Kulmbach/Wirsberg Schöner Wohnen hält gesund

Werner Reißaus
Das Terrassenhotel in Wirsberg, das im Miteigentum von Marcus Hentschel steht, gehört längst der Vergangenheit an und ist zu einem Sozialwohnungsobjekt umfunktioniert worden. Für "generationenübergreifendes Wohnen" würde sich das Objekt seiner Meinung nach aufgrund der Lage im Ortskern prinzipiell gut eignen. Fotos: Werner Reißaus Quelle: Unbekannt

Der gebürtige Wirsberger Marcus Hentschel hat die Auswirkungen von sozialem Wohnungsbau wissenschaftlich erforscht. In seinem Heimatort ist er an einem Vorzeigeobjekt beteiligt.

Kulmbach/Wirsberg - Was macht sozialer Wohnungsbau mit Mietern? Mit diesem Forschungsprojekt der Bamberger Joseph-Stiftung und der Hochschule Coburg für angewandte Wissenschaften war Studienleiter Marcus Hentschel betraut. Hentschel geht dies sowohl wirtschafts- und finanzwissenschaftlich an als auch vor philosophischen und ethischen Hintergründen. In dem Projekt sieht er ein großes Potenzial für eine breit angelegte wissenschaftliche Studie.

Funktionen an der Hochschule Coburg

Lehrkraft für besondere Aufgaben in der Laufbahn eines akademischen Rates

Lehrkraft im Projekt "Der Coburger Weg"

Lehrkraft in der Fakultät Wirtschaftswissenschaften

Akquisition von Praxispartnern und Aufbau eines Netzwerks mit regionalen Unternehmen/Institutionen

Arbeitsgruppe Projektmanagement und Wissenschaftliches Arbeiten


Der 50-jährige Studienleiter, der schon mehrere Publikationen veröffentlicht hat, lebt mit seiner Familie in Kulmbach, hat aber seine Wurzeln im Luftkurort Wirsberg. Einen Namen hat sich Marcus Hentschel in der Region auch als Schauspieler an der Naturbühne Trebgast gemacht und ist in dem Verein für die Kassengeschäfte verantwortlich.

Der soziale Wohnungsbau, der gegenwärtig zwar rückläufig ist, stößt dennoch in den Städten und Kommunen auf großes Interesse. Das Forschungsprojekt von Marcus Hentschel fand deshalb auch große Beachtung. Mit dieser Wohnraumförderung will der Freistaat Bayern dazu beitragen, das Angebot an preisgünstigem Wohnraum zu erhöhen - und das nicht nur in den Großstädten. Gegenstand der Programme sind die Bildung von Wohneigentum sowie der Bau und die Modernisierung von bedarfsgerechten Mietwohnungen.

Marcus Hentschel lehrt als Wirtschaftswissenschaftler an der Hochschule Coburg unter anderem Investitionsrechnung und Finanzierung für verschiedene Studiengänge. Mit einer Gruppe Studierender aus den Studiengängen Soziale Arbeit und Betriebswirtschaftslehre hat er zwei Semester lang die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung von Sozialwohnungen untersucht. Die zentralen Fragen waren dabei, welchen - über reine Rendite hinausgehenden - Mehrwert generiert sozialer Wohnungsbau? Und ist es möglich, diesen Mehrwert zu messen und wenn ja, wie? Dazu der Studienleiter: "Der sogenannte Return on Investment sagt aus, welche Rendite ein Investitionsobjekt im Durchschnitt erwirtschaftet. Die Rendite kann sowohl in der Rückschau oder als Prognoserechnung betrachtet werden. Der Zusatz ,social‘ bezieht auch die sozialen Vorteile in die Gesamtrendite mit ein. Nach meinem Verständnis eine Kombination aus klassischem Renditebegriff, bestehend aus Mieteinnahmen, Abschreibungen und sonstigen Kosten, und den vielfältigen positiven Effekten von sozialen Wohnungsbauinvestitionen. Die große Herausforderung bei diesem Ansatz ist nun, diese individuellen und gesellschaftlichen Vorteile, im Sinne von vermiedenen Kosten, monetär zu bewerten und in die Gesamtrenditebetrachtung einzubeziehen."

Untersucht wurde auch die Frage, was sozialer Wohnungsbau der Gesellschaft bringt. Die Zinsen sind niedrig, Immobilien gelten als gute Investition. Und die Preise steigen weiter. Aber Wohnraum ist nicht nur ein Finanzobjekt, wie Marcus Hentschel feststellt: "Leider bleiben soziale Auswirkungen beim finanziellen Renditekalkül außen vor." So würden Menschen in einer angemessenen Wohnsituation seltener krank, als wenn sie unter schlechten Bedingungen leben müssten. Und das vermeidet Kosten im Gesundheitssektor, wie in dem Forschungsprojekt festgestellt wurde. Der soziale Wohnungsbau hat aber nicht nur Vorteile, sondern auch Vorurteile.

In dem Forschungsprojekt arbeitete die Hochschule Coburg mit der Joseph-Stiftung zusammen. Rund die Hälfte der Wohnungen des kirchlichen Wohnungsunternehmens der Erzdiözese Bamberg sind öffentlich gefördert: 123 000 Quadratmeter Wohnfläche. Nach einem Semester Theoriearbeit waren die Studierenden bereit für den Praxisteil. In Bamberg und Nürnberg befragten sie Bewohner und Bewohnerinnen von Sozialwohnungen der Joseph-Stiftung, um herauszufinden, wie sich sozialer Wohnungsbau auswirkt. Im Mittelpunkt stand die Frage: Was wäre, wenn es keine Sozialwohnungen gäbe? Das Ergebnis war klar: Die Bewohner hätten weniger Geld, weniger Möglichkeiten für Konsum und für ein selbstbestimmtes Leben, und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben wäre erschwert. Sie wären weniger zufrieden.

Ein Punkt wurde nach den Worten von Marcus Hentschel deutlich herausgearbeitet: "Soziale Beziehungen zu Familie und Freunden sind besser, als wenn man in einer Bruchbude leben würde." Auch für Kinder habe der soziale Wohnungsbau positive Effekte, denn sie haben beispielsweise bessere Rahmenbedingungen, um zu lernen und einen guten Schulabschluss zu machen.

Ein wichtiger Faktor für ältere oder behinderte Menschen sei außerdem die Barrierefreiheit dieser Wohnungen. Hentschel: "Überraschend ist, dass viele ungern darüber reden, dass sie in geförderten Wohnungen leben. Aber in eine schwierige Situation kann jeder kommen, das betrifft häufig Alleinerziehende, Kranke oder Menschen mit geringem Einkommen. Darunter sind oft Berufe, von denen wir jetzt gelernt haben, dass sie systemrelevant sind, zum Beispiel im Einzelhandel oder der Krankenpflege." Aber auch von den Anlagen selbst hätten viele Menschen nach der Einschätzung von Marcus Hentschel ein falsches Bild: "Man denkt bei Sozialwohnungen an alte, heruntergekommene Häuser. Aber das sind gepflegte Wohneinheiten.”

 

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