Zunächst war das Ganze als so etwas wie ein weihevolles Volksfest gedacht. Keineswegs für die Reichen und die selbst ernannten Schönen sah Richard Wagner seine Festspiele ursprünglich vor, sondern für einfache Leute, deren heiliger Enthusiasmus kostenlos in den Genuss hehrer Musikdramatik kommen sollte: Den Eintritt dachte der Meister sich frei. Dazu kam es bekanntermaßen nicht. Doch die Idee hielt sich. In Recklinghausen entstanden 1947 Festspiele für Arbeiter - für Bergarbeiter, um genau zu sein; die hatten im Winter zuvor frierenden Hamburger Theaterleuten unkompliziert Kohle gestiftet und erhielten als Gegengabe Bühnenkunst vom Feinsten geliefert. Aus den "Kulturtagen der Arbeit" jenes Anfangs wuchsen die bedeutenden Ruhrfestspiele auf. Verständlicherweise stachen sie auch den Regierenden der DDR ins Auge: Dort fand man den Grundgedanken brauchbar; das westdeutsche Programm allerdings schien seiner "bürgerlichen Dekadenz" wegen angetan, die Arbeiterklasse zu verseuchen. Um deren "Beziehungen zur Kunst" zu festigen, beschloss der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund 1958, "Arbeiterfestspiele" ins Leben zu rufen. Dieser Tage vor fünfzig Jahren, im Bezirk Halle, lief das Startfestival als "Höhepunkt des sozialistischen Kulturlebens" im Land. Fortan fanden die Festspiele, immer in einem anderen Bezirk, jährlich statt, ab 1973 zweijährlich, 1988 in und um Frankfurt/Oder zum letzten Mal. Kombinate ebenso wie Kleinbetriebe, die Landwirtschaft ebenso wie Kultureinrichtungen trugen das Ihre bei, Geschriebenes, Theater und Musik hauptsächlich. Erst agierten Tausende von Berufs- und Laienkünstlern nebeneinander; später verstärkten sich der volkstümliche Zug und der Volksfestcharakter, wenn auch, zwischen Amateuraufführungen, Sportwettkämpfen oder Tanzbelustigungen, hier und da Bedeutenderes blühte. Manches Talent machte auf sich aufmerksam. Freilich durfte Kunst, ins Korsett ideologischer Maßregeln und Ziele geschnürt, nie wirklich frei Luft holen.