Nicht anders freilich scheinen unkörperliche Talente oder Charakterschwächen auf direktem, nämlich biologischem Weg von uns Eltern auf unsere Kinder zu kommen. Ähnlich überliefert sich das urkundlich beglaubigte Welterbe mal mehr, mal weniger gegenständlich. In Bamberg, zum Beispiel, wird (wie gemeldet) im nächsten Jahr gefeiert, weil dann die Altstadt mit dem steinernen Ewigkeitsmonument des Kaiserdoms seit 25 Jahren dazugehört. Auch weit Vergänglicheres empfiehlt sich der offiziellen Deklarierung, wie die Handschrift von Beethovens Neunter. Und mögen sich auch Orte nicht eigentlich anfassen lassen, so kann man sie doch begehen, wie etwa das Wattenmeer, das als deutsches Weltnaturerbe gilt. Schon recht nahe an der Grenze zur Unanfassbarkeit bewegt sich die gleichfalls zertifizierte Korbmacherkunst und strebt darum, nach dem bayerischen und deutschen Titel, jetzt jenen der Unesco an; zwar nicht das Können der Flechter, wohl aber ihre Fabrikate vermögen wir zu greifen. Vollends ins Abstrakte indes drang dieser Tage der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband vor: Er beantragt, das von dem Hamburger Gerd Hädrich und anderen entwickelte "Welttanzprogramm" mit seinen Regeln für Walzer und Disco, Swing, Tango und Latino auf die Welt-Liste des immateriellen Erbes zu setzen. Damit sind, versteht sich, nicht die Beine der Tänzer selbst gemeint, die ja unmittelbar zur Anschauung einladen. Der Verband meint die Schritte als solche, als buchstäblich vorübergehende Manifestation einer ästhetischen Idee. Die hat nun gar nichts Haptisches mehr, sondern besteht nur aus Bewegung, die unstofflich Zeit und Raum in ein Verhältnis setzt. Vergleichbar können wir demnächst unser notorisch gutes Gewissen zur Kandidatur anmelden oder den gesunden Menschenverstand. Der immerhin wäre hierzulande eine Rarität.
Kunst und Kultur Bewegliches Erbe
Michael Thumser 26.10.2017 - 21:12 Uhr