Länderspiegel Die Wölfe kommen

Die Wölfe kommen Quelle: Unbekannt

Dass sich im Fichtelgebirge ein Rudel ansiedelt, sei nur eine Frage der Zeit. Das sagen Experten.

Oberfranken - Unheimlich. Unwirklich. Und im Nachhinein richtig beeindruckend. So beschreibt Tino Unterburger seine Begegnung mit einem großen grauen Tier. Der Mann aus Seybothenreuth ist ganz sicher: Das war ein Wolf. Am 4. Dezember fährt er mit dem Auto von einem Fußballturnier in Creußen nach Hause. Es wird schon dunkel, als er zwischen Tiefenthal und Unterölschnitz Augen auf einem Feld leuchten sieht. Unterburger nimmt den Fuß vom Gas, um einen Wildunfall zu vermeiden. "Ich habe erst gedacht, das ist ein Reh, dann, ein Hund." Als er am Straßenrand hält, ist das Tier nur mehr zehn Meter entfernt, schaut neugierig zu ihm ins Auto. "Da habe ich gesehen, dass es ein Wolf ist."

Aufregend sei dieses Erlebnis gewesen. "Ich war perplex. Wer rechnet denn damit, plötzlich von einem Wolf angestarrt zu werden?", sagt der 42-Jährige. Ein paar Sekunden dauert das Zusammentreffen. Unterburger ist froh, dass er im sicheren Auto sitzt. "Zu Fuß wäre mir ganz schön mulmig gewesen."

Noch heute wundert er sich, dass das Tier so nahe an der Ortschaft unterwegs war. Er beschreibt es als sehr schön: kräftige Statur, dickes Fell, buschiger Schwanz, gelbe Augen.

Für sehr wahrscheinlich hält Markus Erlwein Unterburgers Beobachtung. Zahlreiche Wolfssichtungen seien 2016 aufgezeichnet worden, so viele wie in den zehn Jahren zuvor insgesamt. "Der Wolf ist in Bayern angekommen", sagt der Pressesprecher des Landesbundes für Vogelschutz (LBV). Es werde ja nur ein Bruchteil der Wölfe, die durch den Freistaat ziehen, von Menschen überhaupt wahrgenommen. "Bayern ist jetzt wieder Wolfsland. Wir müssen lernen, mit dem Wolf zurechtzukommen", sagt er. Schließlich habe auch der Wolf gelernt, in unserer Kulturlandschaft zu leben. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis sich ein Rudel hier ansiedle.

Der Wolf könne in einer modernen Gesellschaft mit hohem Siedlungsanteil leben, werde sich aber eher dort ein Zuhause suchen, wo es noch größere unberührte Flächen gibt. "Das Fichtelgebirge und der Frankenwald sind ideal, auch durch die Nähe zu Sachsen und Tschechien, wo es schon Wolfsrudel gibt", sagt Erlwein. Sein Verband appelliert, der Rückkehr der Wölfe gelassen und aufmerksam entgegenzublicken. "Der Wolf ist weder eine wilde Bestie noch ein Kuscheltier." Die Menschen bräuchten keine Angst vor dem Raubtier zu haben. "Wer immer noch an den bösen Wolf glaubt, der glaubt auch, dass der Storch die Kinder bringt", sagt der LBV-Sprecher.

Die Chance, beim Spazierengehen einem Wolf zu begegnen, sei extrem gering. Sollte man trotzdem auf eines dieser scheuen Tiere treffen, sollte man sich respektvoll zurückziehen, aber nicht davonlaufen. Der Wolf werde das Gleiche tun. Probleme gebe es nur mit Wölfen, die die Scheu vor dem Menschen verloren haben. Wie auf einem Truppenübungsplatz in Niedersachsen, wo wohl Menschen die Wölfe gefüttert haben. Ein Wolf sei dort durch sein atypisch zahmes Verhalten aufgefallen. "Ein Wildtier wie der Wolf braucht keine menschliche Fütterung." Der LBV wolle als Naturschutzverband jetzt Aufklärungsarbeit über den Wolf und seine wichtige Funktion im Ökosystem leisten.

"Früher oder später wird es passieren, und der Wolf wird sich im Fichtelgebirge ansiedeln", sagt auch der Wildbiologe und langjährige Jäger Ulrich Wotschikowsky. Anfang der 1980er-Jahre war er Forstoberrat in Wunsiedel, kennt sich in der Region also aus. Der Wolfsexperte weiß von derzeit drei Wölfen im Bayerischen Wald, in Grafenwöhr auf dem Truppenübungsplatz gebe es mindestens einen. Ins Fichtelgebirge wanderten Wölfe aus Sachsen und Brandenburg ein. "Es hängt jetzt nur davon ab, ob ein Rüde eine Wölfin findet." Wenn sich ein Paar zusammengetan habe und keines der Tiere überfahren oder erschossen werde, dann könne es im Jahr darauf Welpen aufziehen.

In den Medien höre man nur schlechte Nachrichten über die Umwelt, über das Verschwinden von Arten. "Jetzt kommt eine Tierart zurück, die wir vor 200 Jahren ausgerottet haben. Darüber kann man sich meines Erachtens nur freuen", sagt Wotschikowsky. Das habe nichts damit zu tun, dass der Mensch mit diesem Beutegreifer auch Konflikte habe, was mit unserer Art der Landnutzung zusammenhängt: "Wir haben Tiere auf der Weide."

Die Schäfer in Oberfranken sollten sofort anfangen, ihre Schafe auf der Weide effizient gegen Wölfe zu schützen, sagt Wotschikowsky. Er rät zu Elektro-Zäunen. Zusätzlich könnten Herdenschutzhunde eingesetzt werden. Jäger aber bräuchten sich wegen des Wolfes überhaupt keine Sorgen zu machen: "Wir haben viel zu viel Wild." Die zu hohen Schalenwildbestände kosteten enorme Summen und es müsse ein riesiger jagdlicher Aufwand betrieben werden, um die Zahl der Rehe, Hirsche und Wildschweine klein zu halten. "Wenn die Wölfe da mittun, dann kann man das nur gutheißen."

Für Ulrich Wotschikowsky hat der Wolf in Deutschland eine Zukunft, wenn sich politisch nicht dramatisch etwas ändert. "Wir haben auch noch viel Platz für weitere Wölfe." Kann der Wolf vielleicht sogar Werbeträger für das Fichtelgebirge werden? Der Wildbiologe sagt, dass bereits Ortschaften mit dem Raubtier werben. "Aber man sieht Wölfe nur sehr, sehr selten." In Rietschen im Landkreis Görlitz, einstmals eine verschlafene Gegend, ziehe der Wolf heute Touristen an. "Die Wölfe sind uns wie ein Geschenk vom Himmel gefallen", habe der Rietschener Bürgermeister gesagt. Dort gebe es inzwischen ein Wolfs-Kontaktbüro, eine Ausstellung und einen Informationspfad. "Viele Menschen wünschen sich im Urlaub etwas Ursprüngliches. Der Wolf ist dafür ein Sinnbild, er steht für das Wilde."

Noch immer enttäuscht ist Tino Unterburgers Sohn Luan. Der Sechsjährige ist ausgerechnet an dem Tag, als sein Vater bei Unterölschnitz den Wolf gesehen hat, mit seiner Mutter nach Hause gefahren. So hat er das Wildtier verpasst. Damit er nicht mehr so traurig ist, haben ihm Freunde ein Playmobil-Männchen und einen dazu passenden Wolf geschenkt. Der hat leuchtende Augen.

46 Rudel in Deutschland

Der Wolf ist in Deutschland streng geschützt. Mittlerweile liegen Nachweise von 46 Rudeln vor, wie das Bonner Bundesamt für Naturschutz (BfN) mitteilte. Die meisten Tiere leben in Sachsen und Brandenburg. Der Wolf war in Deutschland vor 150 Jahren ausgerottet.

Im Jahr 2000 wanderte dann erstmals wieder ein Wolfspaar aus Polen zu. Seitdem verzeichnen die Artenschützer eine positive Entwicklung der Population.

Nur 14 der 147 Wölfe, die seit 2000 in Deutschland tot aufgefunden wurden, starben nachweislich eines natürlichen Todes. Viele wurden überfahren oder illegal abgeschossen. "Der Mensch ist nach wie vor der größte Feind des Wolfes", sagt BfN-Präsidentin Beate Jessel. Bis zu fünf Jahre Gefängnis drohen dem, der einen freilebenden Wolf tötet.

 

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