Münchberg als Versorgungsstelle Zu viel weiße Pracht

Heißer Tee Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb/Marcus_Führer

Schnee an Weihnachten wäre ein Traum. Vor zwanzig Jahren jedoch werden die Flocken zum Albtraum. Sie bringen den Verkehr auf der A 9 zum Erliegen – Münchberg wird zur wichtigen Anlaufstelle.

Münchberg - Es schneit und schneit und schneit. Was sich die meisten für Weihnachten wünschen, war vor 20 Jahren zu viel des Guten. 40 Zentimeter Neuschnee versprechen zwar Rodelspaß für die Kinder, doch auf der A 9 sorgen die nicht endenwollenden Schneefälle vom 21. auf den 22. Dezember 2001 für Chaos und eine schlaflose Nacht. Der Rekordstau von Nürnberg bis zur Landesgrenze bei Rudolphstein misst stolze 150 Kilometer.

Lange ist das her, doch Gerhard Hager aus dem Münchberger Ortsteil Straas weiß noch sämtliche Details. Er engagiert sich seit über einem halben Jahrhundert ehrenamtlich beim Roten Kreuz. So war er schon bei der Massenkarambolage 1990 in der Münchberger Senke als Helfer vor Ort. Aber auch jene Dezembernacht bleibt ihm im Gedächtnis. „Wintereinsätze gab es viele, aber so einen bislang nur einmal“, erzählt er. Seine Aufgabe damals: Er verteilte Decken und Tee an frierende Autofahrer.

Verkehr kommt zum Erliegen

Und die brauchen in jener winterlichen Nacht wahrlich starke Nerven. Dabei scheint mittags noch die Sonne, doch dann fallen die Flocken ohne Unterlass. Sie bringen den dichten Freitagsverkehr auf der Autobahn komplett zum Erliegen. Bei Minusgraden sind die Menschen in ihren Autos gefangen. Reporter unsere Zeitung interviewen damals die Wartenden, wie etwa einen Fahrer aus der Nähe von Zwickau, der nach elf Stunden die Autobahn bei Münchberg verlassen kann. Er echauffiert sich über Berliner, die mit teurer Skiausrüstung, aber mit Sommerreifen zu den Blockierern im Schneetreiben gehören. Ein Polizist aus Helm­brechts, der in Nürnberg startet, braucht in dieser Nacht zwölf Stunden bis nach Hause. Er berichtet unserer Zeitung, dass sechs Autoreihen nebeneinander am Sophienberg ein Durchkommen des Räumfahrzeugs unmöglich machten. Ein Mann, der von Riesa nach Emmendingen will, nimmt nach 16 Stunden Fahrt dankbar eine Tasse Tee von einem Münchberger Helfer entgegen. Zu diesem Zeitpunkt hat er noch nicht einmal die Hälfte seiner Strecke geschafft. Helfer berichten in dieser Nacht von chaotischen Zuständen, viele Autos haben keinen Kraftstoff und damit keine Heizung mehr, wer noch fahren kann, versucht sich weiter vorzudrängeln. „Jeder wollte nach Hause und ist gefahren wie ein Henker“, sagt ein Zeitzeuge.

Als sich abzeichnet, dass so schnell nichts mehr vorwärts geht, rücken neben Feuerwehr und technischem Hilfswerk gegen 21 Uhr auch die Sanitätsbereitschaften Münchberg und Helmbrechts aus. Mit dabei Gerhard Hager. Über die Rettungsgasse erreichen er und seine Kollegen die Wartenden. „Sie waren äußert dankbar für etwas Heißes zu trinken.“

250 Liter Tee

Insgesamt reichen die Helfer in dieser Nacht 250 Liter Tee und Kaffee sowie 150 Liter Brühe. Im Schützenhaus entsteht eine Betreuungsstelle mit 200 Feldbetten. 30 Menschen nutzen das Angebot und wärmen sich hier auf – meist Familien mit kleinen Kindern oder ältere Leute.

Zum Teil kommen die Reisenden aber auch bei Münchbergern unter, die ihnen spontan ein Bett anbieten. So wie eine junge Mutter mit Kind, die von der Ostsee nach Würzburg unterwegs ist und Sommerreifen am Fahrzeug hat. Eine Münchberger Familie hilft ihr am anderen Tag beim Reifenwechsel.

Für Gerhard Hager ist es eine lange Nacht. Am Ende bleibt das BRK-Fahrzeug selbst auf der Höhe von Streitau stecken, nicht wegen der Glätte, dafür hat man Schneeketten aufgezogen, sondern weil Lastwagen quer stehen. „Als es weiter ging, haben wir sogar die schlafenden Fahrer hinterm Lenkrad aufgeweckt“, erinnert er sich. Und noch etwas weiß er noch aus dieser Nacht: Einen Rettungswagen hat er zu einem Auto gelotst, in dem eine schwangere Frau festsaß. Über die Leitplanke halfen ihr die Sanitäter ins Fahrzeug und nahmen sie mit.

In der Nacht ruft das für Gefrees zuständige Landratsamt Bayreuth den Katastrophenfall aus, gegen 2 Uhr nachts ist die Stadthalle dort mit mehr als hundert Menschen völlig überfüllt. Aber auch auf der A 72 geht wegen stark verschneiter Fahrbahnen nichts mehr. „Ein Albtraum ganz in Weiß“, titelt Jahre später der „Spiegel“ über das Schneetreiben kurz vor Heiligabend, das Zehntausende Menschen festhält. Tiefdruckgebiet „Laurin“ beschert Deutschland damals Schneemassen und Eiseskälte. Was folgt, ist eine hitzige Debatte kurz vor Weihnachten über die Schuldigen der Chaos-Nacht.

Für Gerhard Hager bleibt sie unvergessen, besonders auch dieser Moment: „Ich war froh, als ich dann früh wieder daheim war.“

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