Klima-Zeitsprung ins Jahr 2080 In Stuttgart könnte es so heiß werden wie in Süditalien

Markus Brauer/
40 Grad im Sommer? Im Jahr 2080 könnte eine solche und noch höhere Temperaturen in Stuttgart die neue Normalität sein. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Wie wird sich das Klima dort, wo ich lebe, in Zukunft anfühlen? Wohl viele Menschen können sich das nicht wirklich vorstellen. Mit einer interaktiven Karte lässt sich jetzt für den eigenen Wohnort nachschauen, welcher Stadt oder Region er womöglich ähneln wird.

 
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Berlin könnte sich künftig anfühlen wie die italienische Emilia Romagna und Miami wie Saudi-Arabien. Eine interaktive Karte zeigt jeweils die Stadt oder Region, deren heutiges Klima dem erwarteten künftigen des eigenen Wohnortes am ähnlichsten ist. Ausgearbeitet hat die „Future Urban Climates“ genannte Anwendung der Umweltforscher Matthew Fitzpatricks von der US-Universität Maryland in College Park.

Anstieg von Temperatur und Luftfeuchtigkeit

Die Karte illustriert, dass sich Temperatur und Luftfeuchtigkeit durch das Fortschreiten der Klimakrise bis 2080 Werten angenähert haben könnten, wie sie derzeit für näher am Äquator liegende Regionen typisch sind. Einbezogen sind Daten für mehr als 40 500 Städte und über 5000 Metropolregionen, wie die Universität mitteilte.

Norden wird dem Süden ähnlicher

Demnach könnte sich das Klima in skandinavischen Städten wie Stockholm und Oslo künftig anfühlen wie das im heutigen  Kroatien. Die Einwohner von London könnten 2080 ein Klima wahrnehmen, wie es sich derzeit in der Gemeinde Labarde bei Bordeaux findet. „In 50 Jahren werden die Städte der nördlichen Hemisphäre den Städten im Süden sehr viel ähnlicher sein“, betont Fitzpatrick.

Es gebe derzeit allerdings keinen Ort auf der Welt, der repräsentativ dafür sei, wie sich das Klima in äquatornahen Gegenden wie Mittelamerika, Südflorida und Nordafrika künftig anfühlen werde.

In München künftig so warm wie New Mexico? Wolken bedecken den Himmel entlang der Rio Grande Schlucht in der Nähe von Taos im nördlichen New Mexico (USA). Foto: Zuma Wire/dpa/Robin Loznak

So könnte das Klima in Stuttgart 2080 sein

In Stuttgart wird es der interaktiven Karte zufolge im Jahr 2080 im Jahresschnitt 6,1 Grad wärmer und 10,4 Prozent trockener sein. Die durchschnitstemperatur im Winter wird um 4,7 Grad höher liegen als heute. Das Klima wird ähnlich sein wie derzeit in Mittel- und Süditalien.

42 Grad im Sommer wie heutzutage in Süditalien dürften in einigen Jahrzehnten in Stuttgart die neue Normalität ein. Foto: LaPresse/AP/Cecilia Fabiano/dpa

Verschiedene Erwärmungsgrade

Für die Berechnungen nutzte Fitzpatrick das statistische Verfahren der Klimaanalogie sowie Daten des Klimarates IPCC. In der Standardeinstellung geht die Anwendung demnach von einem Kurs mit hohen Emissionen aus, mit denen sich der Planet bis Ende dieses Jahrhunderts um rund neun Grad erwärmen würde.

Die Karte zeigt zudem Ergebnisse bei reduzierten Emissionen: Erwärmt sich der Planet bis Ende des Jahrhunderts um rund drei Grad, soll sich Berlin demnach eher anfühlen wie derzeit die Gemeinde Böhl-Iggelheim in Rheinland-Pfalz.

Willkommen in der Klima-Zukunft

Auch eine im vergangenen Jahr im Fachmagazin „Advancing Earth and Space Sciences“ erschienene Studie gibt Einblick in eine Welt, in der das Leben ein ganz anderes sein könnte als heute. Die Untersuchung beschreibt eine Zukunft, in der die globale Erwärmung die Zwei-Grad-Schwelle bereits überschritten hat.

Was sind die Folgen – für Deutschland und die Welt? Diese Frage haben sich der Klimaforscher Taejin Park vom Ames Research Center der US-Raumfahrtbehörde Nasa und sein Team gestellt.

„Die bei zwei Grad eintretenden Klimaveränderungen und ihre räumliche Heterogenität zu verstehen, ist wichtig, damit Entscheider entsprechende Anpassungen und Maßnahmenpläne vorbereiten können“, schreiben sie in ihrem Report „Earth’s Future. What does global land climate look like at 2°C warming?”

Globale Erwärmung

Das globale Klima wird demzufolge die Schwelle zu zwei Grad Erwärmung bereits in den 2040er Jahren überschreiten, prognostizieren die Nasa-Experten. Ob der Klimaschutz optimiert wird oder nicht, spielt dabei eigentlich keine große Rolle mehr.

Selbst mit einem weltweiten Bemühen, die Erderwärmung zu begrenzen, würde die Zwei-Grad-Marke im Jahr 2042 erreicht – statt 2044. „Die globalen Lufttemperaturen über Land werden zu diesem Zeitpunkt schon um 2,33 beziehungsweise 2,79 Grad angestiegen sein“, schreiben die Forscher.

Einige Regionen werden sich schneller erwärmen als der Rest der Welt – nämlich auf eine Jahresmitteltemperatur von über drei Grad. Dazu zählen die Arktis und Antarktis, Grönland, Alaska und Nordasien. Im südlichen Asien, in Afrika und im südlichen Südamerika fällt die Erwärmung dagegen etwas moderater aus.

Wie wird es um Erde im Jahr 2040 bestellt sein? US-Wissenschaftler sind der Frage nachgegangen – mit beunruhigenden Ergebnissen. Foto: Imago/Zoonar/Cigdem Simsek

Mehr Hitzestress-Tage

Bei zwei Grad werden der Mix aus Luftfeuchtigkeit und Hitze häufiger auftreten und die für Menschen noch erträgliche Grenze deutlich überschreiten. „Dies gilt besonders stark für das westliche Nordamerika mit 27 zusätzlichen Hitzestress-Tagen, Ostafrika mit 32 Tagen mehr und die Sahelzone mit 44 zusätzlichen Hitzestress-Tagen“, berichten die Wissenschaftler. In Australien und Südamerika könnte sich der Hitzestress dagegen leicht verringern.

In Mitteleuropa werden die Sommer heißer, feuchter und schwüler. Die Sonneneinstrahlung wird intensiver und länger – vor allem im Mittelmeerraum, in Nordeuropa, im Osten Nordamerikas, in weiten Teilen Afrikas sowie in der Arktis.

Landwirtschaft Bei einer Erderwärmung um zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter rechnen die IPCC-Wissenschaftler mit einem Verlust von 15 Prozent der Permafrostböden bis zum Jahr 2100. Dabei würden demnach zwischen 36 und 67 Milliarden Tonnen CO2 freigesetzt (Bild: Ein Landwirt erntet Kartoffeln auf einem staubtrockenen Feld in der Region Hannover). Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Regional deutlich mehr oder weniger Regen

Die Niederschläge werden vielerorts häufiger und heftiger. Allerdings mit großen regionalen Unterschieden: In West- und Ostafrika fallen 82 und 52 Millimeter mehr Regen pro Quadratmeter und Jahr. In Südasien erhöht sich die Niederschlagsmenge um 64 Millimeter pro Jahr – vor allem in Form von Starkregen.

Weniger Regen wird es hingegen im Südwesten Nordamerikas und im Mittelmeerraum, in Australien und im Amazonas geben. Dort wird sich die jährliche Niederschlagsmenge signifikant um 98 Millimeter pro Quadratmeter und Jahr verringern.

„Das Amazonasgebiet wird schwerere Dürren, ein höheres Feuerrisiko und gefährlichen Hitzestress erleben, wenn sich die Erde weiter erwärmt“, stellen die Klimaexperten fest. Der größte Regenwald der Erde könnte sich in eine Savanne verwandeln.

Trockenheit: Die Zunahme von Temperaturen, Trockenheit und Dürren hat die Länge der Waldbrand-Phasen erhöht und die Feuer-gefährdete Fläche verdoppelt (Bild: Die Überreste eines toten Fisches liegen auf dem Boden in einem trockenen Gebiet des Peñuelas Sees im chilenischen Valparaiso). Foto: Pablo Ovalle Isasmendi/Agencia Uno/dpa

Wetterextreme verstärken sich

„Es ist offensichtlich, dass sich das Ausmaß und die Richtung der Klimaveränderungen je nach Region unterscheidet“, resümieren Taejin Park und sein Team. „Dadurch sind auch die Auswirkungen sehr unterschiedlich.“Insgesamt, so das Fazit der Wissenschaftler, würden sich die schon heute spürbaren Folgen des Klimawandels weiter verstärken.

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