Hofer Verein hilft Weil trotzdem Menschen durchs Netz fallen

Das Elend ist oft kaum zu begreifen: Immer mehr Menschen in der Region sind in Not, psychisch wie finanziell. Ein kleiner Verein hilft jenen, die durchs Raster rutschen – unermüdlich, aber mit Grenzen.

 
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„Du kannst den Leuten den Weg zum Klo zeigen, aber scheißen müssen sie selber.“ Der Satz sitzt. Ernst Günter Deeg sagt ihn so trocken wie vieles andere auch – er selbst hat ihn auf die harte Tour gelernt. Seit sechs Jahren ist er Vorsitzender und treibende Kraft des Hofer „Vereins für psychisch Kranke und gegen Altersarmut in Deutschland“: 100 Mitglieder, 60 davon bedürftige, 40 fördernde, jede Menge Arbeit – und auch jede Menge Abfuhren, Grenzen, Enttäuschungen. Seit sechs Jahren ist er im Einsatz für die, die sonst kaum noch jemanden auf der Welt haben. „Damals habe ich alles für die Leute gemacht, ich hätte ihnen auch den ... abgeputzt.“ Aber mittlerweile hat er auch viele Fälle von „kleiner Finger, ganze Hand“ durch – ein wichtiges Thema also, bei aller unkomplizierter Nächstenliebe: Selbstschutz.

Er steht gerade wieder einer alten Frau bei, die weder ein noch aus weiß. Ihre Wohnung hat sie völlig vermüllen lassen, ein Leben darin scheint kaum vorstellbar. So hat er mit ihr die Runde gemacht: hat die Seniorenheime wegen Kurzzeitpflege abgeklappert, hat sie tageweise in einer Klinik untergebracht, momentan wohnt sie kurzfristig in einer Pension. Wie es danach weitergeht? Keine Ahnung: „Mit der Frau befassen sich so viele Stellen, so viele wissen um ihre Situation und kümmern sich da, wo sie jeweils zuständig sind – aber unterm Strich hat sie allein es in der Hand“, sagt Ernst Günter Deeg.

Mit einem anderen aktuellen Beispiel war es einfacher: Da ist ein Mann in Sozialhilfe gerutscht, konnte aber nicht mehr in die gesetzliche Krankenversicherung wechseln – die Beiträge der Privatversicherung hätten quasi seine gesamten Leistungen aufgefressen. Da ist Deeg Klinkenputzen gegangen bei den beteiligten Stellen, gemeinsam haben sie einen Weg gefunden. Da helfen ihm selbst zwei Dinge: Zum einen ist er vom Fach, er war im städtischen Sozialamt angestellt und kennt sich aus in der Sozialgesetzgebung und der Bürokratie. Zum anderen ist er selbst Betroffener gewesen.

Auch er hatte viele Jahre mit psychischen Problemen zu kämpfen, das Paket, das er zu tragen hat, ist nicht klein. Da ist er auch ganz offen: „Eine Aufgabe zu haben, ist etwas ganz wichtiges.“ Dass er mittlerweile auf der Mailbox seines Handys so etwas wie Bürozeiten angibt und versucht, nie mehr als zehn Stunden am Tag mit Arbeit für andere zu verbringen, ist auch für ihn ein Fortschritt in Richtung korrekte Strukturen. An anderen Stellen aber geht es eben genau darum, keine Strukturen zu haben.

Und die Schuldfrage?

Deeg erledigt (und bezahlt mit Vereinsgeldern) mal einen kleinen Einkauf, wenn es gerade nicht anders geht. Er trifft sich mit vielen zu Erst- und Zweitgesprächen: Es helfe oft schon, wenn Menschen merken, dass ihnen zugehört wird. Er vermittelt zwischen den Behörden und Ämtern, Wohlfahrtsverbänden und anderen sozialen Trägern, und hilft beim Antragstellen und dem Gang zum Jobcenter. Immer mit dem Versuch, Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten – immer in dem Wissen, dass zu viele sich dann zu sehr auf ihn (und andere) verlassen. Auch, weil sie es gar nicht anders können: „Vor allem die psychischen Krankheiten nehmen zu“, sagt Deeg. Und die Schuldfrage? „Eigentlich dürfte in Deutschland niemand durchs Netz fallen, trotzdem gibt es viele Leute, die komplett mittellos sind. Das ist eine Katastrophe.“ Ja, er kenne Obdachlose, die es gar nicht anders wollten, trotzdem kämen sie nicht klar mit der Situation. So ist auch aus seiner einst grenzenlosen Empathie ein realistischerer Blick auf die Dinge geworden. Was ihn freue: Nachdem er bei Spendenanfragen schon eine vierstellige Zahl an Ablehnungsschreiben und Garnicht-Reaktionen eingefahren hatte, haben mittlerweile viele lokale Politiker mal vorbeigeschaut beim Verein. Als Signal, dass die Arbeit dort gesehen wird. Jüngst hat er sich über eine richtig herzliche Unterstützungsaktion gefreut.

Kürzlich großes Abendessen

Die Vineyard-Gemeinde Hof, eine freie christliche Gemeinde, hatte alle Interessenten zu einem gemütlichen Abend ins Gemeindehaus eingeladen. An liebevoll dekorierten Tischen gab es Kürbissuppe, Rinderschmorbraten und Dessertbuffet, drei Musiker der Hofer Symphoniker umrahmten den Abend musikalisch, und jeder der 45 Gäste, die kamen, freute sich schon beim Hinsetzen über die Begrüßungsserviette: „Schön, dass Du da bist!“ Der Abend sei toll gewesen, die Menschen hätten sich richtig wohl gefühlt und seien regelrecht aufgeblüht: „Die Gemeindeleute hatten sich wirklich viel Mühe gemacht. Der Koch hatte den Rinderbraten daheim vorgegart, in der Küche haben sie über 100 Klöße gerollt, und es gab einen riesigen Topf Blaukraut“, berichtet Deeg.

Und es stehen auch bereits wieder ein paar andere Termine im Vereinskalender. Sommerfest, Fahrt ins Blaue und Weihnachtsfeier gehören mittlerweile zum Jahresprogramm, auch trifft sich mittlerweile regelmäßig eine Bastelgruppe: Auf 20 feststehende Termine kommen die Beteiligten inzwischen jährlich. Wichtigste Einrichtung des Vereins aber ist Ernst Günter Deegs Handy: Es gibt immer jemanden, der Hilfe benötigt. Zweitwichtigste Sache im Vereinsleben: das Auto. Die Hofer Hospitalstiftung hat dem Verein vor einigen Jahren einen kleinen Flitzer finanziert, Diakonie und Caritas tragen die Hauptlast des Unterhalts. Damit die Spenden und die Pflichtabgaben der Krankenkassen für Selbsthilfegruppen im Hofer Land, von denen der Verein profitiert (ein mittlerer vierstelliger Betrag im Jahr) jenseits von Kosten für Büromaterial den Bedürftigen zugute kommen können. Die Arbeit, die dahintersteckt: alles Ehrenamt.

Kontakt und Spendenmöglichkeit

Kontakt: Ernst Günter Deeg, Telefon: 0151/10610645, E-Mail: egger64@freenet.de

Spenden: Wer den Verein finanziell unterstützen möchte, kann das tun: Spendenkonto DE11 7805 0000 0222 5839 65 bei der Sparkasse Hochfranken.

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