Luisenburg-Konzert Silly wühlt vergessene Emotionen auf

Andrea Herdegen

Die in der DDR zur Legende gewordene Rockband zeigt in Wunsiedel, dass mit ihr weiter zu rechnen ist. Die Gastsängerinnen Julia Neigel und Anna R. sorgen für neuen Schwung.

Am Ende fliegen ihnen die Herzen zu. Nicht nur die vor Konzertbeginn von den Fans eilig aufgeblasenen roten Luftballon-Herzen schweben auf die Bühne. Auch die in mehr als zwei Konzertstunden aufgewühlten Emotionen werden jetzt ausgelebt: Das Publikum umarmt die Musiker von Silly mit einer Woge der Begeisterung. Rüdiger „Ritchie“ Barton, Uwe Hassbecker und Hans-Jürgen „Jäcki“ Reznicek stehen am Bühnenrand und nehmen die Huldigungen ihrer Anhänger gerührt entgegen.

Nach der Werbung weiterlesen

Texte voller Lebensgier

Es sind diese drei Silly-Urgesteine, die den Sound der ostdeutschen Rock-Legende seit rund vierzig Jahren prägen. Um sie zu hören, sind die knapp 500 Fans – viele aus Thüringen und Sachsen – zur Felsenbühne ins Fichtelgebirge gepilgert. Von allen vermisst wird beim Luisenburg-Konzert am Mittwoch die prägnante Stimme der ersten beiden Silly-Dekaden: Die charismatische Sängerin Tamara Danz ist bereits im Juli 1996 gestorben. Doch ihre Texte voller Lebensgier und Freiheitssehnsucht sind noch da. Millionen ehemaliger DDR-Bürger können sie aus dem Stand mitsingen.

Vier Zeilen lang kommt Danz’ Stimme, nur behutsam vom Klavier begleitet, in der Mitte des Konzerts vom Band: „Gib mir Asyl hier im Paradies, Hier kann mir keiner was tun. Gib mir Asyl hier im Paradies. Nur den Moment, um mich auszuruhn.“ Ein ergreifender Augenblick. Danach übernehmen wieder die beiden Gastsängerinnen Julia Neigel und Anna R. das Mikrofon, die die Silly-Klassiker, jede auf ihre Weise, neu interpretieren.

Die „irre Reise“ geht weiter

Seit 2019 haben die beiden Ausnahme-Vokalistinnen die Band „instandbesetzt“, wie Gitarrist Uwe Hassbecker anerkennend sagt. Frisch herausgeputzt steht das Haus Silly nun wieder fest und sicher, keine Rede von „Der Lack ist ab, die Luft ist raus“, wie es im Lied „Hamsterrad“ heißt. Nein, mit neuem Schwung geht sie weiter, die „irre Reise“, die 1978 in Ostberlin begann.

Julia Neigel heizt mit ihrer fantastischen Rockröhre die Stimmung immer wieder an, tanzt ausgelassen über die Bühne, animiert die Zuschauer zum Mitklatschen und Mitsingen. Vor allem sie ist zuständig für die fetzigen Songs wie „Die wilde Mathilde“ oder „Halloween in Ostberlin“. Auch Anna R. kann mächtig rocken, wie sie in „Puppe Otto“ beweist. Aber mehr liegen ihr und ihrer klaren Stimme die gefühlvollen Balladen mit den hintersinnigen Texten wie „Verlorne Kinder“ oder „Bataillon d’Amour“.

Wende-Soundtrack

Viele Jahre lang haben Silly in ihren Songs die DDR-Gegenwart behandelt, stets so, dass sie gerade noch an der realsozialistischen Zensur vorbeikamen. Als kalt und leer beschreiben sie das Leben im Arbeiter- und Bauernstaat, wo man sich die Trübsal vertreibt, indem man Großstadtvögel mit Butterkeksen aus Radeberg füttert und den Saft aus einer Dose Kompott schlürft, während die Neonröhre leis dazu röhrt. Erst auf dem 1989er-Album „Februar“ wagten sie sich weiter vor: „In die warmen Länder würden sie so gerne fliehn, die verlornen Kinder in den Straßen von Berlin.“ „Februar“ wurde nicht nur DDR-„LP des Jahres“, sondern begleitete für viele auch die Wende als Soundtrack.

Doch es ist nicht nur Ostalgie, die an diesem Luisenburg-Abend die Atmosphäre bestimmt. Auch nach der Wiedervereinigung sind Silly mit ihrer intelligent gemachten, melodischen Rockmusik stets erfolgreich gewesen, haben ihre Alben, eine Zeit lang mit der Schauspielerin Anna Loos am Mikrofon, immer in den Top-Ten der gesamtdeutschen Charts platzieren können. Der Weg dieser Band ist noch lange nicht zu Ende.

Und Uwe Hassbecker verspricht auch, dass Sillys zweiter Auftritt in Wunsiedel – ja, er erinnert sich noch an das Konzert im April 1987 beim legendären Ost-West-Rocktreff in der Fichtelgebirgshalle – nicht der letzte gewesen sein wird: „Wir kommen wieder!“, ruft er und winkt lächelnd ins Publikum.