Dieses Gefühl entstehe vor allem dann, wenn sie in der Schule ausgegrenzt würden oder wenn sie auf der Arbeit oder im Übergang in den Arbeitsmarkt eine Stigmatisierung erlebten. "Aus dieser Grundhaltung schaffen sich junge Migranten mit Vorbildern wie Haftbefehl einen Rahmen, mit dem sie stolz auf das sein können, was sie sind."
Inzwischen ist Haftbefehl längst ein Superstar, dessen Strahlkraft weit über die migrantische Community hinausreicht. Mit dem 2013 veröffentlichten Song "Chabos wissen, wer der Babo ist" löste er einen Hype auf deutschen Schulhöfen aus, der bis dahin seinesgleichen suchte.
Plötzlich benutzten Gymnasiasten aus gutbürgerlichen Familien Vokabeln, die man sonst nur in den Hochhausvierteln der Frankfurter Nordweststadt oder im Offenbacher Mainpark hörte. Das Wort "Babo" wurde zum Jugendwort des Jahres – und eine ganze Generation von abgehängten Migrantenkindern bekam mit Haftbefehl eine authentische Stimme.
Frühere Texte auch mal antisemitisch
Weit über ein Jahrzehnt später wollen Offenbacher Schüler das Leben und die Musik des Rappers nun in hessischen Lehrplänen sehen. "Haftbefehl ist kein Randphänomen – er ist Teil der kulturellen DNA unserer Stadt und unserer Generation", sagte Luca Albert Dobrita, Stadtschulsprecher von Offenbach bei Frankfurt/Main. Seine Sprache, sein Werdegang und seine Themen erzählten von der Realität, die viele junge Menschen täglich in der Stadt leben.
Das CDU-geführte Bildungsministerium in Hessen lehnte das ab und argumentierte mit den Texten Haftbefehls und seinem kontroversen Auftreten in der Öffentlichkeit.
Tatsächlich sind Haftbefehls Texte nicht selten gewaltverherrlichend, sexistisch und ja, auch mal antisemitisch. Etwa wenn er davon rappt, wie er "Kokain an die Juden von der Börse" verticke, wie in einem Song aus dem Jahr 2010.
Wie der Rapper heute zu diesen Texten steht, ist nicht bekannt. Auf eine dpa-Anfrage hieß es, dass Haftbefehl nicht für Interviews zur Verfügung stehe. Zum Antisemitismus-Vorwurf sagte er vor einigen Jahren: "Ich beurteile keinen Menschen aufgrund seiner Religion, Ethnie oder Hautfarbe. Bei uns existiert so was nicht und jeder, der sich die Mühe macht, sich mit mir und meinem Umfeld zu beschäftigen, wird dies erkennen und verstehen."
Trotz der abschreckenden Darstellung von Drogenmissbrauch in der Netflix-Doku findet Martin Seeliger gerade in der gezeigten Aufstiegsgeschichte Haftbefehls einen Aspekt, der auf junge Migranten aus schwierigen Verhältnissen motivierend wirken könne. "Wenn man als junger Mensch nicht sicher ist, was man sich zutrauen kann, kann so eine Geschichte natürlich ermutigend und ermächtigend sein."