Die Renaissance war eine Epoche der Aufklärung. Der Mensch machte sich ein Bild von der Welt, darin er selbst, sein Wissen und Können die Hauptrollen spielten und Gott sich begnügen musste, unter vielen Wesen mit Geist und Schöpferkraft nur eines, wenn auch das größte zu sein. Dem Menschen schien alles erfassbar - und alles schien in Zusammenklang und -halt befindlich. So standen die Gelehrten nicht an, ganz logisch und methodisch Vergleiche zu ziehen etwa zwischen der Geschlossenheit einer philosophischen Argumentation, dem in unabsehbarer Freiheit nutzbaren Regelsystem des Schachspiels und der strengen Satzkunst, nach der sich das Strömen und Blühen musikalischer Stimmen vollzieht. Venedig, Weltmacht der Politik, der Künste und des Verstandes, zog die damals besten Geistes- und Schöpferkräfte an sich. Für die Tonkunst wurde San Marco zum Zentrum mit Strahlkraft über ganz Europa. Im Schiff des Doms und auf den Emporen verteilte Giovanni Gabrieli an der Wende zum 17. Jahrhundert bis zu vier Vokal- und fünf Instrumentalensembles, um das Gotteshaus mit ungehörten, schier übermenschlichen, beinah himmlischen Klängen zu füllen. Der Komponist, einer der angesehensten der Zeit, hatte sein Metier wohl bei seinem Onkel Andrea und anfangs in München gelernt. Schon Andrea brachte es in der Mehrchörigkeit zur Meisterschaft, die Giovanni später freilich durch Komplexität und Pracht noch übertraf. Zwei Sammlungen veröffentlichte er, "Symphoniae sacrae" enthaltend, "heilige Zusammenklänge", geistliche Konzerte in Form von sechs- bis neunzehnstimmigen Chorstücken; aber auch eine "Sonata pian' e forte", also eine mal leiser, mal lauter zu spielende Sonate: das erste gedruckte Instrumentalstück mit Vorschriften zur Dynamik überhaupt. Bevor Giovanni Gabrieli heute vor 400 Jahren mit etwa sechzig starb, suchten ihn viele Tonsetzer aus dem Norden als Lehrer auf. So studierte der große Heinrich Schütz bei ihm. "Symphoniae sacrae" schrieb auch er, Gott und ebenso seinem Meister zu Ehren.