Kulmbach Hinter Kulmbachs Türen: Wie Kinder Gewalt erleben

Gewalt in Familien belastet Kinder sehr. Die Geschwister-Gummi-Stiftung hilft in solchen Fällen. Foto: AdobeStock

Die Geschwister-Gummi-Stiftung hilft Mädchen und Jungen, die in ihren Familien Schlimmes erlebt haben. Diesem Zweck kommt auch die Herbstsammlung der Diakonie zugute. Sie beginnt heute.

Kulmbach - Dass sein Papa heute einen schlechten Tag auf der Arbeit hatte, sieht der kleine Tobias ihm gleich an. Papa ist in letzter Zeit oft gereizt, wenn er nach Hause kommt. Mama verhält sich dann komisch und schickt ihn immer sofort in sein Zimmer. Dann hört er Papa schreien, es folgt ein dumpfes Geräusch und Mama weint. Die Eltern glauben, Tobias würde von alledem nichts mitbekommen, weil es hinter verschlossenen Türen passiert oder nachts. Aber Tobias spürt es genau: Hier stimmt etwas nicht. Er hat Angst, würde Mama gerne helfen und den Streit schlichten. Er fühlt sich allein gelassen, aber niemand ist da, der ihm hilft.

Häusliche Gewalt auch in Kulmbach: "Gewalt in der Familie findet statt. Auch hier in Kulmbach betrifft sie alle sozialen Schichten", weiß Lisa Strößner von den Mobilen Hilfen der Geschwister-Gummi-Stiftung, die dem Diakonischen Werk der evangelischen Kirche angeschlossen ist. Die Sozialpädagogin arbeitet im Rahmen der ambulanten Jugendhilfe mit Familien in schwierigen Lebenslagen zusammen.

Unter häuslicher Gewalt versteht man laut einer Pressemitteilung der Geschwister-Gummi-Stiftung alle Formen von Gewalt zwischen Menschen, die in einer Gemeinschaft zusammenleben. Sie bezieht sich auf körperliche, emotionale oder auch sexuelle Handlungen, die gegen den Willen und die Würde einer anderen Person geschehen. Was vielen nicht bewusst ist: Dazu zählen auch mündliche Formen, also Beleidigungen, Einschüchterung und Bedrohung. Vor allem Frauen werden häufig Opfer von Gewalt durch ihren Partner. Die Dunkelziffer der Fallzahlen ist hoch, da die Betroffenen Gewalt nicht immer als solche wahrnehmen oder die Täter schützen.

Partnerschaftsgewalt sei oft bestimmt von Mechanismen der Macht und Kontrolle und erfolge nach einem bestimmten Muster, so Lisa Strößner. "Auf die Ausübung von Gewalt folgt meist eine Beruhigung der Situation. Der Täter entschuldigt sich, kauft vielleicht Blumen oder bereitet das Frühstück vor. Er will es wieder gut machen. Doch nach kurzer Zeit kommt es wieder zu gewaltvollen Handlungen, deren Abstände immer kürzer werden und die an Intensität zunehmen."

Wie Kinder Gewalt erleben: Kinder haben ein sensibles Gespür für das, was um sie herum passiert, und sie nehmen wahr, wie ihre Eltern miteinander umgehen. Sie sind von Gewalt in der Familie immer betroffen und werden in ihrer Entwicklung davon unmittelbar beeinträchtigt. Ob sich die Gewalt dabei gezielt gegen sie selbst richtet oder sie diese zwischen ihren Eltern beobachten, ist davon unabhängig: Kinder erleben die Bindungspersonen, die ihnen eigentlich Schutz und Sicherheit bieten sollen und auf die sie angewiesen sind, als bedrohlich, gewalttätig oder ohnmächtig. Diese Erfahrungen ängstigen Kinder, sie fühlen sich alleine gelassen und belastet. Mittlerweile ist erwiesen, dass sich bereits die Zeugenschaft von Gewalt zwischen Erwachsenen traumatisierend auf Kinder auswirkt und sie in ähnlicher Weise schädigt als am eigenen Körper erlebte Gewalt. Sie sehen, hören und erleben mit, was zu Hause passiert, haben für ihre Beobachtungen jedoch keine Erklärung und es gibt meist niemanden, der das Erlebte mit ihnen offen bespricht und für sie begreifbar macht. Sie verlieren ihr Gefühl von Sicherheit und ihr Vertrauen in die Welt.

"Eines dürfen wir dabei nicht vergessen", so Lisa Strößner, "Kinder und Jugendliche entwickeln sich zu Personen, die selbst Liebesbeziehungen eingehen, Partnerschaften führen und Familien gründen. Die Art und Weise, wie sie dies tun, lernen sie vor allem im eigenen Elternhaus." Gewaltvolle Beziehungsmuster wiederholen sich daher oft über Generationen hinweg, weil es an Unterstützung fehle, die Spirale zu durchbrechen und nach neuen Wegen eines gewaltlosen Miteinanders zu suchen.

Hilfsangebote der Geschwister-Gummi-Stiftung: Für Kinder und deren Familien, die zu Hause Gewalt erleben oder die durch andere schwierige Lebensumstände belastet sind, stellt die Geschwister-Gummi-Stiftung verschiedene Hilfsangebote zur Verfügung.

An sechs Mittelschulen der Stadt und des Landkreises Kulmbach ist die Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS) eine wichtige Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche, die in ihrem gewohnten und sicheren Lebensumfeld der Schule nach Hilfe suchen. Das Angebot ist vertraulich und ermöglicht es Kindern und Jugendlichen, ihre Sorgen, Ängste und Probleme in einem geschützten Rahmen erstmals anzusprechen und Unterstützung durch Erwachsene zu finden. Die JaS kann mit Eltern in Kontakt treten und bei Bedarf in weitere Hilfen vermitteln.

Eine Möglichkeit für weiterführende Unterstützung sind die Mobilen Hilfen der Geschwister-Gummi-Stiftung. In Zusammenarbeit mit dem Jugendamt begleiten die Mitarbeitenden Kinder und ihre Familien in ihrem persönlichen Umfeld. Gemeinsam mit den Eltern arbeiten sie daran, häusliche Gewalt abzubauen, neue Wege der Konfliktlösung zu finden und sichere Lebensbedingungen für Kinder vor Ort zu schaffen.

Manchmal können Kinder aufgrund besonders schwieriger Lebensumstände vorübergehend nicht mehr bei ihren Eltern leben. In ihren Kinderwohngruppen schafft die Geschwister-Gummi-Stiftung ein sicheres Umfeld, das Kindern und Jugendlichen einen Platz bietet, an dem sie zur Ruhe kommen und das Erlebte verarbeiten können. Einzigartig in Bayern ist das Kinderhaus Sternstunden: Hier leben Kinder im Alter von 3 bis 8 Jahren, die schwerste traumatische Erlebnisse wie Vernachlässigung, körperliche oder sexuelle Gewalt durchleben mussten. Rund um die Uhr und unter dem Konzept eines Schutzhauses werden sie von den Fachkräften vor Ort betreut.

Kinder brauchen Erwachsene, die die Welt für sie erklärbar machen und sie beschützen. Häufig benötigen Kinder auch qualifizierte Unterstützung bei der Bewältigung ihrer Gewalterfahrungen. Die Herbstsammlung der Diakonie Bayern, die am heutigen Montag beginnt, steht in diesem Jahr unter dem Motto "Weil wegschauen nicht vor Schlägen schützt" und widmet sich verstärkt den Hilfen bei Gewalt in Partnerschaft und Familie.

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