Ein Kulturmensch, den ich auf der Frankfurter Buchmesse traf, erzählte mir eine happy endende Liebesgeschichte. Seine eigene. Sie sei, sagte er, so unwahrscheinlich, dass - schriebe man sie auf - niemand sie glauben würde. Die Geschichte fing in den 90er-Jahren an. Damals hatte der Mann eine Beziehung zu einer Frau. Schön war sie, die Frau ebenso wie die Beziehung, aber wie das so ist: Ein Kind kam, und der Mann ließ die Frau sitzen. Bald darauf lernte er eine andere kennen, verliebte sich und heiratete sie. Versehentlich erhielt auch die Verflossene eine Karte, auf der die Hochzeit angezeigt wurde; sie zerriss sie in kleine Stücke. Kontakte zwischen den beiden, die einst ein Paar gewesen waren, fanden in der Folgezeit trotz des gemeinsamen Kindes nicht statt; der Sohn wuchs vaterlos auf. Viele Jahre gingen ins Land. Die Ehe des Kulturmenschen zerbrach, er versuchte, sich ans Alleinsein zu gewöhnen, und merkte, dass das nicht ging. Immer öfter dachte er an den Jungen, den er vor langer Zeit gezeugt hatte, und bedauerte, ihn nicht zu kennen. Also beschloss er, die Ex-Partnerin zu fragen, ob er das Kind, das nicht nur ihres, sondern auch seines war, einmal sehen und mit ihm sprechen dürfe. Als er anrief, war nicht sie, sondern der Junge am Telefon. Der Kulturmensch nannte seinen Namen, worauf der inzwischen Zwölfjährige sagte: "Dann sind Sie mein Vater." Ein Treffen wurde vereinbart, man fand einander sympathisch, und als etwas später die Mutter beruflich verreisen musste, fragte sie den Kulturmenschen, ob er den Sohn für einige Tage bei sich aufnehmen wolle. Das tat er gern, in den Wochen danach lebte nicht nur die alte Freundschaft zwischen dem Mann und der Frau wieder auf: Man stellte fest, dass es Liebe war, stark genug, um für immer zu sein. Die beiden zogen zusammen und heirateten. Nun freuen sie sich übers mit Verspätung gefundene Glück, und alles spricht dafür, dass es sehr lange anhalten wird.
Kunst und Kultur Eine Liebesgeschichte
Von Ralf Sziegoleit 19.10.2010 - 00:00 Uhr