im Bilderbuch: Anna K., die in Hof geboren und aufgewachsen ist, verliebt sich als junges Mädchen in ihren künftigen Partner, den sie als gefühlvoll beschreibt. Es ist ihre erste Beziehung. „Ich dachte, ich habe den perfekten Mann an meiner Seite“, erzählt sie. Doch die Fassade bröckelt schnell. Schon im ersten Jahr bemerkt sie bei ihm Tendenzen zu Aggression und Gewalt. „Aber da war ich noch blind vor Liebe, außerdem waren wir jung und ich dachte, da macht man eben Fehler, weil man noch nicht weiß, wie eine Beziehung funktioniert.“ Anna K. versucht, die negativen Züge auszublenden.

Nachbarn schreiten ein

Dann kommt das erste Kind – und ihr Leidensweg beginnt. Zunächst mit massivsten Beleidigungen und Unterdrückung, ab dem dritten Kind kommt körperliche Gewalt dazu. „Es hat sich über die Jahre aufgebaut.“ Doch sie zeigt ihn nicht an. Warum? Anna K. versucht es in Worte zu fassen: „Aus Angst und aus Loyalität zu ihm. Ich wollte eine gute Frau sein und es aushalten.“

Aber dann rufen Nachbarn die Polizei, weil sie durch Schreie mitbekommen, was in der Wohnung der jungen Familie abgeht. Die Polizisten verschaffen sich Zutritt und sehen, wie der Mann sie misshandelt. Sie leiten strafrechtliche Ermittlungen ein, der Gewalttäter wird verurteilt. Doch bis zum Haftantritt traktiert er Anna K. besonders schwer. „Er hat mir die Schuld dafür gegeben.“ Die junge Frau erlebt ein tägliches Martyrium über Stunden, bei dem er ihr auch ein Messer vor das Gesicht hält, damit sie das Schlafzimmer nicht verlassen kann. Anna K. ist ihrem Peiniger ausgeliefert, isoliert in der Wohnung mit den Kindern. Die hat ihr Partner zum Glück nie geschlagen. „Das habe alles ich abbekommen.“

Polizist rät zur Anzeige

In ein Frauenhaus geht sie nicht, weil sie ihren Kindern das vertraute Zuhause nicht nehmen möchte. „Obwohl ich so geschädigt war, bin ich immer wieder aufgestanden und habe mich um die Kinder gekümmert. Deshalb dachte ich, ich schaffe es auch ohne Frauenhaus, die Zeit bis zur Haft zu überstehen.“

Seit 2023 sitzt ihr Ex-Partner wegen der Misshandlungen im Gefängnis. Sie selbst hat ihn damals nicht anzeigt. Die Ermittlungen kamen einzig durch den Anruf der Nachbarn bei der Polizei in Gang.

Weitere Verhandlung

In diesem Jahr aber hat eine weitere Verhandlung gegen ihn stattgefunden. Und diesmal war es Anna K. selbst, die ihn anzeigt hat. Er wurde zu weiteren drei Jahren Haft verurteilt. Dabei legte er, erzählt Anna K., ein umfangreiches Geständnis ab und zeigte Reue. Dass es zu der Verhandlung kam, verdankt sie einem Polizisten, der sie ermutigt hatte, sich zu wehren. Denn es gab einen Vorfall auf offener Straße, als der Gewalttäter schon in Haft saß: Dessen Mutter attackierte Anna K. vor allen Leuten und ihren Kindern, würgte und schlug sie.

Anzeige gegen die Mutter

Daraufhin zeigte Anna K. die Mutter an, berichtete bei der Befragung auf der Wache von ihrem Leidensweg und zeigte den Beamten auch die Fotos von der Misshandlung durch ihren damaligen Partner. So kam es zur weiteren Verhandlung. „Seine Mutter war der Auslöser dafür, dass ich ihn ein Jahr danach wegen all seiner Taten angezeigt habe. Es hat mir gezeigt, dass ich endlich meinen Mund aufmachen und mich wehren muss.“

Ein neues Leben aufbauen

Während des Martyriums wäre das nicht möglich gewesen, weiß sie heute. „Am Ende war ich so erschöpft, dass ich gehofft habe, er schlägt mich tot. Ich wollte nicht mehr.“ Dennoch: Bis zuletzt hatte sie die Hoffnung, dass ihr Partner wieder der Mensch wird, den sie einst kennen gelernt hatte. Zumal er zwischen den Misshandlungen immer wieder Reue und Gefühle zeigte. „Er hat mich zu Hause halb totgeschlagen – und eine halbe Stunde später einer Frau auf der Straße geholfen, die wegen der Hitze umgekippt ist.“

Anna K. versucht jetzt, sich ein neues Leben aufzubauen. Nach dem Haftantritt ihres Ex-Partners hat sie die Wohnung verlassen, in der sie alles an seine Gewaltausbrüche erinnerte. Sie beschreibt, wie es dort aussah: Kaputte Türen, zerbrochene Fensterscheiben, zerschlagene Möbel. Mittlerweile wohnt sie mit ihren Kindern in einer Wohnung in der Region. „Ich versuche, meinen Alltag zu meistern, habe aber noch mit dem Trauma zu kämpfen.“ Gerne würde Anna K. psychologische Hilfe in Anspruch nehmen und steht auf zahlreichen Wartelisten. Einen Platz hat sie bislang nicht bekommen.

Plötzlicher Tod des Vaters

Die gelernte Erzieherin möchte auch wieder in ihren Beruf zurück finden, was aktuell wegen der körperlichen und psychischen Folgeschäden nicht möglich sei, wie sie sagt. Sie lebt von Bürgergeld, davon bleiben ihr 250 Euro, weil Kindergeld und Unterhaltsvorschuss abgezogen werden. Ihre Kinder sind im Grund- und Vorschulalter.

Finanzielle Sorgen belasten Anna K. zusätzlich. Neue Möbel konnte sie bis heute nicht kaufen. Sie muss mit der zerschlagenen Einrichtung aus der ehemaligen Wohnung zurechtkommen. Obendrauf ereilte sie jetzt noch ein schwerer Schicksalsschlag: Der plötzliche Tod ihres Vaters Anfang Dezember. Anna K. muss zu all dem Schmerz noch die Beerdigung organisieren und finanzieren. „Wir versuchen, sie so schlicht wie möglich zu halten.“ Dennoch würde sie ihrem Vater gerne zumindest die günstigste Urne kaufen, weiß aber nicht, woher sie das Geld dafür nehmen soll. Auch die Weihnachtswünsche der Kinder wird sie nicht erfüllen können, befürchtet sie.

Appell an Frauen in Not

Zum Ende des Gesprächs möchte Anna K. noch zwei Dinge los werden: Sie will den Mitarbeiterinnen des Frauennotrufs danken, dessen Nummer sie in der Vergangenheit oft gewählt hat. „Wenn sie nicht gewesen wären, hätte ich nicht gewusst, was ich machen soll. Das waren die rettenden Engel in der Not.“ Und: Sie möchte alle Frauen, die Ähnliches durchmachen, ermutigen, sich helfen zu lassen. „Ich weiß, dass man da alleine nicht raus kommt. Ich hatte einen riesigen Schutzengel, dass ich das alles überlebt habe.“

Gut zu wissen

Der Verein
„Hilfe für Nachbarn“ unterstützt Menschen aus der Region, die unverschuldet in Not geraten sind. Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, insbesondere „Anna K.“ helfen wollen, überweisen Sie Ihre Spende auf das Konto von „Hilfe für Nachbarn“ bei der Sparkasse mit dem Verwendungszweck „Anna K.“ Die Spenden sind steuerlich absetzbar. Für Beträge von mehr als 300 Euro gibt es eine Quittung (Adresse vermerken). Für kleinere Beträge reicht der Kontoauszug zu Vorlage beim Finanzamt. IBAN: DE 29 7805 0000 0220 0204 16 BIC: BYLADEM1HOF