August : Am 9. August schlagen am Kulturzentrum in der Stadtmitte von Marhanez russische Raketen ein. 13 Menschen sterben. Der Unglücksort ist 500 Meter Luftlinie entfernt. Tags darauf flüchtet Irina mit Töchterchen Sofia zu ihrer Schwester in die nahe Millionenstadt Dnipro. Thomas Simmler hält das für extrem gefährlich, dringt aber mit seinen Argumenten nicht durch. Als seine beiden erwachsenen Kinder ihn am Telefon von Deutschland aus anflehen, Marhanez endlich zu verlassen, stiegt er in einen Zug Richtung Westukraine. Im Internet bucht er ein Zimmer im Kurort Truskawez am Fuß der Karpaten. Simmler erreicht die Stadt nach 24 Stunden Fahrzeit und sagt: „Ich bin froh, aus dieser Scheiße raus zu sein.“ In Truskawez kann er zum ersten Mal seit langer Zeit wieder durchschlafen.
September: Am 23. klingelt um 6 Uhr früh das Handy. Irina ruft an. Eine russische Rakete hat das Haus in Marhanez getroffen und jenes der Nachbarin zerstört. Deren Besitzerin, eine freundliche alte Frau, kämpft im Krankenhaus ums Überleben. Ihr Hund ist tot. „Bei uns sind die Scheiben geborsten, das Dach zerstört und überall liegen Granatsplitter“, teilt Irina mit. Thomas Simmler ist außer sich.
„Ich habe eine solche Wut. Auf Putin, auf die Soldaten, auf alle Russen“, sagt er. „Das hat mit ,normalem‘ Krieg nichts mehr zu tun. Sie schießen wahllos um sich und es ist ihnen egal, ob sie Zivilisten töten oder nicht.“ In Truskawez ist der 64-Jährige sicher. Der Krieg aber ist auch hier greifbar. Nahezu jeden Tag ist ein ukrainischer Soldat aufgebahrt. Der Sarg wird von einer Landesflagge zugedeckt. Auf der Treppe zur Kirche liegen Blumen in gelb und blau. Und Russland? Putin ordnet eine Teilmobilisierung an. „Vielleicht“, sagt Simmler, „werden die Mütter jener Männer aufstehen, die jetzt eingezogen werden. Das ist meine Hoffnung.“
Oktober: Die Nachbarin hat beim Raketenangriff ein Auge verloren. Ein Bein ist verletzt. Aber sie hat überlebt. „Das Verrückte ist: Die Frau ist Russin. Sie greifen ihre eigenen Leute an“, erzählt Simmler. Die Einwohner von Marhanez sammeln für die Rentnerin, die alles verloren hat. Obwohl die Stadt erneut attackiert wird und mehrere Menschen ums Leben kommen, ist Irina mit ihrer Tochter Sofia zurückgekehrt. In den kommenden Wochen und Monaten wird sie das Haus reparieren lassen, auch wenn Thomas Simmler sie anfleht, sich lieber in Sicherheit zu bringen.
November: Ende des Monats beginnt Russland einen Energie-Krieg gegen das Nachbarland. In vielen Städten gibt es weder Strom noch Wasser. Auch Internet und das Telefonnetz fallen immer wieder aus. Thomas Simmler hat Glück. Weil er ein Zimmer direkt neben Bahnhof und Eisenbahnlinie gemietet hat, ist er ans Stromnetz der Bahn angeschlossen. Warum er nicht nach Deutschland zurückkommt? Das, so sagt er, habe zum einen praktische Gründe. Das Leben in der Ukraine ist vergleichsweise günstig. Und zum anderen wolle er in der Nähe seiner Tochter Sofia und deren Mutter bleiben.
Dezember : An Weihnachten gibt es Forelle aus den Karpaten. Die gilt dort als Delikatesse. Die Kirchen sind an den Feiertagen auch nicht voller als in Deutschland. Trotz der schrecklichen Folgen des Kriegs und trotz all der Hoffnung, dass dieser bald aufhören möge. Darf man überhaupt Weihnachtsbäume mit Lichterketten aufstellen, während der Strom knapp ist und an der Front Soldaten sterben? Man muss sogar, sagen die Ukrainer, um diesen Krieg und das viele Leid zu ertragen. „Es ist ein Zeichen der Stärke, sich nicht kleinkriegen zu lassen von den russischen Raketen. Es ist wenigstens ein bisschen Frieden“, sagt Simmler.
Januar: Fast jede Familie in der Ukraine ist inzwischen direkt vom Krieg betroffen. Auch jene von Irina, der Mutter der gemeinsamen Tochter Sofia. Der Ehemann ihrer Cousine hatte lange Glück. Jetzt muss er in ein Trainingscamp und in paar Monaten wartet die Front. Der Freund ihrer Schwester war in Bachmut. Die hart umkämpfte Kleinstadt im Osten kennt die ganze Welt. Was dort passiert? Die Soldaten dürfen zu Hause nichts erzählen – aus Sicherheitsgründen. Die Familie wusste lange nicht einmal, wo der Freund sich aufhält. Ein einziger Satz von ihm sagt alles: „Bachmut ist die Hölle.“
Februar: Der recht milde Winter kommt den Menschen zugute. Trotz aller Stromausfälle. Thomas Simmler trifft es meist am Vormittag. „Da ist es dann eiskalt in meinem Zimmer.“ Weil er Deutscher ist, akzeptieren die Ukrainer, dass er mit ihnen russisch spricht. Ansonsten verschwindet zumindest alles aus dem Alltag, was mit Russland zu tun hat. Tochter Sofia in der Schule noch kein Wort Russisch gelernt – ganz anders als all die Generationen zuvor. Eine gute Woche vor dem Jahrestag sind alle besonders nervös. Zum ersten Mal überhaupt seit seinem Umzug vor fünf Monaten zischt die erste russische Rakete über Truskawez. Kurz darauf fängt die ukrainische Luftabwehr zwei weitere ab – der Lärm ist ohrenbetäubend. „Als ob ein Überschall-Jet über die Stadt fliegt.“ Die dritte schlägt in ein E-Werk ein. Thomas Simmler wird einmal mehr klar: „Ich lebe hier im Krieg.“