„Seit der Aufklärung war Religion bei uns meistens Privatsache. Doch heute hat sie wieder Konjunktur, die von gemeinschaftlichem Engagement bis zur skrupellosen Machtausübung reichen kann“, sagte Generaldirektor Ulrich Großmann am Dienstag. Helden, Märtyrer und Heilige spielten dabei eine mitunter zwiespältige Rolle. „Im späten Mittelalter aber waren sie Vorbilder“, betonte Großmann.
Am Anfang der Ausstellung steht die Rosenkranztafel aus der Werkstatt des Veit Stoß, die exemplarisch ins Thema einführt: Das großformatige Bildfeld erzählt in mehreren Szenen das christliche Heilsgeschehen von der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht. Aus Sicht des Spätmittelalters bildet diese Relieffolge die „Heldenreise der Menschheit“ ab, die mit dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies begann, in das die Menschen seitdem zurückzukehren wünschen. Der Kreis soll sich wieder schließen. Für Gläubige, die einst vor dieser Tafel beteten, dienten die Darstellungen als Orientierungshilfe zur eigenen Lebensführung, für ihre persönliche Helden-reise in die Glückseligkeit.
Vita Christi

Für die Erzählung großer Heldentaten hat sich ein Grundmuster herausgebildet, das von antiken Texten bis zum Hollywoodfilm auf einer vergleichbaren Dramaturgie beruht. Ein Held oder eine Heldin folgt einer Berufung, muss Bewährungsproben bestehen und unter Lebensgefahr einen aus dem Gleichgewicht geratenen Zustand wieder ins Lot bringen.

In der christlichen Tradition erfüllt die Vita Christi diese Vorstellung, wie hochkarätige Gemälde und Skulpturen in der Ausstellung verdeutlichen. Die prächtige Tafel des Meisters der Sterzinger Altarflügel zeigt Christus als nacktes, unschuldiges Kind auf dem Schoß seiner Mutter sitzend. Der Apfel in seiner Hand verweist auf den Sündenfall, den es mit seinem Tod sühnen wird. Das Ende der Vita wird bereits vorweggenommen. Auf dem Epitaph für Ursula Haller steht Christus im Kreise von Märtyrern. Ihre heldenhafte Reise hat sie bereits ins Paradies geführt, worauf der blumenbewachsene Grasboden hinweist. Dorthin wünschen auch die Stifter der Tafel nachzufolgen, die im Vordergrund andächtig betend mit dem Rosenkranz in der Hand knien.

Märtyrer und Heilige

Märtyrer und Heilige nahmen sich Christi Lebensweg zum Vorbild. Wie eine moderne Bildergeschichte berichtet die Legendentafel von Hans Murer gleich von mehreren Märtyrerschicksalen. Alle weisen Parallelen zur Vita Christi auf: Sie wurden wegen ihres Glaubens verfolgt, gepeinigt und ge- tötet – und erhielten Zugang ins Paradies. Auch sie dienten im Spätmittel-alter als Vorbilder und wurden konkret um Schutz und Beistand gebeten. Als Nothelfer und Schutzpatrone lag ihre Aufgabe in der Vermittlung zwischen Gott und den Menschen.

Zu den bedeutendsten Werken zählt die Figurengruppe „Raphael und Tobias“ von Veit Stoß. Noch etwas unsicher mit tänzerischer Beinhaltung hat der junge Tobias den Arm des Schutzengels Raphael ergriffen, der ihm zuversichtlich lächelnd den Weg weist. Doch er gibt sich nicht als Schutzengel zu erkennen, so dass sein Schützling nicht um dessen besondere Fürsorge weiß – eine Geschichte wie im Hollywood-Film.
Am Ende des Lebens und am Ende der Ausstellung wartet Christus der Weltenrichter als letzte Instanz, die über das Schicksal aller Gläubigen entscheidet – monumental thronend auf einem Fragment der Weltgerichtstafel aus der Zeit um 1500. Am Tag des Jüngsten Gerichts gibt es nur zwei Optionen: Himmel oder Hölle.
Das Paradies

Der letzte Ausstellungsraum steht für das Paradies und ewige Himmelreich. Wie sieht es aus? Niemand weiß es, aber viele machen sich dennoch ein Bild. Im Germanischen Nationalmuseum ist das Paradies ein hell erleuchteter Raum, in dem kein Exponat hängt. Stattdessen hören Besucher über Lautsprecher unterschiedliche Paradiesvorstellungen. Sie stammen von Kindern und Erwachsenen, von Laien und Gläubigen, von Christen und Vertretern anderer Religionen.

Mit diesen Gedanken über das Paradies, über Helden und die Fragen, ob wir auch heute noch Helden brauchen, entlässt die Ausstellung den Besucher. Wer sich mitteilen und seine Helden-Vorstellung äußern möchte, kann das auf Postkarten am Ausgang tun oder in den Social Media Kanälen unter dem Hashtag #heldenreise.
Die Schau ist von diesem Donnerstag an bis zum 4. Oktober des Jahres 2020 zu sehen.