In Brand bei Marktredwitz Lyrik geht auch in der Leichenhalle

Alfons Prechtl

Eine besondere Veranstaltung gab es auf dem Friedhof in Brand bei Marktredwitz. Komplett auswendig trägt Pfarrer Kurt Kräß 37 Zitate vor.

Auswendig trug Pfarrer Kurt Kräß (links) 37 Zitate unter dem Motto „Zweiten des Lebens“ vor. David Jedeck (mitte) lieferte die passende Jazzmusik. Foto: Alfons Prechtl

Ein gelungener Start gelang dem Friedhofförderverein mit der Veranstaltung „Lyrik in der Leichenhalle“. Die Vorstandschaft war sich schon länger einig: Dieses Gebäude sollte nicht nur für Begräbniszeremonien genutzt werden, sondern man wollte es auch für kulturelle Ziele „mit Leben“ erfüllen.

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Es herrschte in und um das Friedhofsgelände willkommene Stille. Der Lärm der vorbeiführenden Straße war verstummt. Vogelgezwitscher war in den kurzen Pausen ohne Weiteres vernehmbar. Die Halle selbst war innen hell beleuchtet, der handgeschöpfte Papier-Vorhang der Künstlerin Anne Litzker-Lubin diente als Blickfang. Vorsitzender Roland Blumenthaler fasste sich in der Begrüßung kurz und freute sich mit dem Förderverein über den guten Zuspruch. In Hinblick auf die Dichterlesung zitierte er aus dem Buch „Nichts“ von Janne Teller: „Ich könnte endlos darüber sprechen, wie man den Glauben an die Menschlichkeit verlieren kann, aber ich möchte viel lieber darüber sprechen, wie er wieder hergestellt werden kann. Ich möchte viel lieber über das Wasser und das Salz sprechen, das ich zwischen den Zeilen der Gedichte gefunden habe, die ich jeden Tag in kleinen Stücken zu mir genommen und auswendig gelernt habe. Einige der Gedichte habe ich seither vergessen, aber an die meisten erinnere ich mich noch. Jedes ist zu einem kleinen unsichtbaren Lächeln in meiner Seele geworden, traurig oder freudig.“

Pfarrer Kurt Kräß und Musiker David Jedeck standen im Fokus der gut einstündigen Veranstaltung. Der evangelische Pfarrer ist in der Region kein Unbekannter, war er doch viele Jahre Pfarrer in Selb und leitete ab 1988 das Evangelische Bildungs – und Tagungszentrum in Bad Alexandersbad. Zuletzt war er Dekan der evangelisch-lutherischen Kirche in Memmingen. 2015 trat er in den Ruhestand. Schon immer war ihm das Vortragen von Gedichten und Texten ein Steckenpferd.

37 Texte von 18 Autorinnen und Autoren

Unter dem Titel „Zeiten des Lebens“ trug er nicht weniger als 37 Texte vor. Alle auswendig, ohne jegliche Hilfsmittel. Dabei beleuchtete er die ganze Bandbreite des menschlichen Lebens. Er verzichtete bewusst auf persönliche Erläuterungen, sondern ließ die Texte so wirken, wie sie vorgetragen wurden. Der Besucher sollte sich seine eigenen Gedanken machen. Insgesamt zitierte er 18 verschiedene Autorinnen und Autoren der letzten Jahrhunderte.

David Jedeck stammt aus Lübeck und absolvierte an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg das Musikstudium mit Schwerpunkt Jazz. Er ist Mitglied mehrerer Bands, erarbeitet aber auch selbst Kompositionen und Projekte. Heute lebt er in München. Für seinen Auftritt in Brand hatte der Künstler ein „kleines Orchester“ mitgebracht. Er spielte selbst Saxofon, Klarinette und Querflöte und hatte am Synthesizer verschiedene Passagen einprogrammiert. Insgesamt war die Musik der Würde des Hauses angepasst. Auch Jedeck war, wie die Besucher, angetan von der Atmosphäre der Veranstaltung.