Ernsthafte Ringelnatz-Texte? Die gibt es tatsächlich: seine frühe, romantische Lyrik beispielsweise sein Großstadtroman "... liner Roma ..." oder seine fünf sachlichen autobiografischen Bücher. Die humorigen, skurrilen, oft auch drastischen Gedichte dagegen sind es, die den 1883 in Wurzen bei Leipzig geborenen Dichter, Kabarettisten und Maler Joachim Ringelnatz alias Hans Gustav Bötticher berühmt machten; vor allem die über den Seemann Kuttel Daddeldu oder das vom "Männlichen Briefmark", das eine Sonderbriefmarke zu seinem 125. Geburtstag 2008 ziert (Bild). Heute vor 75 Jahren starb er in Berlin an einer zu spät behandelten Lungentuberkulose. "Vielseitig interessiert" könnte man ihn bezeichnen, wenn man ihm wohlgesonnen ist; abschätzig "Lebenskünstler" dürften weniger Rücksichtsvolle den kleinen Sachsen mit der markanten Nase titulieren. Dabei war er bei der ewigen Armut und dem nagenden Hunger, denen er in seinem Erwachsenenleben permanent ausgesetzt war, wohl eher ein Überlebenskünstler. Mit der Obersekundareife und dem zweifelhaften Prädikat "Schulrüpel ersten Ranges" von der Schule verabschiedet, heuerte der 17-Jährige als Schiffsjunge an und fuhr die nächsten sieben Jahre zur See. Etwa dreißig Nebenberufe, mit denen er sich über die Jahrzehnte mehr schlecht als recht über Wasser hielt, zählen Ringelnatz' Biografen; er war Aushilfe bei einer Schlangenbude auf dem Jahrmarkt, fahrender Sänger, Buchhalter, "Wahrsagerin" in Bordellen, Privatbibliothekar, Schaufensterdekorateur, Fremdenführer auf der Burg Lauenstein und vieles mehr. Vor allem aber war er ein fleißiger Schriftsteller, dessen erste Geschichten schon 1901 in Auerbach's Deutschem Kinderkalender veröffentlicht wurden. Und Joachim Ringelnatz war auch ein begabter Zeichner, Aquarellist und Maler; seine ersten Ölbilder malte er mit 22. Knapp dreißig Jahre später wurde seine Kunst von den Nationalsozialisten geschmäht und vernichtet: die Bücher wurden verbrannt, die Bilder als "entartet" weitgehend vernichtet.