Gleich eine ganze Stadt - nebst der Meerenge, an der sie liegt, und einem Air-Force-Stützpunkt - trägt gar in Alaska den Namen des baltischen Adelsgeschlechts. Hingegen hat dessen exponiertester Sohn, August von Kotzebue, auf seinem ureigenen Feld, der Literatur, kaum Spuren hinterlassen, die heute noch kenntlich wären. In der deutschen Kulturgeschichte indes schon, nicht durch sein Leben und Werk, sondern durch seinen Tod: durch den politisch motivierten Mord an ihm; der jährt sich am heutigen Samstag zum 200. Mal. Denn am 23. März 1819 ließ sich Karl Ludwig Sand in der Mannheimer Wohnung des damals gefeierten Schriftstellers, russischen Staatsrats und "persönlichen Berichterstatters" des Zaren melden und stieß dem Überrumpelten einen Dolch in den Leib. "Hier, du Verräter des Vaterlands", rief dabei der studentische Burschenschaftler aus, der in Wunsiedel zur Welt gekommen und in Hof zur Schule gegangen war. Am 20. Mai des Folgejahres trennte der Scharfrichter dem 24-Jährigen dafür öffentlich den Kopf vom Rumpf. Sands Opfer, als unterhaltungsdramatischer Vielschreiber ruhmreich, hatte als politischer Publizist eine fatale Rolle gespielt: Der Reaktion, einer starken Monarchie lieh Kotzebue seine Feder und goss über den allerorten aufkeimenden Geist des Liberalismus ätzenden Hohn aus. Sein Tod war letzter Anlass für die "Karlsbader Beschlüsse" mit ihrer breit gefächerten Unterdrückung bürgerlicher Freiheiten im Deutschen Bund. Wie soll das öffentliche Gedächtnis heute verfahren mit einem armen Mörder, der nicht einfach ein Killer war? In Wunsiedel heißt heute eine Straße nach Karl Sand, so wie eine andere nach einem Kollegen Kotzebues, Jean Paul, der freilich der größere "Sohn der Stadt" war.
Meinungen Unterschiedlich groß
Michael Thumser 22.03.2019 - 21:50 Uhr