Kulmbach/Stadtsteinach Ein "Täschla" für Frauen in Not

Auch in den Polizeiinspektionen Kulmbach und Stadtsteinach gibt es jetzt "Erste-Hilfe-Pakete" für Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt waren. Besonders nützlich sind sie für Opfer mit Migrationshintergrund.

Kulmbach/Stadtsteinach - Es ist ein ganz besonderes "Täschla", das im Dezember vergangenen Jahres in Bayreuth eingeführt wurde. Und es schreibt inzwischen eine Erfolgsgeschichte. Es handelt sich dabei um Informationsmaterial, das die Polizei Frauen an die Hand gibt, wenn sie Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind. Diese Idee hat die Bayreuther Polizei zusammen mit dem Frauenhaus Bayreuth verwirklicht. Von 100 bereitgestellten Exemplaren wurden 68 Stück an die Streifenbeamten ausgehändigt. 23 Exemplare sind bereits an Frauen ausgegeben worden, die häuslicher Gewalt ausgesetzt waren. In dieser Woche wurden nun auch die Polizeiinspektionen Kulmbach und Stadtsteinach mit den kleinen Täschchen versorgt.

Die Sponsoren

Dieses Projekt wird finanziell und ideell von Verein Bayreuth ohne Gewalt unterstützt.

Die Finanzierung der Broschüre erfolgt aus dem Flüchtlingsfonds der Erzdiözese Bamberg.


Kulmbachs Inspektionsleiter Peter Hübner hieß die Initiatoren vom Frauenhaus mit Christa Bialas-Müller, Nele Beck und Diplom-Sozialpädagogin Gunhild Scheidler sowie die stellvertretende Geschäftsführerin des Caritasverbandes Bayreuth, Diplom-Sozialpädagogin Dolores Longares-Bäumler, und Peter Müller vom Verein "Bayreuth ohne Gewalt" im Besprechungsraum der Kulmbacher Polizei willkommen. Das "Täschla" bezeichnete er als eine gute Hilfe im Notfall. Die stellvertretende Inspektionsleiterin Kathrin Weißert hielt es für wichtig, dass Frauen im Recht auf ein Leben ohne Gewalt nicht allein gelassen werden.

Nele Beck und Christa Bialas-Müller stellten das Frauenhaus des Caritasverbandes Bayreuth vor und gingen auch auf die Broschüre "Hilfe im Notfall" ein: Wer sich akut bedroht fühlt, sollte demnach auf jeden Fall den Polizeinotruf 110 wählen. Und wer schnell und anonym Hilfe und Beratung in der Landessprache braucht, dem wird geraten unter der Nummer 0921/2116 das Frauenhaus anzurufen, das sich auch um einen Dolmetscher in der jeweiligen Sprache kümmert.

Das Frauenhaus mit seinen Mitarbeiterinnen hilft rund um die Uhr - und das in vielen Fällen: Wenn Gewalt erlebt wurde und man nicht weiß, was zu tun ist, wenn man vom Ehemann/Lebenspartner oder einem Familienangehörigen geschlagen oder missbraucht wurde, wenn man alleine nicht aus dem Haus darf, kein Geld bekommt oder Entscheidungen nicht allein treffen darf, wenn man unter Beschimpfungen und Erniedrigen leidet oder wenn die Kinder Schutz brauchen und schnell aus ihrem Zuhause müssen. Das Frauenhaus nimmt Frauen und deren Kinder zu jeder Tages- und Nachtzeit auf, der Aufenthaltsort bleibt anonym und sie werden auf dem Weg in ein eigenständiges Leben ohne Gewalt begleitet.

Das Frauenhaus Bayreuth steht zehn Frauen mit und ohne Kinder offen, die physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt sind. Es bietet Schutz und Hilfe in Form von vorübergehender Wohnmöglichkeit, Krisenintervention, Beratung, Begleitung, Information, praktischer Hilfe und pädagogischer Betreuung der Kinder.

Zu verdanken haben die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses dieses Projekt einem ehemaligen Polizeibeamten aus Kulmbach, dem schon vor Jahren auffiel: "Irgendetwas fehlt hier!" Und der am Folgetag eines Einsatzes den Frauen einen Umschlag mit wichtigen Informationen in den Briefkasten steckte.

Und was ist das "Täschla" eigentlich? Das Frauenhaus Bayreuth hat in Zusammenarbeit mit der Interventionsstelle, der Polizeiinspektion Stadt und von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen ein Informationstäschchen entwickelt, das eine Art Erste Hilfe bei häuslicher Gewalt leisten soll. Es wird direkt vor Ort von den eingesetzten Polizeibeamten an die Frauen übergeben. Inhalt dieses Täschchens sind die wichtigsten Basisinformationen, verständlich zusammengefasst auf einer Seite, die in Fällen häuslicher Gewalt notwendig und hilfreich sind. Diese Informationen gibt es in 17 verschiedenen Sprachen - alle in einer Broschüre.

Wie Christa Bialas-Müller aufzeigte, haben langjährige Erfahrungen bei Einsätzen in Fällen von häuslicher Gewalt gezeigt, dass in der akuten Situation wichtige Informationen und Hilfsangebote nicht nachhaltig vermittelt werden können. Angst, Stress, die Anwesenheit von Kindern, mangelnde Deutschkenntnisse sowie eine hochemotionale Situation verhindern die Aufnahmefähigkeit des Opfers.

Entwickelt wurde die Broschüre im Rahmen des einmaligen Projektes in Bayern "Intensive Betreuung von Frauen mit Migrationshintergrund und Aufbau eines Netzwerkes", gesponsert durch die Adalbert-Raps-Stiftung. Es flossen ganz besonders Erfahrungen betroffener Frauen mit Migrationshintergrund ein. Bezeichnend ist, dass gerade diese Frauen über keine oder mangelnde Kenntnisse der bestehenden Schutzangebote, Rechte und Handlungsstrategien verfügen. Dieses Defizit wird damit behoben. Zusätzlich ist an der Außenseite der Tasche das Formular der Interventionsstelle angebracht, das immer ausgefüllt werden muss.

Die Interventionsstelle ist ein Beratungsangebot für Frauen, die häusliche Gewalt erlebt haben. Die Polizei leitet das ausgefüllte Formular an die Mitarbeiterin der Interventionsstelle weiter, die zeitnah Kontakt zu den betroffenen Frauen aufnimmt und ihnen ein Unterstützungsangebot unterbreitet.

 
 

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