Hilfe für Nachbarn Wenn das System versagt

Nathalie B. aus dem Landkreis Wunsiedel ist alleinerziehend. Ihr Sohn ist mit autistischen Zügen und ADHS diagnostiziert. Institutionen legen der jungen Mutter viele Steine in den Weg – das zieht nicht spurlos an ihr vorbei.

Weil ihr Sohn nie zur Ruhe kommt und wegläuft, ist eine Frau aus dem Raum Wunsiedel stark belastet. Foto: picture alliance / dpa/Julian Stratenschulte

Lange ahnte Nathalie B. nicht, dass ihr Sohn Richard (Namen geändert) anders ist. Mit zweieinhalb Jahren kam er in den Kindergarten. Zwar konnte er nicht sprechen, dafür baute er geschickt Legotürme. „Ich dachte mir nichts dabei“, erinnert sich die Mutter. Nach dem ersten Tag im Kindergarten änderte sich alles. Ihr Sohn sei „stark zurückgeblieben“, er müsse in eine Frühförderung, hieß es. „Das war eine völlige Schocksituation für mich“, sagt die Mutter.

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Körperlich ist Richard acht Jahre alt. Sozial ist er auf dem Stand eines dreieinhalbjährigen Kindes. Im Laufe der Zeit fanden Ärzte Worte für sein Verhalten: autistische Züge und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Der Autismus zeigt sich in fehlender Empathie. Soziale Situationen kann Richard schwer interpretieren, für andere Kinder interessiert er sich kaum. ADHS beschreibt Nathalie B. als Unordnung im Kopf. Richard sei ein Energiebündel – er ist körperlich unruhig und kann sich schlecht konzentrieren. Außerdem ist er pflegebedürftig.

Die diagnostischen Begriffe sind nichts als Worthülsen – die nicht annähernd beschreiben, was sich täglich in dieser Familie abspielt. Rund um die Uhr betreut Nathalie B. ihren Sohn. Sie ist alleinerziehend. Zeit für sich – die hat sie nicht. Vor langer Zeit schenkte der Vater ihr einen Gutschein für eine Anti-Stress-Massage. „Der liegt immer noch zu Hause rum.“ Nicht eine freie Stunde bleibt ihr. Die Mutter steht ständig unter Strom, muss immer funktionieren. Zur Ruhe kommt sie nie. Nicht einmal nachts: Ihr Sohn ist meist lange wach. Wenn er eingeschlafen ist, schlafwandelt er oft. Tagsüber besucht er eine Förderschule. Selbst dann kann Nathalie B. nicht abschalten. Ständig wartet sie auf einen Anruf, dass sie ihn abholen muss. Mindestens einmal pro Woche klingelt das Telefon. Die Schule sagt, dass Richard „nicht beschulbar“ sei. Dem Unterricht könne er kaum folgen, manchmal flieht er.

„Auf den ersten Blick merkt man ihm das nicht an“, sagt seine Mutter. Im Gespräch mit unserer Redaktion ist Richard dabei. Er schiebt sein Spielzeugauto durch das Café, spricht Fremde an, erzählt Witze und Anekdoten, einmal verschwindet er draußen im Dunkeln – sofort rennt Nathalie B. hinterher und schimpft. Beim Erzählen driftet sie manchmal ab, verliert den Faden. Ihre Blicke kleben an ihrem Sohn, verfolgen ihn auf Schritt und Tritt. „Ich bin immer nur mit einer Gehirnhälfte dort, wo ich sein sollte.“

Psychisch vorbelastet

Ständige Sorgen überrollen die junge Mutter. Sorgen, die auf realen Erlebnissen beruhen. Zum Beispiel, als sie einen Blutfluss an Richards Bein entdeckte. Beim Schaukeln hatte er sich die Haut aufgerissen. Von selbst bemerkte er nichts, weil er wenig Schmerz spürt. Als Richard kleiner war, musste er fast einmal pro Woche mit einer Platzwunde in die Notaufnahme.

Die Sorgen schlagen bei Nathalie B. auf die Gesundheit. Psychisch ist sie bereits vorbelastet. Ihre Mutter starb, als sie zwölf war. Dann kam eine Depression, die alles grau färbte. Jahrelang pflegte sie ihren Vater, vor zwei Jahren starb er. Die intensive Pflege hinterließ Spuren: Nathalie B. erlitt zwei Bandscheibenvorfälle. In vielen Punkten kann sie ihren Sohn verstehen: Sie selbst habe sich oft „außerhalb der Norm“ gefühlt. Auch Nathalie B. ist „unaufgeräumt im Kopf“ – sie hat ebenfalls ADHS.

Nicht nur psychisch, auch finanziell bewegt sie sich an der Grenze. Aktuell lebt sie von Bürgergeld. Das deckt aber nur die Fixkosten. Vormittags geht sie einem Ehrenamt nach, ihr Sohn besucht eine Schule in unmittelbarer Nähe. Arbeiten zu gehen wäre nicht realistisch. Jeden Moment könnte die Schule anrufen. Wenn Richard Ferien hat oder krank wird, müsste sich die Mutter frei nehmen. „Das macht keiner lange mit“, sagt sie.

Für ihren Sohn braucht sie neue Gewichtsdecken, einen Boxsack, spezielle Kopfhörer gegen die Reizüberflutung und eine Therapieschaukel. Die Krankenkasse übernehme die Kosten nicht: „Luxusprodukte“ seien das. Nathalie B. stimmt dem nicht zu – ihr Sohn sei darauf angewiesen.

Hinzu kommen Fahrtkosten. Täglich muss sie Richard zur Schule fahren und wieder abholen. Am Tag sind das vier Fahrten. Die Krankenkasse übernimmt 20 Cent pro Kilometer, was nicht ausreiche. Ein Schulbus kommt nicht in Frage, weil die Reize Richard überfordern würden. Ein Taxi sei zu teuer. „Das summiert sich alles“, sagt Nathalie B.. Eine größere Investition – wie ein neues Auto – würde sie finanziell aus der Bahn werfen. Noch immer zahlt die Mutter ein Auto ab, dessen Verschleiß mehr und mehr zunimmt. Die nächsten Ausgaben lauern schon: Sommerreifen zum Beispiel.

Tagesklinik schmeißt Richard raus

Was sich Nathalie B. für die Zukunft wünscht? „Einfach mal rauszukommen, wenn auch nur für ein Wochenende“, sagt sie. In der Ferne schimmert ein Hoffnungsfunken: Im August geht sie mit Richard auf eine Mutter-Kind-Kur.

Unterstützung bekommt Nathalie B. kaum, im System eckt Richard ständig an. Eine Hoffnung war die Tagesklinik: Dort sollte er mehrere Wochen verbringen. Nach sechs Tagen versuchte er zu fliehen. Dabei zerstörte er ein Bügeleisen, das im Weg lag. Die Klinik schmiss ihn raus. Nathalie B. hatte den Eindruck, als wäre ihr Sohn „zu anstrengend“ für das Personal gewesen. Auch Richard leidet unter der Situation: „Die waren voll gemein“, erzählt er. Er spricht davon, ihnen eine Falle zu stellen.

Eine stationäre Aufnahme wäre machbar – doch dagegen wehrt sich Nathalie B.. „Mein Vertrauen in Institutionen ist weg“, sagt sie. Eigentlich sollte ihr Sohn eine Schulbegleitung bekommen. Die wurde gestrichen: zu teuer. Dabei bräuchte er dringend weitere Unterstützung, vor allem wegen seiner Fluchtversuche. Die Mutter hat bereits Einspruch erhoben – noch hat sie keine Rückmeldung. Seit zwei Jahren steht Richard auf einer Warteliste für Logopädie.

Zu Hause fühlt sich Richard sicher, dort verspürt er keinen Leistungsdruck. „Bei Mama kann er sich aufführen, wie er will“, erzählt Nathalie B.. Draußen ist das anders. Die reizüberflutende Welt überfordert ihn. In der Schule kann er sich in eine dunkle Höhle zurückziehen, wenn ihm alles zu viel wird. Bereits ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt kann ihn aus der Bahn werfen. Oft kommt die Überforderung erst am nächsten Tag an die Oberfläche. „Dann bricht alles aus ihm raus – in extremster Weise.“ Er schreit und weint. Manchmal droht er, indem er eine Hand hebt oder eine Faust formt.

Wenn Richard überfordert ist, flieht er in die Tierwelt. Dann faucht er oder „schlängelt“ sich in schlangenartigen Bewegungen aus der Situation heraus. Der Junge ist fasziniert von Tieren, vor allem von Schlangen und Krokodilen. Auch Musik begeistert ihn: Am liebsten hört er Reggae und Techno. Außerdem ist er kreativ. Schon immer hat er gerne Türme aus Legosteinen gebaut – das hat sich über die Jahre und die Diagnosen hinweg nicht verändert.

Spenden

Hilfe für Nachbarn:
 Der Verein „Hilfe für Nachbarn“ unterstützt Menschen aus der Region, die unverschuldet in Not geraten sind. Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, insbesondere Nathalie B. helfen wollen, überweisen Sie Ihre Spende auf das Konto von „Hilfe für Nachbarn“ bei der Sparkasse mit dem Verwendungszweck „Nathalie B.“ Die Spenden sind steuerlich absetzbar. Für Beträge von mehr als 300 Euro gibt es eine Quittung (Adresse vermerken). Für kleinere Beträge reicht der Kontoauszug zu Vorlage beim Finanzamt.

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