Münchberg "Die Herta" bringt alle ins Rollen

62 Jahre Trainerin - wenn das kein Jubiläum ist. Unzähligen Münchbergern hat Herta Nicklaus das Fahren auf acht Rädern beigebracht. Ans Aufhören denkt sie noch nicht.

Münchberg - Immer wieder neue Namen. Herta Nicklaus liest schnell in ihrer Liste nach, bevor sie das kleine Mädchen anspricht, das wackelig auf sie zusteuert. "Lass dich mal halten!" Bei so manchem Gesicht muss die Trainerin noch überlegen, wie das Kind heißt, denn die Rollsportabteilung des Münchberger Turnvereins 1862 verzeichnet einige Neuzugänge. "Im Moment boomt es", erklärt Herta Nicklaus und zählt durch: 14 von 20 Mitgliedern der Abteilung drehen an diesem Mittwochabend ihre Runden durch die Halle - vom Kleinkind bis zum Teenager.

Ein Leben für den Sport

Herta Nicklaus hat schon etliche Auszeichnungen bekommen.

Seit 1992 ist sie Ehrenmitglied

im Turnverein Münchberg und

seit 2007 Ehrenvorsitzende der Jugendleitung im Bayerischen Rollsportverband.

Ihre Trainerin mit den kurzen, grauen Haaren nennen alle nur "die Herta". Sie gilt als Urgestein des Vereins, leitet die Abteilung seit sage und schreibe 61 Jahren. Immer die gelbe Trillerpfeife griffbereit - "weil ich sonst heißer werde" - hört die ganze Halle auf die Kommandos der älteren Dame. Obwohl ihr so mancher Schützling schon größenmäßig über den Kopf gewachsen ist, macht hier jeder, was Hertas tiefe Stimme ansagt: "Arme strecken!", "Haltung!", "Übersetzen!"

Zu Spitzenzeiten zählte die Abteilung sogar 40 Rollschuhfahrerinnen. Das seien fast zu viele gewesen, erinnert sich Herta Nicklaus, Leistungstraining sei dann kaum möglich. Denn die guten Sportlerinnen, die zu Wettkämpfen fahren, brauchen Platz für ihre Figuren. So wie die 14-Jährige Semanur Dogan, die im pinkfarbenen Dress immer wieder zum Sprung ansetzt, wenn kein junger Fahranfänger den Weg versperrt.

Sie gilt als Hoffnungsträgerin im Team. "Ein großes Talent", lobt die Trainerin. An diesem Wochenende wird sie wieder zu einem Lehrgang fahren. Deshalb überprüft Herta Nicklaus gerade die Schuhe des Mädchens und bemerkt kleine Roststellen. "Das kommt davon, wenn die Kinder daheim ihre Koffer mit den verschwitzten Schuhen nicht gleich öffnen", erklärt sie und bespricht sich mit ihrem Ehemann, der die Schuhe nach dem Training zur Reparatur mit nach Hause nehmen will. Überhaupt ist die Familie von Herta Nicklaus fest in ihr Ehrenamt mit eingebunden: Auch die beiden Enkeltöchter drehen hier ihre Runden, die vierjährige Alica ist die Jüngste im Team und übt gerade, einen Fuß über den anderen zu setzen.

Erst wenn die Kinder problemlos vorwärts, rückwärts und auf einem Bein fahren können, dürfen sie Sprünge wagen. "Ob das nach ein paar Monaten oder nach einem Jahr klappt, hängt vom Talent ab", erklärt Nicklaus. Und wer diese Gabe für den Rollsport hat, merkt sie schnell - mit über 60 Jahren Erfahrung. Eine Zahl, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss.

Für ihr Engagement erhielt Herta Nicklaus kürzlich die bayerische Sportmedaille, und zwar aus den Händen des Innenministers Joachim Herrmann. Dafür lud man sie zur Feierstunde nach Schwabach ein.

Schon als Mädchen war die Münchbergerin im Verein aktiv, wechselte aber 1956 vom Turnen zum Rollsport, als die Abteilung neu entstand. Doch nach dem Wegzug der Trainerin fehlte ein Nachfolger und so wagte sich Herta Nicklaus mit gerade mal 15 Jahren an die Aufgabe heran. "Mir ist nichts anders übrig geblieben", sagt sie.

Wie vielen Kindern sie im Laufe der Jahrzehnte das Fahren beigebracht hat, kann sie schwer schätzen. "Ich würde gerne mal alle auf einem Foto sehen." Immer wieder wird sie beim Einkaufen von Erwachsenen angesprochen, die einst ihre Schülerinnen waren. "Wenn sie mir den Mädchennamen verraten, fällt es mir wieder ein." Wer Rollschuh fährt, ist meist weiblich, Jungs halte es nicht lange in diesem Sport, weiß die Trainerin.

Viele ihrer Schülerinnen sind bereits erfolgreich bei Meisterschaften gefahren. Aber nicht alle bleiben dem Hobby treu. Eine Sportlerin, die beim Bayernpokal den ersten Platz belegt hat, will nun aufhören. Herta Nicklaus bedauert das sehr: "Da hat man die Kinder so weit, und dann wollen sie nicht mehr, schade."

Semanur Dogan hingegen möchte dranbleiben. Die 14-Jährige fährt Rollschuh seit sie Schulkind ist und tritt regelmäßig bei bayerischen Meisterschaften an. Im Freundeskreis vergleichen viele ihr Hobby mit Eiskunstlauf. "Aber das hier ist schwerer", erklärt sie, "weil man nicht gleitet, sondern gegen die Reibung kämpft. Mir macht's trotzdem mehr Spaß." Ihr Ziel heißt: deutsche Meisterschaft. Und das sei auch realistisch, schätzt Denise Möckl, die heute auch beim Training mitfährt. "Wer Talent hat, den fördert die Herta, das schätzen wir an ihr", sagt die 18-Jährige. Auch sie hat als Erstklässlerin mit dem Sport begonnen, aber wegen ihres Berufs nun keine Zeit mehr fürs Training. Trotzdem kommt sie ab und an vorbei, um hier Neulingen Hilfestellung zu geben.

Als Herta Nicklaus zur Pause pfeift, hat Semanur freie Bahn und kann nach Herzenslust Pirouetten drehen. Nicht immer gelingt das ohne Sturz. "Blaue Flecken gehören dazu", bemerkt sie. Erst kürzlich hat sie sich den Daumen gebrochen, auch das bremst sie nicht in ihrem Ehrgeiz. "Der Sport ist nicht gefährlicher als jeder andere", meint Herta Nicklaus. Vor zirka zehn Jahren ist sie beim Training von einem Kind umgefahren worden. "Das passiert einfach." Ihre Rollschuhe hat sie seitdem nie wieder getragen. "Da wusste ich, dass ich das nicht mehr machen kann."

Aber auch mit normalem Schuhwerk kann Herta Nicklaus ihr Wissen weitergeben. Wie lange noch, das lässt sie offen, eine Nachfolgerin sei nicht in Sicht, bedauert sie. "Wenn ich aufhöre, fällt die ganze Abteilung weg und das würde mir richtig leidtun."

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