Der hochgeachtete Pädagoge urteilte entsetzt. "Das ist unerträglich", schimpfte Nikolai Rimsky-Korsakow, als ihm sein Kompositionsschüler Igor Strawinsky einen seiner Versuche vorlegte. Zwar ahmte Strawinsky (Bild) - der für die Musik des 20. Jahrhunderts später das bedeuten sollte, was Pablo Picasso für die Bildkunst darstellt - als junger Mann den Stil seines Lehrers und anderer russischer Romantiker eine Weile nach. Doch hielt es ihn nicht dabei. Er strebte nach fortschrittlicheren Tönen. Recht eigentlich flügge wurde er mit dem ersten der großen Tanzstücke, die er für den legendären Impresario Sergej Diaghilew und dessen Ballets Russes schuf: Heute vor hundert Jahren erlebte "Der Feuervogel" in Paris seine Uraufführung - und riss das Publikum zu Jubelstürmen hin. Ihnen schloss sich die Presse an: "Endlich ein vollkommen schönes, vollkommen neues und äußerst bedeutendes Werk." Über den erst 28-jährigen Urheber des Erfolgsstücks wusste damals kaum einer Näheres; auch Diaghilew hatte ihn lediglich durch zwei kleine Orchester-Piècen und durch Chopin-Instrumentationen, die er bei ihm in Auftrag gab, kennengelernt. Doch das Risiko rentierte sich gewaltig. Folkloristisch märchenhaft erzählt der "Feuervogel" die Geschichte eines Prinzen, der mit Hilfe des Titel-stiftenden Geflügels einen bösartigen Zauberer besiegt und aus dessen Schloss das Mädchen seines Herzens befreit. Das Libretto verfasste der Tänzer Michael Fokin. Bis heute behielt die Partitur, aus der Strawinsky drei Konzertsuiten zog, den Rang seines wohl beliebtesten Werks: "Vollkommene Schönheit" erfüllt wirklich in weiten Teilen die farbensatte, meisterlich gearbeitete Komposition, die in Russland dem esoterischen Impressionismus eines Alexander Skrijabin eine vitale, durchaus diesseitige Variante zur Seite stellte. Den gewaltigen schöpferischen Ertrag, den der junge Tonsetzer bald bringen sollte, ahnte Sergej Diaghilew früh: "Schaut ihn euch an: ein Mann am Vorabend des Ruhms."