Kickboxen 15 Weltmeister auf der Hollywoodschaukel

Etwas älter geworden, aber längst nicht eingerostet. Gastgeber Alois Hofmann (Bildmitte) Foto: /Tino Peipmann

Es sind die ersten Kickboxer Europas, sie haben die Sportart etabliert. Das Who is Who der 70er und 80er trifft sich beim Weltmeister aus Hof.

Handgemachte Musik im Garten der Hofmanns in Uschertsgrün bei Schauenstein. Ferdinand Mack spielt die Gitarre, die Brüder Karl-Heinz und Hans-Peter Weinhold begleiten ihn mit Schifferklavier und Tamburin – alle drei singen in die illustre Gesprächsrunde der zwölf anderen Anwesenden hinein. Alles mutet nach einem gemütlichen Wochenendtreffen von Freunden. Das ist es auch, aber doch eins der besonderen Art. Alle 15 sind Kickbox-Champions. Alle sind Pioniere, die diese Sportart in Europa salonfähig machten – durchdekoriert mit Welt- und Europameistertiteln, Sieger etlicher Championate, dass sogar Gastgeber Alois Hofmann die Übersicht verliert. „Allein Ferdinand an der Gitarre ist fünffacher Weltmeister – viermal bei den Amateuren, einmal als Profi. Karl-Heinz und Hans-Peter kommen beide aus Innsbruck und sind beide auch Weltmeister im Leichtkontakt-Kickboxen. Und wenn ich so in die Runde schaue...“, Hofmann zählt vor sich hin... „Also ich komme hier auf gut 15 Weltmeistertitel und dazu noch etliche Vizeweltmeister und Europameister. Genau kann ich das aus dem Stegreif gar nicht sagen.“

Acht Jahre ist es her, da hatte Hofmann die Idee, ein solches Treffen zu organisieren. Besonders schwer sei es nicht gewesen, sagt er. „Zum Glück gibt es ja Whatsapp – das macht es möglich. Da haben wir die Kontakte wieder aufgebaut und dann beibehalten. Einige Leute habe ich seit 30, 40 Jahren nicht mehr gesehen.“

Die Treffen kamen so gut an, dass sie seit 2020 dann jährlich durchgeführt wurden – wegen Corona und den damit verbundenen Auflagen in der Gastronomie die vergangenen beiden Jahre eben bei Hofmanns daheim in Uschertsgrün. Und sie kommen gerne von überall her. Aus Deutschland sowieso, die Weinholds aus Österreich, Jean-Piere Schupp, der Gründer des Schweizerischen Kickboxverbands, ist Eidgenosse und Dieter Herdel, 1979 in Florida Vizeweltmeister, lebt seit 14 Jahren in Brasilien. Er nutzt den Besuch bei seiner in Deutschland lebenden Familie, um ebenfalls beim Treffen der Kickbox-Oldies dabei zu sein.

Es herrscht eine entspannte, familiäre Atmosphäre, obwohl viele der Anwesenden sich jahre-, teilweise jahrzehntelang nicht mehr gesehen haben. „Wir sind im Geiste verbunden, auch wenn wir nicht zusammen sind“, sagt Manfred Vogt, 1979 Vize-Europameister in Mailand. „Wir haben viel erlebt, wegen Wettkämpfen die halbe Welt bereist. Das vergisst man nicht. Da sind Freundschaften entstanden, die über Jahrzehnte halten.“ Dem kann Peter Habrecht, der erste deutsche Kickboxweltmeister bei den ersten Welttitelkämpfen überhaupt, nur beipflichten. Der gebürtige Hesse lebt jetzt in Salzburg und ist das erste Mal bei einem solchen Treffen dabei. „Ich bin ganz glücklich, dass ich gekommen bin. Es ist halt wirklich eine tolle Kameradschaft. Einige habe ich dreißig Jahre nicht mehr gesehen, es fühlt sich aber so an, als wäre es gerade gestern gewesen. Das ist für mich ein wahnsinniges Erlebnis.“

Es wird viel gesprochen, über die vergangenen Zeiten, doch auch über den Status quo. Der Gastgeber hat noch gute Erinnerungen an die Zeit des Anfangs, als Kickboxen so um 1974 aus den Staaten nach Europa herüberschwappte. Angefangen hatte Hofmann mit Karate. „Da hat es ja kaum etwas gegeben hier in der Region. Und irgendwann habe ich gehört, da gibt es was Neues. Da bin ich nach Wolfsburg gefahren und habe dort einige Leute, von denen einige heute auch hier sind, erst einmal nur kämpfen gesehen und mir gedacht: Das ist der Sport, den will ich machen.“ Hofmann fährt auf Lehrgänge und bringt Kickboxen 1976 zum Post SV nach Hof. Es dauert nicht lang, da feiern sie in der Saalestadt Riesenerfolge. 1985 holen sowohl Alois Hofmann, als auch Bodo Daniel Weltmeistertitel im Kickboxen nach Hof.

Alle sind rückblickend stolz, welche Entwicklung ihr Sport genommen hat, stolz auf ihren Beitrag. „Alle die hier sind, haben den Sport wirklich gelebt, anders, als das heute der Fall ist. Ohne Geld, nur mit sportlichem Ehrgeiz und Spaß das Kickboxen vorangetrieben und zu dem gemacht, was es heute ist“, meint Habrecht. „Wir waren die ersten Pioniere und man muss allen Jungs Danke sagen, dass sie da mit so viel Herz dabei waren.“ Heute ist Kickboxen im Deutschen Olympischen Sportbund und auch weltweit ist die Sportart bei den World Games, der Vorinstanz zu den olympischen Spielen, seit zwei Jahren fest installiert.

Doch wie steht es um Anekdoten seitens der Veteranen? Da müsste es doch einige geben? „Da könnten wir Bücher schreiben“, lacht Habrecht. „1980 war ich mit Michael Kuhr in London. Am Buckingham Palast stehen doch diese Wachsoldaten, die sich nicht bewegen dürfen. Michael sagt: Mal schauen, ob der zuckt. Dann ist er vor den hingetreten und hat ihm mit seinen Füßen so 10, 15 mal knapp zehn Zentimeter vor der Nase in die Luft gekickt. Der Soldat hat sich natürlich nicht gerührt und Micheal meinte: Okay, das ist langweilig – lass uns was anderes machen.“ Auf Nachfrage an Kuhr, ob er bei seiner Aktion keine Angst vor einer Reaktion hatte, sagt der dreifache Weltmeister und erste Kickbox-Profi-Weltmeister überhaupt nur: „Nein. Ich war doch viel zu schnell.“

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