Malstunde für ukrainische Kinder Kreativität gegen Kriegserlebnisse

In Schönwald gibt es eine Malstunde für die jüngsten Ukrainer. Ganz nebenbei lernen sie auch noch Deutsch.

„Das heutige Thema ist ‚auf dem Bauernhof’ “, erklärt Martina Schlittenbauer. Sie betreibt gemeinsam mit ihrem Mann Christian Schlittenbauer das Cobüro in Schönwald. Doch Gespräche über Tiere, Pflanzen und Fahrzeuge auf dem Bauernhof sind eher ungewöhnlich am Arbeitsplatz. Denn das sogenannte Cobüro wird normalerweise von verschiedenen Menschen zum Arbeiten genutzt. „Nicht immer“, klärt Martina Schlittenbauer auf.

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Am Wochenende fand dort bereits zum zweiten Mal ein Malkurs für Kinder statt. Für Kinder, die mit ihren Familien aus der Ukraine flüchten mussten.

Die Idee für den Mal- und gleichzeitigen Sprachkurs hatten die Schlittenbauers gemeinsam mit dem Schönwalder Künstler Frank Graf.

Kinder lernen mit Bildern Deutsch

Er zeichnet den Kindern auf einem digitalen Flipchart, einer Art Tafel, verschiedene Objekte vor und nennt den deutschen Begriff. Er sagt „Schwein“ und deutet auf das eben gezeichnete Bild. Die geflüchtete Ukrainerin Olga Drok registriert, was er meint, und übersetzt den Kindern „Schwein“ auf Ukrainisch. Immer wieder sagt Graf auch das englische Wort, um Drok das Übersetzen zu erleichtern. Die Kinder schauen und hören aufmerksam zu. Sie malen das Bild nach. Manche schreiben sich auch die Wörter auf.

Martina Schlittenbauer erklärt: „Mit der Malstunde wollen wir die Kinder auf andere Gedanken bringen. Es soll aber auch einen Lerneffekt für sie haben.“ Die Mütter nutzen zum Teil die Chance, um Deutsch zu lernen. Während ihre Kinder am großen Tisch sitzen und malen, machen sich die ukrainischen Frauen im Hintergrund Notizen, lernen selber mit und wiederholen die Wörter mit den Kindern zu Hause.

Vom Alter her sind die Kinder bunt gemischt: „Das jüngste Kind ist drei Jahre alt und das älteste ist neun. Wir haben hier also sowohl Kindergarten- als auch Grundschulkinder“, sagt Martina Schlittenbauer. Die meisten kämen aus Charkiw, viele seien auch aus Kiew. Da im weiter östlichen Charkiw eher Russisch gesprochen wird, übersetzt Olga Drog auch auf Russisch.

Ukrainer verarbeiten Kriegserlebnisse

Insgesamt nehmen aktuell zwölf Kinder am Malkurs teil. Beide Male, an denen der Kurs stattgefunden hat, waren es dieselben Kinder. Die Initiatorin denkt jedoch, dass es auch noch mehr werden können. „Es kommen so viele Kinder in Deutschland an, auch in Schönwald. Wir überlegen schon, ob wir die Malstunde häufiger veranstalten.“

Die Aktion ist laut Schlittenbauer eine schöne Sache. Denn obwohl sich viele Kinder aus dem Kiga oder aus der Schule kennen, könnten sie dadurch noch leichter Freundschaften schließen. Zudem biete der Malkurs für sie die Möglichkeit, ihre Erlebnisse besser zu verarbeiten und sie sogar für eine Weile zu vergessen. Wobei es dauere, bis die Kinder ihre Erinnerungen an den Krieg verdrängten. „Am Ende der vergangenen Malstunde durften die Kinder mit ihren Fingern am Flipchart herumkritzeln. Mich haben die Bilder, die sie da gezeichnet haben, ehrlich gesagt, schockiert. Die Kinder haben Panzer und Luftwaffen gemalt.“ Dadurch habe Martina Schlittenbauer gemerkt, wie schwierig es für die jüngsten Ukrainer ist, mit dem Thema abzuschließen. „Die Kinder kriegen mit, wie sehr der Krieg ihre Mütter beschäftigt und belastet. Schließlich mussten die meisten ihre Männer in der Ukraine zurücklassen.“

Durch Malstunde entstehen Freundschaften

Das gemeinsame Schicksal und ihre Herkunft verbinden die Ukrainer jedoch sehr. Das Cobüro biete nämlich auch die Möglichkeit, sich auszutauschen. Dadurch fühlen sich die Kinder und ihre Mütter nicht allein. Es entstehen laut Martina Schlittenbauer sogar außerhalb der Malstunde Freundschaften zwischen den ukrainischen Frauen. „Die Mütter treffen sich in Schönwald und gehen Kaffee trinken oder besuchen mit ihren Kindern den Spielplatz“, erzählt sie.

Sie freut sich, dass sie den geflüchteten Familien in ihrer Freizeit helfen kann. Und das geht sogar mit relativ wenig Aufwand: „Wir haben die Materialien wie Papier und Buntstifte gekauft. Außerdem haben wir Malvorlagen vorbereitet und als Überraschung ein paar Süßigkeiten besorgt“, sagt Martina Schlittenbauer. Einen zeitlich größeren Aufwand erforderten die Betreuung und die Anmeldung. Doch sie mache das gerne. Aktuell überlegen die Schlittenbauers und Frank Graf sogar, die in der Malstunde entstandenen Bilder auszustellen. „Es entstehen so viele tolle Bilder“, sagt Schlittenbauer.

Die Malstunde scheint den Kindern sehr gut zu tun. Obwohl einige noch sehr schüchtern sind, gibt es viele, die aufmerksam mitmachen und sich hin und wieder mit ihren Sitznachbarn unterhalten. Beispielsweise zeigen sie auf andere Kunstwerke und erklären sich die Bilder noch einmal gegenseitig. „Nach all ihren Strapazen tut es gut, ein Lächeln in den Gesichtern zu sehen“, sagt Martina Schlittenbauer.

Kurse im Cobüro
Es gibt im Cobüro nicht nur Deutschunterricht für ukrainische Kinder. Auch ältere Ukrainer und Ukrainerinnen haben verschiedene Möglichkeiten, um dort Deutsch zu lernen. Sie können sich zu folgenden Kursen vorab unter der Telefonnummer +49 (0) 162 2455111 anmelden:
Für Kinder: Malen und Lernen mit Frank Graf; Samstag von 10 bis 11.30 Uhr
Für Jugendliche und Erwachsene: Deutschkurs mit Inessa; Donnerstag von 18 bis 19.30 Uhr und Sonntag von 10 bis 11.30 Uhr
Alphabetisierung mit Inessa; Sonntag von 9.30 bis 10 Uhr