Kulmbach Mit Mut gegen Brustkrebs

Sechs Frauen aus der Kulmbacher Selbsthilfegruppe erzählen in einem Buch, wie sie mit der Diagnose "Brustkrebs" umgehen. Eine öffentliche Kampagne soll weiteren Betroffenen helfen.

Kulmbach - "Das Thema ist nicht überall gesellschaftsfähig, aber es gehört zur Gesellschaft", sagte Bürgermeister Frank Wilzok zum Start der "Sensibilisierungskampagne" der Kulmbacher Brustkrebs-Selbsthilfegruppe am Samstag in der Turbinenhalle der alten Spinnerei. Die öffentliche Kampagne dauerte zunächst zwar nur einen Tag. Sie geht aber weiter. Die Gruppe trifft sich einmal im Monat im Restaurant "Konoba" in Kulmbach.

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Das Buch der Kulmbacher Selbsthilfegruppe ist nicht im Buchhandel, sondern nur über die Brustkrebsorganisation Pink Ribbon (Rosa Schleife) zu haben - online über www.pinkribbon-deutschland.de. Die Treffen der Gruppe werden in der Frankenpost angekündigt.


Silke Kreß hat die Gruppe im Januar 2019 gegründet. Sie hatte die Diagnose Brustkrebs bereits zwei Mal bekommen, sich damit aber nicht in sich vergraben, sondern ist damit in die Öffentlichkeit gegangen und hat weitere Betroffene gefunden. Denn die medizinische Versorgung eines Karzinoms ist nur die eine Seite. Wie man damit umgeht, bleibt eine rein persönliche Angelegenheit, bei der Zuspruch nur oberflächlich helfen kann, sich aus dem zunächst abgrundtiefen Loch nach einer Diagnose wieder aufzurappeln. "Dem Leben entgegen" war das Schlagwort der Kampagne und ist auch der Titel eines Buches, in dem sechs Frauen der Selbsthilfegruppe ihre Gedanken und Empfindungen in der akuten Phase ihrer Erkrankung zusammengefasst haben.

Für Alexandra, 52, war die Diagnose Brustkrebs zunächst kein Grund, ihr bisheriges Leben umzukrempeln. Sie war selbstständig. Was sie sich bisher geschaffen hatte, sollte so bleiben. Sechs Wochen später hat sie dann doch alles aufgegeben. Die Krankheit fordert mehr Energie als man sich zunächst vorstellt, auch wenn sich "medizinisch alle um mich gekümmert haben, ich in dieser Beziehung nicht allein war", blickt sie zurück.

Für Birgit, 53, waren Familie und Bekannte eine große Stütze. "Alles wird gut", blieb ihre Devise. Erste Knoten bei ihr stellten sich zunächst als gutartig heraus. Die Erleichterung wich, als schließlich ein bösartiges Karzinom gefunden wurde.

Tanja, 41: Nach der Diagnose war ihre Unbeschwertheit weg. Sie dachte an ihre Mädchen, für die sie da bleiben wollte, kämpfte mit Tränen und Panikattacken. Aber "liebe Menschen" fangen sie nach wie vor auf.

Anja nimmt ihre Diagnose zynisch. Seit sie einen Knoten getastet hat, schreibt sie Tagebuch. "Das muss eine Verwechslung sein", wollte sie ihre Diagnose zunächst beiseiteschieben. Sie schöpft Kraft von allen Menschen, die ihr zur Seite stehen, und nimmt Karl Valentin beim Wort, der sich auch freut, wenn es regnet, "denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch". Trotzdem: "Die Chemie (Chemotherapie) schmeckt nicht gut", macht sie sich im Rückblick auf die Therapien keine Illusionen.

Alma, 47, kämpft seit 2016. Sie geht fatalistisch mit ihrer Erkrankung um. Die Diagnose kam an ihrem ersten Urlaubstag, stellt sie verärgert fest. Noch Minuten vor der Operation wäre sie am liebsten vom Tisch aufgesprungen "und abgehauen", wenn sie es sich im "sexy hinten offenen OP-Hemd" getraut hätte. Ja, "die 16 Chemos in 24 Wochen" brachten sie an ihre Grenzen. Trotzdem...

Jede geht mit der Diagnose anders um - auch jeder, denn Brustkrebs ist keine ausschließlich weibliche Erkrankung. Jährlich erkranken auch zwischen 600 und 700 Männer, etwa ein Prozent aller Fälle. Denn trotz unterschiedlicher Anatomien haben auch Männer rudimentäres Brustgewebe. Da es für Männer keine Brustkrebs-Früherkennungsprogramme gibt, wird die Erkrankung beim Mann meist erst in späteren Stadien diagnostiziert.

Generell gilt jedoch: Je früher die Krankheit erkannt wird, desto besser stehen die Chancen auf Heilung. Insbesondere darauf wollte auch die Kampagne der Kulmbacher Selbsthilfegruppe hinweisen. Regelmäßig, am besten jeden Monat abtasten sollte zur Gewohnheit werden. Werden Knoten, auch kleinste Verhärtungen, gefunden: zum Arzt gehen. Und neben der rein medizinischen Behandlung versuchen Ärzte und Pflegepersonal auch "Brückenbauer und Handreicher zu sein und wollen helfen, eine schwierige Phase durchzustehen", wie Dr. Harald Biersack, Chef-Onkologe am Kulmbacher Klinikum, zu Beginn der Kampagne im Turbinenhaus sagte.

Helfen können auch umfangreich verfügbare Bücher und Broschüren, die die Buchhandlung Friedrich aufgelegt hatte. Für die Nachsorge und zur Unterstützung der Psyche stehen auch Heilpraktiker wie Laurent Richter bereit. Des Weiteren gibt es auch prothetische Versorgung nach Totaloperationen, die sich im Turbinenhaus präsentiert hatten.

Mit der Diagnose Brustkrebs fällt man zwar "zunächst ins Bodenlose", wie auch stellvertretende Landrätin Christina Flauder aus eigener Erfahrung sagte, in der sie "richtig umgekippt" sei. Doch: "Jeder muss seinen Weg und aus dem schwarzen Loch heraus dem Leben entgegen gehen." Dabei hilft auch der Kontakt zu anderen Betroffenen, die die Ängste und Nöte in einer bedrohlichen Lebenssituation nicht nur theoretisch, sondern aus eigener Erfahrung verstehen, wofür sich auch die Selbsthilfegruppe Kulmbach anbietet: Mut machen und sich gegebenenfalls auch öffentlich mutig einer Krankheit stellen, die kein Tabu zu sein braucht. Dafür hatten sich sechs Frauen in der Turbinenhalle ungeschminkt bekannt, die Karin Dietzel in großformatigen Fotos dokumentiert hat.

 

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