Kritische Worte beim VER Selb Die Geduld geht zu Ende

Andres Pöhner
Steht schon seit vielen Wochen bei den Selber Fans scharf in der Kritik: Der auch am Mittwoch beim 2:7 gegen Dresden enttäuschende Kanadier Pascal Aquin (rechts), hier gegen David Suvanto Foto: /Mario Wiedel

„Einige Spieler müssen jetzt mal aufwachen“, sagt der Selber Trainer Herbert Hohenberger nach der 2:7-Niederlage der Wölfe am Mittwochabend gegen Dresden. Namen nennt er keine. Die VER-Fans aber ahnen, wer gemeint ist.

Selb - Einen Selber Sieg gegen den Tabellenzweiten Dresdner Eislöwen, der am Mittwochabend statt den von Corona ausgebremsten Löwen Frankfurt in der Netzsch-Arena gastierte, hatte ohnehin kaum einer auf der Rechnung. Dass bei der 23. Niederlage im 29. Saisonspiel der weiter stark ersatzgeschwächten Wölfe am Ende ein 2:7 (1:2, 1:3, 0:2) am Videowürfel stand, berührte die Selber Fangemeinde scheinbar auch nicht wirklich großartig. Zumindest in den sozialen Medien blieb es erstaunlich ruhig. Leicht verärgert wirkte allerdings Trainer Herbert Hohenberger, dessen Ton bei der Pressekonferenz etwas rauer als sonst wurde. Was wohl nicht unbedingt an der Niederlage selbst gelegen hat, sondern vielmehr an der wieder einmal – vornehm ausgedrückt – sehr, sehr blassen Vorstellung des ein oder anderen seiner Schützlinge.

Eine „Eis-Prinzessin“

„Wenn ein Lars Reuß, Lukas Klughardt oder Ben Böhringer meine besten Spieler sind, stimmt was nicht. Da müssen jetzt mal einige aufwachen und besser werden“, sagte Hohenberger, der normal immer seine schützende Hand über die Mannschaft hält. An welche(n) Spieler die Kritik genau adressiert war, ließ der Österreicher offen, man konnte sich aber gut vorstellen, dass zum Beispiel ein Pascal Aquin mit darunter fiel. Der 24-jährige Kanadier, der mit seinen Toren in der Vorbereitung große Hoffnungen geweckt hat, fällt seit Wochen schon durch eine uninspirierte Spielweise auf, wirkt wie ein Fremdkörper im Team und steht längst schon bei den Fans im Kreuzfeuer der Kritik. „Eis-Prinzessin“ ist da ein eher noch harmloser Ausdruck. Die große Geduld mit dem Kontingentstürmer scheint sich also langsam dem Ende zu neigen.

Drei Topscorer fehlen

Große Alternativen hat Hohenberger derzeit freilich nicht. Aquin war neben dem Ende November nachverpflichteten, technisch sehr visierten und auch sehr mannschaftsdienlich agierenden, nach 18 Spielen aber noch immer torlosen Lukas Vantuch einer der beiden verblieben Kontingentspieler auf dem Eis. Nur von den Stehplätzen der leeren Netzsch-Arena aus verfolgten US-Boy Nicholas Miglio und der Kanadier Brad Thompson die Partie gegen den Tabellenzweiten. Auch Richard Gelke und Robert Hechtl mussten mit der Tribüne Vorlieb nehmen. „Uns fehlen drei Topscorer. Die können wir nicht ersetzen“, sagte Vorsitzender Jürgen Golly, der von einer „schwierigen Situation“ sprach, seinen Humor aber nicht verloren hat. „Mit einem Platz unter den ersten Vier wird es wohl nichts mehr werden.“

40-jähriger Verteidiger mit Goldhelm

Bezeichnend für die Offensivflaute der Wölfe: Den Goldhelm als bester Scorer auf dem Eis trug am Mittwoch mit Lukas Slavetinsky ein Verteidiger. „Das gibt es auch nur bei uns“, kommentierte ein Wölfe-Fan die Tatsache, dass ein 40-jähriger Abwehrrecke mehr Scorerpunkte auf seinem Konto hat als ein kanadischer Stürmer im besten Eishockey-Alter. Aber nicht selten schlagen Wille und Einsatz eben durchaus vorhandenes Talent.

Unglückliche Gegentore

Das Spiel selbst gegen Dresden ordnete ein VER-Verantwortlicher angesichts der schier aussichtslosen Lage, den Playdowns – also den im März startenden K. o.-Runden gegen den Abstieg – noch zu entgehen, schon als Vorbereitung unter Wettkampfbedingungen ein. Und die Wölfe machten das im ersten Drittel gar nicht schlecht. Sie hatten sogar die ersten Möglichkeiten auf dem Schläger, ehe es beim ersten Angriff der Gäste aus dem Gewühl heraus gleich einschlug hinter Michel Weidekamp, der den zuletzt so starken Michael Bitzer ersetzte und Spielpraxis sammeln sollte. Die letzten Zweifel, ob der Treffer auch wirklich regulär war oder vielleicht eine Behinderung des Selber Keepers vorlag, beseitigte der Videobeweis. Nicht lange freuen durften sich die Hausherren über den Ausgleich durch Jan Hammerbauer (10.), der nach seiner langen Verletzungspause schon wieder viel Energie aufs Eis bringt. Nur drei Minuten später wurde es etwas kurios. Am Schlittschuh von Florian Ondruschka brach eine Kufe, und während der Selber Kapitän zur Bank fuhr, hatte DEL2-Topscorer Jordan Knackstedt freie Schussbahn – 1:2. „Das ist schon sehr frustrierend“, kommentierte Trainer Hohenberger später die ebenso unnötigen wie unglücklichen Gegentore, die gerade dann fielen, als die Wölfe etwas am Drücker waren. Eislöwen-Trainer Andreas Bruckmann freute sich dagegen über die Qualität seiner Mannschaft, immer eine passende Antwort zu finden. „Deswegen stehen wir auch da oben.“

Fünf gute und 15 schlechte Minuten

Die Geschichte des zweiten Drittels ist schnell erzählt. Der Tabellenzweite erhöhte schon nach 32 Sekunden auf 3:1. Die Wölfe wehrten sich in der Folge nach besten Kräften, kassierten nach einer halben Stunde aber vom Bully weg den vierten Gegentreffer. Das war wieder zu einfach. Hammerbauer verkürzte mit seinem zweiten Treffer noch einmal, doch nur 34 Sekunden später griff Weidekamp daneben – uns es hieß 2:5 aus Sicht der Hausherren. Im Schlussabschnitt war die Spannung komplett raus. Selb konnte nicht mehr, Dresden wollte nicht mehr und tat nur noch das Nötigste - was aber zu zwei weiteren Treffern reichen sollte. „Vier Linien, die irrsinnig Druck machen, halten wir nicht stand“, sagte Hohenberger nach einem Spiel, das wie soviele schon in dieser Saison abgelaufen sei: „Wir haben pro Drittel fünf gute und 15 schlechte Minuten, machen es teilweise zu kompliziert und haben zu wenig Zug zum Tor.“

VER Selb: Weidekamp (Bitzer) – Slavetinsky, Martinovic, Walters, Boehringer, Ondruschka, Silbermann, Gimmel – Aquin, Ross, Reuß, Schwamberger, Vatuch, Deeg, Klughardt, Hammerbauer, Boiarchinov, Naumann

Schiedsrichter: Harrer/Holzer. – Zuschauer: keine.– Tore: 2. Min. Walther (Kruminsch, Mrazek) 0:1, 10. Min. Hammerbauer (Boiarchinov) 1:1, 13. Min. Knackstedt (Porsberger, Uplegger) 1:2, 21. Min. Knackstedt (Andres, Karlsson) 1:3, 31. Min. Porsberger (Knackstedt) 1:4, 34. Min. Hammerbauer 2:4, 35. Min. Uplegger (Andres, Porsberger) 2:5, 46. Min. Kuhnekath (Kolb) 2:6, 60. Min. Rundqvist (Porsberger, Knackstedt; 5-4) 2:7. – Strafminuten: Selb 8, Dresden 4.

Aus dem Wölfe-Lager

So geht es weiter

An diesem Freitag (19.30 Uhr) empfangen die Selber Wölfe die Eispiraten Crimmitschau in der Netzsch-Arena. Die Westsachsen haben am Mittwoch ihr 1000. Zweitligaspiel bestritten und kommen mit der Empfehlung eines 5:1-Erfolges gegen die Kassel Huskies nach Selb. „Das ist wieder ein starker Gegner“, sagt VER-Trainer Herbert Hohenberger über den Tabellensechsten. Besonders motiviert sein dürften Torwart Michael Bitzer und Lukas Vantuch, die in den vergangenen beiden Jahren in Crimmitschau unter Vertrag standen und auf alte Bekannte treffen. Am Sonntag (18.30 Uhr) steht für die Wölfe eigentlich die Partie bei den Tölzer Löwen auf dem Programm. Bei den Oberbayern gibt es allerdings einen Covid-19-Fall im Team. Weitere PCR-Tests fanden am Mittwoch statt. „Sobald wir weitere Erkenntnisse sammeln konnten, wird über die Partien des Wochenendes und die weitere Vorgehensweise entschieden“, schreiben die Tölzer Löwen.

Lanny Gare wieder zuhause

Eine erfreuliche Nachricht aus dem Wölfe-Lager gab es am Rande der Partie gegen Dresden: Stürmer Lanny Gare (43), der am Silvestermorgen einen Schlaganfall erlitten hat (wir berichteten), konnte das Klinikum Hof nach eingehenden Untersuchungen verlassen und befindet sich seit Dienstagabend wieder zuhause bei seiner Familie.

 

Bilder