Oszillieren: Das bedeutet schwingen, schwanken. Die Schwestern Katja und Ines Lunkenheimer aus Nürnberg schwingen sich in die Höhen pianistischer Virtuosität hinauf und tief hinunter in ausdrucksvolle und intelligente Werkdeutungen. Dabei schwanken sie nicht - weder technisch noch in ihrer Überlegungskraft. Allenfalls schwenken sie um: vom Spiel an zwei Klavieren zur Vierhändigkeit auf einer einzigen Tastatur und zurück. Der Titel ihrer zweiten CD, "Oscillations", entstammt einem Werk Hans Kraus-Hübners; er und Holmer Becker, beide gleichfalls Nürnberger, dazu der Schweizer Frédéric Bolli bestreiten mit je zwei Beiträgen das Programm der Platte, die Musik der Gegenwart vorbehalten ist. Anspruchsvoll breiten die schönen Schwestern sie vor den Ohren aus, von denen freilich Aufnahmebereitschaft verlangt ist: Dann offenbart die Musik ihre Fortschrittlichkeit wie auch die Wurzeln, aus denen sie sich nährt.

Bach & Contemporary Music. - Alexandra Sostmann. Tyxart, 1 CD, Nr. TXA 13036.

Bis zu den Wurzeln gräbt sich auch Alexandra Sostmann hinab, um gleichzeitig vielfältige Charaktere einer mehr oder weniger zeitgenössischen Klaviermusik freizulegen. Drei Werke Johann Sebastian Bachs, darunter die zweite Englische Suite, kombiniert sie mit Schöpfungen von Gubaidulina und Pärt, Xiaoyong Chen und Terry Riley, Dutilleux und Schostakowitsch. Zwischen 1946 und 2004 entstanden sie. Damit bezieht die Frankfurter Pianistin, im Altmeisterlichen wie im Neuzeitlichen bewandert, das "Zeitgenössische" nicht als vermeintlichen Einheitsstil auf die Satzkunst des Spätbarock; sondern sie zeigt in der Moderne die Unterschiedlichkeiten auf, die sich während sechzig Jahren zwangsläufig ergaben.

Capriccio sopra il genio del Bach giovanissimo. - Cécile Mansuy. Tyxart, 1 CD, Nr. TXA 14038.

Noch sehr, sehr jung war Cécile Mansuy, als sie sich alter bis sehr alter Musik zuwandte. Bereits für die Fünfjährige stand fest, dass als Instrument für sie nur das Cembalo in Frage komme. Zwischenzeitlich eignete die - noch immer junge - Künstlerin sich auch die Orgel und das Klavier an. Einem Alten Meister, allerdings seinem Schaffen aus frühen Jahren, wendet sich Mansuy auf ihrer Debüt-CD zu: Ihr "Capriccio sopra il genio del Bach giovanissimo" - ihre Scherzerei über den Genius des sehr jungen Bach - beginnt sie an der Orgel und setzt es am Cembalo fort. Dort absolviert sie zwei große Zyklen: die kaum je zu hörende, für Bach untypische Programmmusik des "Capriccio sopra la lontananza de il fratro dilettissimo" (Capriccio über die Abreise des sehr geliebten Bruders) und die zehn Choralvariationen über "Ach was soll ich Sünder machen". Eine vielfältige Gestaltungsfähigkeit zeichnet die Interpretin ebenso aus wie originäre Erzählfreude.

Claviermusik aus Nürnberg. - Ralf Waldner. Tyxart, 1 CD, Nr. TXA 13037.

Zurück an den Anfang: zurück zu "Claviermusik aus Nürnberg". Im Fall der CD von Ralf Waldner schreibt sich das Klavier altertümlich mit C. Auf Cembalo und Orgel, Clavichord und Regal intoniert der mit allen Wassern der historisch informierten Aufführungspraxis gewaschene Fachmann Raritäten von Haßler, Staden, Krieger und anderen, teils in Ersteinspielungen. Historisch sind auch die benutzten Instrumente, meist originalgetreue Nachbauten: Nicht nur ein aufnahmebereites, auch ein abgehärtetes Ohr ist hier vonnöten.

Michael Thumser