Bevor der Regisseur den Eröffnungsfilm zeigt, verliest einen Brief: einen Abschiedsbrief; einen Liebesbrief. Adressat ist ein Toter. Dessen „Moleküle“ spürt Chris Kraus noch im Kinosaal des Scalas, und die Besucher der Eröffnungsvorstellung spüren sie wohl auch, denn sie applaudieren, von Kraus aufgefordert, den Spurenelementen des verewigten Festivalgründers Heinz Badewitz warm und lange. Kurioses und Poetisches steht in Kraus’ Trauerbotschaft. Zum Beispiel: „Irgendwas Schönes, Weiches wird man nach Dir benennen.“ Zum Beispiel: „Wäre jeder Heinz wie Du, wir hätten eine bessere Welt.“
Wäre jeder Historiker wie Totila Blumen – wir hätten eine traurigere Welt. „Zentrale Stelle“ steht an der Eingangstür zu seinem Arbeitsplatz – nüchterner, bürokratischer kann kein Ort auf deutschem Boden heißen. Dem Weltverderben des Massenmords an den Juden, der nüchtern-bürokratisch von deutschem Boden ausging, widmet Totila sein Leben als Wissenschaftler. Sonst hat er keins. Der 40-jähriger Holocaust-Forscher liest nur Fachbücher über die „Henker“ von einst, und wenn’s mal was Leichteres sein soll, dann „Das Tagebuch der Anne Frank“.
Die „Zentrale Stelle“ gibt es wirklich, in Ludwigsburg, wo der Film spielt. Gedreht allerdings hat Kraus im ehemaligen Berliner Amtsgerichts neben den kahlen Backsteinmauern und Gitterfenstern eines Knasts: grandios angemessener Schauplatz für das selbstgefällig im eigenen Saft schmorende Expertengremium, das hier einen Holocaust-Kongress vorbereitet und dafür Fundraising bei Konzernen betreibt. Erst recht passt Totila hierher, der den Leitungsposten an Fatzke Balthasar (Jan Josef Liefers) abgeben musste, wo er doch weiß: Keiner ist dazu so berufen ist wie er selber. Denn „Die Blumen von gestern“ – so der Titel des Films –, haben eine blutige Nazivergangenheit, namentlich der „liebe“ Opa: Ihm wies Totila „10 000 Morde“ nach. Mit dem Leichenberg im Familienkeller und den Fachidioten um sich herum fühlt er sich neben den Knastmauern selbst als Gefangener und verlangt nach Befreiung, noch ehe er’s weiß.
Zazie weiß es früher als er. Angeblich absolviert die Studentin aus Frankreich in der „Zentralen Stelle“ ein Praktikum. In Wahrheit will sie Totila kennenlernen, denn einen der „10 000 Morde“ beging sein Opa an ihrer Großmutter. Sprung- und launenhaft dringt sie durch Totilas Trenchcoat-Rüstung („Es ist mein Beruf, negativ zu sein“) mit dem Feuer ihrer Weltoffenheit. Schlagkräftig paukt sie ihn aus einer Prügelei mit Truckern heraus und hilft dem Erschlafften in einer Nacht erfüllter Intimität, endlich wieder seinen Mann zu stehen. Aber eine Leiche, gewissermaßen, hat Totila auch im eigenen im Keller. Kann’s da ein Happy End geben?
Einmal fliegt ein Hund aus dem Fenster eines fahrenden Autos. Ein andermal schüttet sich Zazie einen Eimer Farbe über den Kopf; oder sie bemüht das Tür-auf-Tür-Zu des Boulevardlustspiels, um Totila und ihren Liebhaber, den Fatzke, voneinander fernzuhalten: Für eine ziemlich hergeholte Geschichte setzt Chris Kraus auch schon mal auf den gesucht skurrilen Gag aus dem Privatfernsehen. So aber gelingt es ihm, angesichts eines Stoffs, der vom Genozid handelt, das Lachen zu erlauben. Jedes Betroffenheitspathos haben der Regisseur und seine fabelhaften Schauspieler ausgespart. Schon dadurch punktet der Film, dass er nie in eine Nazivergangenheit zurückblendet, die sich, für Kino und Fernsehen viel zu oft nachgestellt, nur noch aus Versatzstücken zusammenbasteln lässt.
Etwas „Schönes“, „Weiches“ wünscht sich Chris Kraus als Heinz-Badewitz-Denkmal: Durch die schöne, unberechenbar überspannt agierende Adèle Haenel als Zazie („Mein zweiter Name ist terreur“) hat er ihm eins gesetzt; ebenso durch den Berliner Bühnenstar Lars Eidinger, der als weicher Totila seine Aggressionen „nicht im Griff hat“, schon gar nicht seine Verletzlichkeit. Zum Dreieck spannt Hannah Herzsprung das Band der Beziehungen aus. Als Totilas Frau sehnt sie sich nach seiner Gegenwart, weiß sie doch: Sein Gefängnis ist die Vergangenheit; beim Sex mit hirnlosen Lovern fühlt sie am schmerzlichsten ihre Liebe zu ihm.
Zum fünften Mal reiste Chris Kraus nach Hof. Mit dem Gefängnis-Melodram „Vier Minuten“ trat er hier vor zehn Jahren überwältigend ans Licht einer sogleich staunenden Filmwelt. An so großes Kino, auch an „Poll“ aus dem Jahr 2010, reicht sein kleines „Blumen“-Stück nicht heran. Aber es hält zwischen
publikumsfreundlichem Ernst und tieferer Bedeutung jene Balance, die Badewitz seinen Filmtagen verordnete. „Für Heinz“, lautet die Widmung im Abspann. Dort steht auch geschrieben, dass Kraus ihm danke, „für alles“. Er, wie viele Kollegen der ersten Kategorie, hat jeden Grund dazu.
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heute, 18:30 Uhr, Scala; Freitag, 24 Uhr, Central.
Wäre jeder Historiker wie Totila Blumen – wir hätten eine traurigere Welt. „Zentrale Stelle“ steht an der Eingangstür zu seinem Arbeitsplatz – nüchterner, bürokratischer kann kein Ort auf deutschem Boden heißen. Dem Weltverderben des Massenmords an den Juden, der nüchtern-bürokratisch von deutschem Boden ausging, widmet Totila sein Leben als Wissenschaftler. Sonst hat er keins. Der 40-jähriger Holocaust-Forscher liest nur Fachbücher über die „Henker“ von einst, und wenn’s mal was Leichteres sein soll, dann „Das Tagebuch der Anne Frank“.
Die „Zentrale Stelle“ gibt es wirklich, in Ludwigsburg, wo der Film spielt. Gedreht allerdings hat Kraus im ehemaligen Berliner Amtsgerichts neben den kahlen Backsteinmauern und Gitterfenstern eines Knasts: grandios angemessener Schauplatz für das selbstgefällig im eigenen Saft schmorende Expertengremium, das hier einen Holocaust-Kongress vorbereitet und dafür Fundraising bei Konzernen betreibt. Erst recht passt Totila hierher, der den Leitungsposten an Fatzke Balthasar (Jan Josef Liefers) abgeben musste, wo er doch weiß: Keiner ist dazu so berufen ist wie er selber. Denn „Die Blumen von gestern“ – so der Titel des Films –, haben eine blutige Nazivergangenheit, namentlich der „liebe“ Opa: Ihm wies Totila „10 000 Morde“ nach. Mit dem Leichenberg im Familienkeller und den Fachidioten um sich herum fühlt er sich neben den Knastmauern selbst als Gefangener und verlangt nach Befreiung, noch ehe er’s weiß.
Zazie weiß es früher als er. Angeblich absolviert die Studentin aus Frankreich in der „Zentralen Stelle“ ein Praktikum. In Wahrheit will sie Totila kennenlernen, denn einen der „10 000 Morde“ beging sein Opa an ihrer Großmutter. Sprung- und launenhaft dringt sie durch Totilas Trenchcoat-Rüstung („Es ist mein Beruf, negativ zu sein“) mit dem Feuer ihrer Weltoffenheit. Schlagkräftig paukt sie ihn aus einer Prügelei mit Truckern heraus und hilft dem Erschlafften in einer Nacht erfüllter Intimität, endlich wieder seinen Mann zu stehen. Aber eine Leiche, gewissermaßen, hat Totila auch im eigenen im Keller. Kann’s da ein Happy End geben?
Einmal fliegt ein Hund aus dem Fenster eines fahrenden Autos. Ein andermal schüttet sich Zazie einen Eimer Farbe über den Kopf; oder sie bemüht das Tür-auf-Tür-Zu des Boulevardlustspiels, um Totila und ihren Liebhaber, den Fatzke, voneinander fernzuhalten: Für eine ziemlich hergeholte Geschichte setzt Chris Kraus auch schon mal auf den gesucht skurrilen Gag aus dem Privatfernsehen. So aber gelingt es ihm, angesichts eines Stoffs, der vom Genozid handelt, das Lachen zu erlauben. Jedes Betroffenheitspathos haben der Regisseur und seine fabelhaften Schauspieler ausgespart. Schon dadurch punktet der Film, dass er nie in eine Nazivergangenheit zurückblendet, die sich, für Kino und Fernsehen viel zu oft nachgestellt, nur noch aus Versatzstücken zusammenbasteln lässt.
Etwas „Schönes“, „Weiches“ wünscht sich Chris Kraus als Heinz-Badewitz-Denkmal: Durch die schöne, unberechenbar überspannt agierende Adèle Haenel als Zazie („Mein zweiter Name ist terreur“) hat er ihm eins gesetzt; ebenso durch den Berliner Bühnenstar Lars Eidinger, der als weicher Totila seine Aggressionen „nicht im Griff hat“, schon gar nicht seine Verletzlichkeit. Zum Dreieck spannt Hannah Herzsprung das Band der Beziehungen aus. Als Totilas Frau sehnt sie sich nach seiner Gegenwart, weiß sie doch: Sein Gefängnis ist die Vergangenheit; beim Sex mit hirnlosen Lovern fühlt sie am schmerzlichsten ihre Liebe zu ihm.
Zum fünften Mal reiste Chris Kraus nach Hof. Mit dem Gefängnis-Melodram „Vier Minuten“ trat er hier vor zehn Jahren überwältigend ans Licht einer sogleich staunenden Filmwelt. An so großes Kino, auch an „Poll“ aus dem Jahr 2010, reicht sein kleines „Blumen“-Stück nicht heran. Aber es hält zwischen
publikumsfreundlichem Ernst und tieferer Bedeutung jene Balance, die Badewitz seinen Filmtagen verordnete. „Für Heinz“, lautet die Widmung im Abspann. Dort steht auch geschrieben, dass Kraus ihm danke, „für alles“. Er, wie viele Kollegen der ersten Kategorie, hat jeden Grund dazu.
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heute, 18:30 Uhr, Scala; Freitag, 24 Uhr, Central.