Welche Rolle biologische Faktoren bei unserem Bild von Männlichkeit spielen, lässt sich nach Ansicht von Heesens kaum eindeutig beantworten. "Nehmen wir das Hormon Testosteron – es gibt Studien, die biologische Einflüsse belegen, und andere, die das klar widerlegen."
Wichtiger sei es, soziale Konstruktionen zu erkennen, die Menschen in enge "Geschlechtergefängnisse" zwängen. Eigenschaften wie Empathie, Fürsorglichkeit oder Kooperation würden Männern immer noch seltener zugeschrieben, obwohl sie entscheidend für gesellschaftlichen Zusammenhalt seien.
Neue Leitbilder werden benötigt
Horlacher verweist darauf, dass Männlichkeit weder naturgegeben noch statisch sei. Sie zeige sich vielmehr in vielfältigen Formen – abhängig von sozialer Schicht, Herkunft, Religion oder Generation. In der modernen Männlichkeitsforschung gehe es daher nicht mehr darum, eine einheitliche Definition zu finden, sondern die Vielfalt und Widersprüche von Männlichkeit zu verstehen.
"Wir müssen dahin kommen, dass Männer sich selbstverständlich empathisch, fürsorglich und kooperativ verhalten können – in Familie und Beruf", fordert von Heesen. Dafür brauche es neue Leitbilder, die Stärke nicht über Härte definieren, sondern über Verantwortung.
"Box der Männlichkeit muss gesellschaftlich aufgebrochen werden"
Dass Männer laut Horlacher im Durchschnitt früher sterben, häufiger zu riskantem Verhalten neigen und seltener psychologische Hilfe suchen, ist dabei kein Zufall, sondern Teil dieser erlernten Muster. Beide Forscher sind sich einig: Nur wer Männlichkeit als wandelbares, lernbares Konzept versteht, kann Strukturen aufbrechen, die Männern und Frauen schaden.