Länderspiegel Angst vor Obdachlosigkeit in Italien

"Wir mussten schutzlos auf der Straße leben." Von ihren Erfahrungen in Italien berichteten die drei äthiopischen Flüchtlingsfrauen Hana Kessaya, Samrawit Asrat und Ayisha Dawod (von links). Inzwischen leben sie in einem Erstaufnahmelager in Nürnberg. Foto: Andrea Herdegen

Nürnberger Flüchtlingshelfer kritisieren die Abschiebung äthiopischer Asylbewerberinnen. Diese Maßnahme sei menschenunwürdig.

Nürnberg - Als Ayisha Dawod von ihren drei Kindern erzählt, die sie in Äthiopien zurücklassen musste, laufen ihr Tränen über die Wangen. Sie flüchtete allein aus ihrem Heimatland, kam mit einem Boot übers Mittelmeer nach Italien. Unterwegs hat sie viel Schlimmes erlebt, wurde vergewaltigt. In Italien angekommen, musste sie schutzlos auf der Straße leben. Nach zwei Monaten schaffte sie es weiter nach Deutschland, lebt inzwischen in einem Erstaufnahmelager in Nürnberg. Nun hat die 30-Jährige Angst, dass sie im Rahmen der Dublin-Abschiebungen wieder nach Italien zurück muss. "Lieber bringe ich mich um, als dass ich dorthin zurückgehe", sagt sie unter Tränen.

Um darauf hinzuweisen, dass Asylbewerberinnen in Italien die Obdachlosigkeit droht, wenn sie nach den Bestimmungen der Dublin-Verordnung zurück müssen, ging das Internationale Frauencafé in Nürnberg nun an die Öffentlichkeit. Das Café ist seit fast zehn Jahren Kontaktstelle für Flüchtlingsfrauen. "Die Frauen stehen weinend bei uns im Büro", sagt Anne Maya. Es handle sich um tragische Schicksale. "Inzwischen schaffen wir die Beratung nicht mehr, so viele Betroffene sind es."

Die Frauen haben in Deutschland einen Asylantrag gestellt, mussten aber bei ihrer Ankunft in Italien einen Fingerabdruck abgeben. Werde nach der Prüfung ein Dublin-Antrag gestellt, müssten sie zurück nach Italien, erklärt Maya. Dort seien sie von Obdachlosigkeit bedroht. "Dieses System des Pingpong-Spieles zwischen den europäischen Staaten darf nicht auf den Rücken der Schutzbedürftigen ausgetragen werden." Es sei unzumutbar, alleinstehende und schwangere Frauen immer wieder hin und her zu schicken. "Wir fordern das Recht auf freie Wahl des Asylortes", sagt Maya.

Hana Kessaya, die auch aus Äthiopien geflüchtet ist, berichtet von zwei Monaten, die sie auf den Straßen von Bari und Mailand verbracht hat. Die Diabetikerin wurde krank, bekam aber keine ärztliche Hilfe. Schlafen musste sie in Parks, dort sei sie sexueller Belästigung anderer Flüchtlinge ausgesetzt gewesen. "Ich war krank und kaputt, als ich in Deutschland ankam."

Ihre Landsmännin Samrawit Asrat erzählt, dass sie sich auf einem Boot, das sie über das Mittelmeer brachte, eine Kopfverletzung zugezogen habe. Mit den italienischen Ärzten habe sie sich später nicht verständigen können, keiner habe ihr zugehört.

Auch die hygienischen Zustände seien furchtbar gewesen. "In Rom gab es nicht einmal Wasser. Frauen, die ihre Periode bekamen, haben sich schrecklich geschämt." Auf die Frage, warum sie geflüchtet sei, sagt Asrat, dass in Äthiopien nicht alles politisch in Ordnung sei, auch wenn das viele Europäer glaubten. "Wir hören auch, dass viele Menschen auf der Flucht sterben. Aber es ist so schlimm in der Heimat, dass wir uns trotzdem auf den Weg machen."

Eine große Diskrepanz zwischen Gesetz und Realität bei der Unterbringung von Asylbewerbern in Italien sieht Dr. Constantin Hruschka von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Seine Organisation habe besonders die Versorgung von Familien mit Kindern in Italien untersucht. Diese könnten oft nicht menschenwürdig untergebracht werden. Auch sei es sehr realistisch, dass Flüchtlinge keinen Zugang zum Gesundheitssystem hätten. "Nach einem halben Jahr fallen alle Asylbewerber aus der Hilfe, deshalb leben inzwischen zahlreiche Flüchtlinge in besetzten Häusern."

Das Verwaltungsgericht München habe in einem Urteil "systematische Mängel" des italienischen Asylsystems festgestellt. Hruschka bedauert, dass sich die europäischen Staaten beim Verteilsystem nicht gegenseitig vertrauen. "Dieses Misstrauen wird dann auf dem Rücken der Asylsuchenden ausgetragen." Das Dublin-Verfahren mache den Betroffenen große Angst. "Viele tauchen dann unter."

Das für die Verfahren zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) widerspricht der Kritik. Die Dublin-Staaten hätten sich auf gemeinsame Mindeststandards bei Asylverfahren, Unterbringung, Verpflegung und medizinischer Versorgung verständigt, teilt ein Sprecher mit. "Diese Mindeststandards werden auch von Italien eingehalten." 2016 seien rund 3970 Menschen im Rahmen der
Dublin-Verordnung aus Deutschland in andere Mitgliedsstaaten überstellt worden. Italien war dabei mit 916 Fällen das häufigste "Übernahmeland."

 

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