Hof Haben Sie auch 'nen Netten hier?

"Gangsterblues" zwischen hartem Krimi und kabarettistischer Komödie: Der "Tatort"-Pathologe Joe Bausch berichtet so witzig wie drastisch über das Leben im Knast.

Hof - Das Böse ist nicht immer und überall, so schlecht ist die Welt auch wieder nicht. In Werl aber gibt es reichlich davon. In der dortigen Justizvollzugsanstalt, einer der größten im Lande, sitzen nicht nur, aber auch ganz schwere Jungs ein: Mehrfachmörder, Vergewaltiger, Kinderschänder …; früher RAF-Terroristen, Nazi-Verbrecher … "Wir waren froh, dass Honecker nicht kam."

32 Jahre hat Joe Bausch hier zugebracht, auch im Hochsicherheitstrakt und dort, wo die Sicherungsverwahrten hausen. Freilich hielt er sich freiwillig hinter Gittern auf. Als Leitender Regierungsmedizinaldirektor half er der Gesundheit der bösen Buben auf die Sprünge, tat also ein gutes Werk an ihnen; und allerdings musste er sich den Vorwurf gefallen lassen, er halte die "Knackis" ja nur frisch für weitere lange Jahre im Bau. "Da ist was dran", gab Bausch am Donnerstag in Hof nicht gern, aber offen zu.

Eingeladen hatte den studierten Rechts- und Theaterwissenschaftler, erfahrenen Bühnen- und Fernsehschauspieler, "Tatort"-Pathologen, breit ausgebildeten Mediziner und Bestsellerautor die Buchhandlung Rupprecht. Den gut 130 gebannt lauschenden und zunehmend amüsierten Zuhörern war eine "Lesung" aus Bauschs (nach "Knast") zweitem Buch, "Gangsterblues", versprochen worden; aber es wurde eine famose Performance daraus. Fahrig in den Seiten blätternd, trug er daraus gerade mal ein paar Sätze vor, um sich immer wieder sogleich von der Vorlage zu lösen und frei zu erzählen. Und das kann er: gelöst, mit der Spannkraft des geborenen Entertainers, selbstbewusst ohne Überheblichkeit, mit dem souveränen Humor und der Pointen-Präzision eines gestandenen Kabarettisten. Gut zwei Stunden, stehend, ohne Pause: "Ich kann alles außer kurz."

Einen schweren Jungen könnte auch er geben mit seinem wuchtigen Glatzkopf und dem tief geschnittenen, bärbeißigen Gesicht. Darf man das sagen? Man darf: Er spöttelt in einem Nebensatz selbst darüber. Den harten Hund markiert er gern, in der coolen Hard-boiled-Prosa seiner Bücher wie in der sarkastisch abgeklärten freien Rede. Man glaubt ihm: Anders als mit rauer Schale und stacheliger Distanz überlebt man auch als Arzt in solchem Kittchen nicht leicht.

Viel Informatives und Hintergründiges - auch manches Kritische - über die Verbrecherszene hierzulande und über den teils nicht mehr zeitgemäßen Strafvollzug weiß Bausch aus eigener, nächster Anschauung zu berichten. Aber er flicht es bevorzugt in "Geschichten" ein, die greifbar von Menschen und Taten handeln. Von Unglück auch, wie jenem, dass Markus L. erlitt: Der saß, als junger Mann wegen eines bestialischen Frauenmords verurteilt, zwanzig Jahre lang ein - nachweislich unschuldig.

"Sind das alles echte Mörder?", fragten immer mal wieder die Kamerateams, die sich in der "Bundesjustizvollzugsmedienanstalt" die Klinke in die Hand gaben. Bauschs Antwort: "Andere haben wir gerade nicht da." Und: "Haben Sie", wollten die Redakteure wissen, "nicht auch ’nen Netten hier?" Na ja. Die "Netten", das sind die smarten Betrüger, auch die Junkies, die dem Knast ihr Leben verdanken. Zu den weniger Gutmütigen gehörte etwa Sigi, ein Dauer-Stänkerer und Ekel; einen Hammer beantragte er, "zum Totschlagen der Zeit", bis er einen hohen zweistelligen Millionenbetrag erbte: Neben viel anderem Luxus-Krimskrams erwarb er einen roten 250 000-Euro-Ferrari, in dem er sich Fahrstunden geben ließ. Bausch: "Wir dachten: Hoffentlich haut er ab." Gar nicht nett fanden die Gefangenen ihren Mithäftling Udo W., der sie brutal zu schikanieren liebte ("Das Schlimmste im Knast sind nicht Gitter und Schlösser, das Schlimmste ist der andere"). Zudem vertickte Udo Hardcorepornos, für die Handys der Zellennachbarn, gedreht mit einer Elfjährigen. Im Kraftraum hat eine Hantel, von unbekannter Hand geschwungen, Udos intimste Teile für immer zermalmt. Wer war’s? Wer weiß. Im Gefängnis, sagt Bausch, wird eisern geschwiegen. Und nirgends gibt es so viele Experten fürs Böse wie hier.

Solche Koryphäen sitzen auch schon mal vorm Fernseher zusammen und schauen "XY - ungelöst", fachsimpelnd: "Klar, wenn du den Zeugen leben lässt, hast du die Arschkarte gezogen." In solchen Anekdoten vermengt sich Bauschs grotesker Witz untrennbar mit dem grausig Abgründigen der Bluttat, die unter den Knackis mal als Heldenstück gefeiert, mal abgetan wird als "banal" und nicht der Rede wert. Gerade diese Spannung spiegelten die zwei spannenden Stunden in der Buchhandlung wider: vergnüglich wie eine pfiffige TV-Komödie, fesselnd wie ein "Tatort"-Krimi. Mindestens.

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Am 29. April ist Kritiker Denis Scheck in der Buchhandlung Rupprecht zu Gast." target="_blank">

 

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