Was war passiert? Ratzinger, der Akademiker auf dem Stuhl Petri, sprach an der Uni Regensburg, wo er einst gelehrt hatte. Er zitierte aus einer Aufzeichnung aus dem 14. Jahrhundert: Der byzantinische Kaiser Manuel II. unterhält sich mit einem Perser über Christentum und Islam. Dabei polemisiert der Kaiser gegen den Propheten Mohammed. Dessen Lehren hätten nur "Schlechtes und Inhumanes" gebracht, wie etwa die Vorschrift, den Glauben "durch das Schwert zu verbreiten".
An das Zitat habe sich Benedikts Kernbotschaft angeschlossen, nämlich die, dass der Glaube nicht mit Gewaltanwendung vereinbar ist, sondern der Vernunft bedarf, betont Pollack. "Schließlich geht er noch einen Schritt weiter - das hat jetzt übrigens auch Papst Leo XIV. herausgearbeitet -, indem er sagt: Diese Verbindung zwischen Glauben und Vernunft, zwischen Religion und Wissen, das ist die Grundlage für die Verständigung zwischen den verschiedenen Kulturen."
"Ganz bewusst Öl ins Feuer gegossen"
Darauf sei es Benedikt XVI. angekommen: "Wenn es diesen Zusammenhang zwischen Glauben und Vernunft nicht gibt, dann werden wir uns im Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen nicht verständigen können. Dieser Gedanke ist in der Auseinandersetzung um die Regensburger Vorlesung verloren gegangen."
Vielleicht müsse man dem Papst eine "gewisse Naivität" zuschreiben, folgert Pollack, dass er die politische Sprengkraft seiner akademischen Rede unterschätzt habe. Zugleich sei das Thema in bestimmten muslimischen Kreisen auch ausgenutzt worden. "Da ist ganz bewusst Öl ins Feuer gegossen worden. Die Massenproteste in der islamischen Welt setzten ja erst drei Tage nach der Rede ein. Gewiss hat Benedikt XVI. unterschätzt, wie politisch seine Rede war. Zum Teil ist er aber wohl auch bewusst missverstanden worden."
Der Papst des Rücktritts
Unvorstellbar war im Jahr 2006, dass Benedikt sieben Jahre später zurücktreten und damit völlig überraschend die Kirchengeschichte neu schreiben sollte. Sautermeister sagt dazu: "Er ist letztlich daran gescheitert, weil er in einer Art kindlicher Frömmigkeit Sicherheit und Halt im Glauben suchte, aber sich nicht in der Lage sah, die großen Herausforderungen zu bewältigen, vor denen der Vatikan und die Kurie stand."
Der Rücktritt sei epochal gewesen. "Denn gerade er, der für die Reinheit der Lehre wie kein anderer stand und der von der Heilsbedeutung der Kirche und von seiner Berufung als Papst durch Gott überzeugt war, trat zurück; etwas, was über Jahrhunderte kein Papst getan hatte."