Du sollst nicht mit Galle dichten! Du sollst deine Gestalten lieben - keine unter ihnen hassen!" An diese, seine Vorgabe hielt sich Gerhart Hauptmann (Bild), einer der bedeutendsten deutschen Dramatiker, stets; auch und vermutlich gerade bei seinen naturalistischen Stücken. Das gilt vor allem für "Die Ratten", die heute vor hundert Jahren - ein Jahr, bevor man Hauptmann den Literatur-Nobelpreis verlieh, - uraufgeführt wurden. Mit der Tragikomödie, die bei der Premiere am 13. Januar im Berliner Lessing-Theater zunächst gnadenlos ausgepfiffen wurde, kehrte Hauptmann zu seinen frühen Naturalismus-Dramen "Vor Sonnenaufgang" (1889) etwa oder "Die Weber" (1892) zurück. Hier werden die Welt, die Figuren, um die es ihm ging, naturgetreu und wissenschaftlich exakt mit allen positiven aber auch negativen Seiten abgebildet. Hauptmanns Themen sind wie in seinen anderen Stücken auch hier die menschliche Not, der Zerfall des Kleinbürgertums und - in einer kleinen, komischen Parallelhandlung - die Problematik des Künstlertums. Die Milieuschilderung findet hier ihren Schauplatz in einer heruntergekommenen ehemaligen Kaserne, die nun - Zeit der Handlung ist Ende des 19. Jahrhunderts - dutzenden von Familien als Mietshaus dient und "Wanzenburg" genannt wird. Erzählt wird zum einen die tragische Geschichte einer Putzfrau, die ein eigenes Kind verloren hat und einer jungen Polin ihr Baby abschwatzt; diese wird umgebracht, und auch die Putzfrau begeht, als alles herauskommt, Selbstmord. Der ganze Schrecken, die Tragik der Geschichte wird umso deutlicher durch die parallel verlaufende komische Nebenhandlung, in der ein ehemaliger, konservativ denkender Theaterdirektor sich mit einem angehenden, der Kunst gegenüber modern eingestellten jungen Schauspieler auseinander setzen muss. In Letzterem brachte Hauptmann nicht nur seine eigene Einstellung zum Theater zum Ausdruck; hier gewinnen die Ratten - sonst vorwiegend symbolisch verwendet - tatsächlich Gestalt. Milieuschilderung verband der Autor also gleichzeitig mit moralischer und künstlerischer Zeitkritik. Der Literaturhistoriker Hans Mayer bezeichnete "Die Ratten" als den vielleicht wichtigsten Beitrag Hauptmanns zum modernen Welttheater, als eine "Großstadt-Dichtung ganz eigener Art".