Luisenburg-Xtra Edel-Chansons am Sommerabend

Jürgen Henkel
Das Ehepaar Sonnja Helfrecht-Riedel und Philipp Riedel holten Shakespeares über 400 Jahre alte Dichtungen im Hof des Fichtelgebirgsmuseums gekonnt ins 21. Jahrhundert. Foto: Jürgen Henkel

Beim Luisenburg-Xtra mit Philipp Riedel und Sonnja Helfrecht-Riedel verschmelzen in Wunsiedel Edelfeder und feiner Klang.

Berühmt sind sie ja, die Sonette des bekanntesten britischen Dichters und Dramatikers William Shakespeare. Er lebte von 1564 bis 1616, und seine Komödien und Tragödien zählen zu den bedeutendsten und am häufigsten aufgeführten und verfilmten Bühnenstücken der Weltliteratur. Das Gesamtwerk des Schriftstellers umfasst 38 Dramen, epische Versdichtungen sowie eben jene 154 Sonette, die er mit lateinischen Buchstaben als Ziffern zählte.

Shakespeare in Weinert-Version

Sie wirken in ihrer strengen Form und ihrem manchmal schwülstig-pathetischen Stil und abgeklärten Inhalt im 21. Jahrhundert etwas aus der Zeit gefallen. Am Sonntag zeigten der zum Luisenburg-Ensemble zählende Philipp Riedel und seine Gattin Sonnja Helfrecht-Riedel bei einem Abend der Reihe „LuisenburgXtra“ im Hof des Fichtelgebirgsmuseums indes auf, wie stilvoll anregend und inhaltlich aufregend zugleich diese Sonette auch auf den heutigen Zeitgenossen wirken können, wenn sie auf unkonventionelle Weise interpretiert werden: als eigene Vertonungen Riedels und in den rezitierten deutschsprachigen Nachdichtungen von Jan Weinert. Unter dem Motto „Mit einem Sommertag vergleichen“ präsentierten beide Künstler viele Shakespeare-Sonette als Chansons an einem Sommerabend.

Viele haben sich an Übersetzungen Shakespeares ins Deutsche herangewagt, auch Größen wie Stefan Zweig und Wolf Biermann. Doch die 2009 veröffentlichten Nachdichtungen der Sonette von Jan Weinert sind nach Ansicht Riedels bis heute unerreicht, geben sie doch nicht nur den Inhalt, sondern auch Sprachduktus und Versmaß, Klang und Rhythmus der Originaldichtungen passgenau und kongenial wieder. Zwanzig Jahre ist es nun her, dass Riedel einige dieser Sonette im englischen Original selbst für Klavier vertont hat. Es sind Chansons entstanden, ja feine und klangfreudige Salonmusik, die diese Sonette buchstäblich auch instrumental abbilden und darstellen.

In Jetztzeit übertragen

Riedels Musik ergründet die Schönheit dieser Poesie und erweckt sie zu neuem Leben für das literarische und sogar musikalische Publikum der Gegenwart. Und plötzlich werden aus diesen sonst für modernes Empfinden erst steif oder abgehoben wirkenden Dichtungen selbst für die Gegenwart aussagekräftige Manifestationen, Elogen und Variationen über das Dasein an sich – ja Hymnen und Hommagen an die Liebe und das Leben, selbst im Leiden des hier bisweilen auch artikulierten Verlustes oder Verzichts und so manchen Abschieds.

Liebeskummer, amouröser Wahn und Weltschmerz, Nostalgie und Melancholie ob des schlimmen Laufes des Weltgeschehens und manch persönlichen Ergehens, ja das oft zwischen Alltag, Vergänglichkeit und einem Leben für die Liebe und die Musen eingepferchte und zerriebene Dasein selbst bahnen sich in den Versen Shakespeares ihren Ausdruck in der festen Versform der Sonette. Manchmal streng und pointiert, manchmal zartfühlend und meditativ, häufig fein und edel, fast immer aber elegisch und stets intensiv kommen die Sonette an diesem wunderbaren Abend in Wort und Ton daher. Gleichzeitig überraschen sie inhaltlich immer wieder neu durch die höchst aktuellen Gefühlslagen und -wirren, die hier plastisch in Dichtung gegossen und in Klang modelliert aufscheinen.

Delikate Sonette

Riedel referiert Wissenswertes zu Wortwitz und manchen Anspielungen im Original, zu Dichtform und Lebenswelt Shake-speares. Seine Gattin Sonnja Helfrecht-Riedel rezitiert die deutschen Übertragungen als ausgebildete Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin genauso eindringlich und intensiv, präzise und ausdrucksstark, wie Riedel selbst seine Vertonungen vorträgt.

Mit leisen Tönen und delikaten Sonetten zur sehnenden wie gunstheischenden Liebe klingt der stilvolle Abend erhaben aus. Das dankbare Publikum durfte dank des Künstlerpaares auf der Bühne eine würdevolle wie aufgeweckte literarische und tonale Aktualisierung der Shakespeare-Sonette erleben.

 

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