Nachkriegsjahre Von Marktredwitz aus in die jüdische Welt

Jim G. Tobias
Pessach-Teller aus Marktredwitz. „Hergestellt vom Rest der Geretteten in der Diaspora in Deutschland“ lautet die hebräische Inschrift auf der Rückseite. Foto: Jüdisches Museum München

In den Nachkriegsjahren fertigten jüdische Arbeiter in der Stadt Essgeschirr. 1948 produzierten Shoa-Überlebende sogar Porzellanplatten für das Pessach-Fest.

Marktredwitz galt lange Zeit als eines der Zentren der deutschen Porzellan-Industrie. Weltbekannte Traditionsbetriebe wie Thomas oder Rosenthal stellten seit Ende des 19. Jahrhunderts edles Tafelservice, aber auch technische Keramik her. Dass zwischen 1947 und 1948 in der Stadt auch Tassen und Teller von jüdischen Handwerkern für eine jüdische Kundschaft gebrannt wurden, ist indessen kaum bekannt.

Geschirr für Displaced Persons

„Die Keramikfabrik in Marktredwitz setzt die Produktion von Geschirr fort“, berichtete ein Mitarbeiter der amerikanisch-jüdischen Hilfsorganisation AJDC im Herbst 1947. Jüdische Arbeiter fertigten in einer eigenen Ausbildungs- und Produktionsstätte Essgeschirr für die jahrelang in den NS-Lagern gequälten Menschen, die sich nach Kriegsende im besetzten Deutschland in den Displaced Persons (DP) Lagern und Gemeinden aufhielten. US-Präsident Truman hatte im Sommer 1945 den Aufbau solcher Zentren für den „Rest der Geretteten“, wie sich die entwurzelten und verschleppten Juden nannten, per Verfügung angeordnet.

Im nördlichen Oberfranken sind mit den städtischen DP-Gemeinden in Marktredwitz, Münchberg, Schwarzenbach an der Saale, den Kibbuzim in Gefrees und Wulmersreuth, dem Kinderhaus auf Burg Schauenstein sowie den Lagern in Hof und Rehau einige solcher jüdischen Einrichtungen mit teilweise Hunderten von Bewohnern nachweisbar. Für einige Jahre kam es in diesen „Wartesälen“ zu einer Wiedergeburt des nahezu zerstörten osteuropäischen Schtetl-Lebens mit sozialen und politischen Organisationen, Schulen, Lehrwerkstätten, Sportvereinen und Synagogen. Die Shoa-Überlebenden gründeten sogar eine jiddischsprachige Zeitung, die auf den Druckmaschinen des „Fränkischen Tags“ in Bamberg gedruckt wurde.

Zeremonielle Platte

Doch in Marktredwitz geschah „etwas Ungewöhnliches“: In den Keramik-Brennöfen der Stadt wurde nicht nur simples Essgeschirr hergestellt, sondern ab 1948 auch „eine zeremonielle Porzellanplatte“ für das jüdische Pessach-Fest, wie einem zeitgenössischen AJDC-Report zu entnehmen ist. Auf diesen traditionellen Tellern werden symbolische Speisen serviert, die an den biblischen Auszug der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei erinnern. Im Mittelpunkt des Pessach-Fests steht auch der jahrtausendalte Wunsch aller Juden in der Diaspora: „Nächstes Jahr in Jerusalem“. Damit wurde die Hoffnung auf ein Ende des jüdischen Exils und eine baldige Zusammenkunft am Sehnsuchtsort im Land Israel ausgedrückt. Doch zu dieser Zeit existierte noch kein jüdischer Staat, das Mandatsgebiet Palästina wurde von der britischen Regierung verwaltet, die durch ihre strikte Politik kaum eine Zuwanderung erlaubte.

Die Menschen waren daher gezwungen, in Deutschland auszuharren. Doch nicht nur für die strenggläubigen Juden war es ein elementares Bedürfnis, auch hier ihre traditionellen Feiertage zu begehen, die vor der Entrechtung durch die nationalsozialistische Barbarei ihr Leben prägten. Einer der wichtigsten Tage war dabei das Freiheitsfest Pessach, das man geschickt mit Religion, jüdischer Kultur und einer nationalen Idee verknüpfte. Ein spezieller Teller war dafür unabdingbar. Für das Pessach-Fest 1948 produzierte die Werkstatt in Marktredwitz Tausende solcher rituellen Platten, versehen mit der programmatischen hebräischen Inschrift „Von der Sklaverei zur Freiheit – Dieses Jahr in Jerusalem“!

Ein Wunsch, der am 14. Mai 1948 mit der Proklamation des Staates Israel durch den ersten Ministerpräsidenten David Ben Gurion in Erfüllung ging. Außerdem liberalisierten die USA, Kanada und Australien zum Ende der Dekade ihre Einwanderungsvorschriften, sodass die meisten Juden das „Land der Täter“ verlassen konnten – im Gepäck befand sich oft ein in Marktredwitz gebrannter Pessach-Teller.

Zeitzeugen gesucht

Leider geben die Archivunterlagen keine Auskunft darüber, in welcher Werkstatt oder Fabrik die Porzellanplatten hergestellt wurden. Da es nicht auszuschließen ist, dass die jüdischen Handwerker von deutschen Fachleuten angelernt wurden, werden noch Zeitzeugen gesucht, die eventuelle Angaben hinsichtlich des Produktionsortes machen können.

Wenden Sie sich bitte an das Nürnberger Institut (info@nurinst.org). Der Autor ist Leiter des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts (www.nurinst.org). Im Mittelpunk seiner wissenschaftlichen Forschungen steht die Geschichte der jüdischen Displaced Persons.

Weitere Informationen zu allen jüdischen Lagern, Gemeinden und Kibbuzim in der Nachkriegszeit gibt es im Internetlexikon www.after-the-shoah.org.

 

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