Nächster Astrazeneca-Rückschlag Debatte über Folgen für Impfkampagne nimmt Fahrt auf

Der Impfstoff von Astrazeneca steht erneut im Fokus. Foto: dpa/Georg Wendt

Die Planungen für die Corona-Impfungen müssen erneut nachgesteuert werden. Denn das Mittel von Astrazeneca kann nicht mehr so breit zum Einsatz kommen. Lässt sich der Rückschlag trotzdem rasch ausbügeln?

Berlin - Nach der neuen Altersbeschränkung für das Präparat von Astrazeneca auf über 60-Jährige rücken die Konsequenzen für die gesamten Corona-Impfungen in Deutschland in den Blick. Der Deutsche Lehrerverband sprach von einem „katastrophalen Rückschlag für die gerade Fahrt aufnehmende Impfung von Lehrkräften“ und forderte eine Umstellung auf andere Impfstoffe. In den Bundesländern sind teils Änderungen bei Terminplanungen nötig. Gesundheitspolitiker der Koalition äußerten sich zuversichtlich für die weitere Impfkampagne. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) kündigte für kommende Woche erneute Beratungen über die Sicherheit des Astrazeneca-Mittels an.

Lehrerverbands-Präsident Heinz-Peter Meidinger verlangte eine rasche Möglichkeit für unter 60-jährige Lehrkräfte, sich mit Biontech/Pfizer und demnächst mit Johnson & Johnson impfen lassen zu können. „Wenn dieser Austausch nicht sofort stattfindet, wird es mit der Durchimpfung von Lehrkräften im April nichts mehr werden“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Dies gefährdete sonst zusätzlich zu steigenden Infektionszahlen die Chancen, Schulen offen zu halten. Momentan sind in den meisten Bundesländern Osterferien. Viele Schulen sollen in der Woche nach Ostern oder eine Woche später wieder öffnen.

Fälle von Blutgerinnsel

Bund und Länder hatten am Dienstagabend nach einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) beschlossen, Astrazeneca in der Regel nur noch für Menschen ab 60 Jahre einzusetzen. Jüngere sollen sich „nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoanalyse nach sorgfältiger Aufklärung“ weiterhin damit impfen lassen können. Hintergrund sind Fälle von Blutgerinnseln (Thrombosen) in Hirnvenen. Erst Mitte März waren Astrazeneca-Impfungen nach einer einige Tage langen Impfpause und neuen Überprüfungen wieder angelaufen.

Die CDU-Gesundheitspolitikerin Karin Maag nannte den Beschluss nun eine „angemessene Reaktion“ auf die Auffälligkeiten. „Auf dieser Grundlage kann die Impfkampagne gut und sicher weitergeführt werden.“ Der SPD-Experte Karl Lauterbach sagte am Dienstagabend in der ARD: „Wir werden eine kleine Delle haben von ein paar Tagen, wo es Verwirrung gibt, aber dann wird das Impftempo wieder voll anziehen.“ Generell überwiege bei über 60-Jährigen der Nutzen mögliche Risiken. „Es ist ein sehr guter Impfstoff, den ich weiter empfehlen kann.“ Die Klärung sei aber richtig gewesen. Man müsse auf die neuen Daten reagieren, denn „das ist keine Kleinigkeit, über die wir hier reden.“

Der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Mittwoch), die Auswirkungen seien schwer abzusehen. „Es kann sein, dass dadurch Vertrauen schwindet.“ Es könne aber auch das Gegenteil bewirken. In jedem Fall habe die Kontrollfunktion des Paul-Ehrlich-Instituts gut funktioniert. „Sie haben mehr als 30 besorgniserregende Fälle registriert, es wurde intensiv geprüft und Alarm geschlagen, und jetzt reagiert man darauf. Das sollte eigentlich vertrauensbildend sein.“ FDP-Generalsekretär Volker Wissing kritisierte das Krisenmanagement. „Wir verlieren Zeit, wir zerstören das Vertrauen in die Impfung, sagte er bei „Bild live“.

Nächstes Treffen der EMA im April

Bei der EU-Arzneimittelbehörde EMA ist eine Expertengruppe am Montag bereits zusammenkommen. Über ihren Bericht und weitere Analysen soll beim Treffen des Sicherheitsausschusses der EMA vom 6. bis 9. April beraten werden. Dann werde auch eine Aktualisierung der Empfehlung erwartet, wie die EMA auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. Der Sicherheitsausschuss der EMA hatte zuletzt bekräftigt, dass der Impfstoff „sicher und wirksam“ sei, und es keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel gebe. Die EMA betonte zugleich, dass Experten weiterhin Fälle von Thrombosen prüfen würden.

Die Bundesländer können nun auch entscheiden, ob sie schon jetzt 60- bis 69-Jährige zu Impfungen mit Astrazeneca einladen. „Dies gibt die Möglichkeit, diese besonders gefährdete und zahlenmäßig große Altersgruppe angesichts der wachsenden 3. Welle nun schneller zu impfen“, heißt es dazu im Beschluss der Gesundheitsminister von Bund und Ländern. Derzeit laufen generell Impfungen in den ersten beiden Prioritätsgruppen, zu denen - bezogen auf das Lebensalter - Menschen ab 70 Jahre gehören. In Nordrhein-Westfalen können Menschen ab 60 von diesem Samstag an Termine für Impfungen mit Astrazeneca buchen, wie Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Mittwoch ankündigte.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bekräftigte am Dienstagabend das Ziel, bis zum Ende des Sommers allen Bürgern ein Impfangebot zu machen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach von einem „Rückschlag“, rief aber zugleich alle 60-Jährigen auf, „dieses Impfangebot auch wahrzunehmen“. Der Impfstoff sei sehr wirksam, gerade bei Älteren. Der Vorsitzende der Länder-Gesundheitsminister, Klaus Holeteschek (CSU) aus Bayern, sagte: „Die positive Botschaft ist: Der Impfstoff von Astrazeneca soll für die Menschen weiter verimpft werden, die das 60. Lebensjahr vollendet haben.“ Zugleich bleibe Vorsicht geboten.

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