Naila Weihnachten ohne Eltern

Sandra Hüttner
Der festlich geschmückte Christbaum gehört auch im Sternstundenhaus zu Weihnachten dazu, wie auch Geschenke, gemeinsames Essen – und vor allem viele Kuscheleinheiten. Unser Bild zeigt Martina Kern und Anne Wich (von links) mit zwei kleinen Bewohnerinnen. Foto: Hüttner

Sieben kleine Kinder leben im Sternstundenhaus in Naila unter der Obhut ihrer Pflegerinnen. Auch während der Festtage. Sie brauchen viel Liebe und Geduld. Für die Mitarbeiterinnen ist die emotionale Bindung ein Spagat.

Naila - „Ich habe aber jetzt Durst“, „Wann ist es denn endlich so weit?“, „Darf ich schon mal schauen?“. Die Zeit will nicht vergehen, und auch im Sternstundenhaus stellt das Warten auf Weihnachten die Kinder auf eine harte Probe. Sie flitzen aufgeregt umher und blicken immer wieder auf den geschmückten Baum im „großen Wohnzimmer“ und zum Tisch, der bereits festlich gedeckt ist.

Vier Mädchen und drei Buben verbringen die Weihnachtszeit im Sternstundenhaus der „kleinen Spatzen“, das im September seine Pforten geöffnet hat und voll belegt ist. Mit Kindern, die nicht in ihren Familien das Weihnachtfest feiern können, die durch Inobhutnahme nun in einem sicheren Umfeld leben. Weihnachten bedeutet auch hier: Ad­ventskalender, gemeinsames Plätzchenbacken, weihnachtliche Deko, ein Christbaum – und natürlich Be­scherung. Alles wie in einer großen Familie. „Wir gestalten unseren Alltag und natürlich Weihnachten im Besonderen so familiär wie möglich“, erzählt Anne Wich, die soziale Arbeit studiert hat und Weihnachten mit Kolleginnen im Sternstundenhaus verbringt. Freiwillig, denn für die Weihnachtstage gab es keinen Dienstplan; wer wollte, konnte sich für diesen besonderen Dienst eintragen.

Für die Kinder ist es das erste Weihnachten weg von zu Hause, ohne die Eltern. „Aber das passiert ja nicht ohne Grund“, betont der Gesamtleiter des Kinder- und Jugenddorfes Martinsberg, Dieter Oelschlegel. „Wenn die Kinder – oft von einem Moment auf den anderen – bei uns ankommen, geht es erst einmal darum, ihnen mit viel Liebe und Geduld langsam das Vertrauen in das Leben zurückzugeben.“ Viel Zuwendung sei notwendig, um das Vertrauen der Kleinen zu gewinnen. „Die Eltern nehmen uns sehr oft als Feindbilder wahr – wir machen in ihren Augen von Haus aus alles falsch“, berichtet Anne Wich. Bei Besuchen kontrollierten sie ihre Kinder höchst genau, von der Kleidung bis hin zu geputzten Zähnen. „Dieses Misstrauen der Eltern wird auf die Kinder übertragen, was es für uns schwieriger macht“, erklärt Anne Wich. Und so muss nach einem Elternbesuch oft das Vertrauen wieder neu gewonnen werden.

Während des Gesprächs tollen die Schwestern S. und L. munter umher, klettern da und dort auf den Schoss, um wenig später wieder die Turnlandschaft zu erklimmen. Für ihre Klettererfolge werden sie gelobt – die Kinderaugen strahlen.

Der tägliche Arbeitsbeginn sei wie ein Eintritt in eine andere Welt, berichten die Mitarbeiterinnen. „Man ist hier für die Kinder wie eine Mama, oft wird man auch so angesprochen. Aber da gibt es klärende Gespräche, denn Falsches soll sich nicht etablieren“, erklärt Anne Wich. Es sei ein Spagat: einerseits die emotionale Bindung der Kinder, andererseits die notwendige Wahrung des Abstands. „Deshalb ist es auch gut, mehrere Tage am Stück freizuhaben, um wieder Kräfte tanken zu können.“

Dieter Oelschlegel weiß, wie wichtig das emotionale „Nachnähren“, für die Kinder ist; viele von ihnen hätten im Elternhaus keiner oder nur in begrenzter Weise Nähe, Zuneigung und Liebe erfahren. „Die Kinder sind emotional sehr bedürftig“, berichtet Kinderpflegerin Martina Kern. Oftmals bräuchte man zehn Hände, um alle in den Arm nehmen zu können. „Wenn einer eine Streicheleinheit braucht, dann kommen meist auch die anderen hinzu.“ Wie auf Kommando schmiegt sich L. auf dem Schoss an die Kinderpflegerin und schaut mit großen Kulleraugen offen in die Welt.

Martina Kern erzählt von der Christbaumsuche – ein Abenteuer. „Wir sind alle in die Nähe von Stadtsteinach gefahren und haben im größten Schneegestöber unseren Baum ausgewählt, den wir gesponsert bekamen.“ Auch andere Spenden gingen ein: „Unser Sternstundenhaus ist bei der Bevölkerung schon fest verankert. In christlichen Kreisen wird es in die Gebete eingebunden“, berichtet der Vorstandsvorsitzende des Diakoniewerks Martinsberg, Gerhard Selbmann. Mit Blick auf die Mädchen und Jungen sagt er, er sei froh und dankbar für das Sternstundenhaus. „Ich habe zugleich größten Respekt vor der Arbeit der Mitarbeiterinnen, die sich mit Herzblut um die Kleinen kümmern.“ Wenn er als Opa die Enkel zu Besuch habe, könne er sie auch wieder bei den Eltern abgeben – er wisse also sehr wohl, welche Geduld und Aufopferung die Mitarbeiterinnen aufbrächten. „Die Kinder so unbeschwert und glücklich hier bei uns zu sehen, ist eine Freude. Und zugleich ist es traurig, dass es so eine Einrichtung überhaupt braucht.“

Dieter Oelschlegel erzählt, dass auch im Kinderdorf drei der sieben Gruppenhäuser über die Weihnachtsfeiertage geöffnet haben und Kinder und Jugendliche betreuen. „Wir werden auch dort gebraucht.“ Hier wie dort wird Familienleben so weit wie möglich praktiziert, was auch Regeln beinhaltet. „Unsere Einrichtung ist nicht mit einer Kita zu vergleichen. Der Kita-Besuch ist auf Stunden begrenzt, hier aber besteht ein 24-Stunden-Tag wie zu Hause, und das testen die Kinder immer wieder aus“, erklärt Martina Kern.

Später wird „Bo und der Weihnachtsstern“ gemeinsam geschaut, es gibt Pizza und Nachtisch. Bei der Bescherung erhalten die Kinder sowohl gemeinsame Geschenke – Kinderküche, Puppenwagen – und auch eigene, unter anderem von der Wunschbaum-Aktion der Bad Stebener Klinik „Am Park“.

Gut zu wissen

Das Sternstundenhaus ist Teil des Kinder- und Jugenddorfs Martinsberg des Diakoniewerks Naila. Es hat im September geöffnet und bietet bis zu sieben schutzbedürftigen Kindern im Alter bis sechs Jahre Platz. Aktuell sind die beiden jüngsten ein Jahr alt. Es gab aber auch schon Anfragen für Säuglinge, sogar Zwillinge.

Das Personal im pädagogischen Bereich besteht aus 7,5 Planstellen.

Die Nachtbereitschaft ist bis 6.30 Uhr im Einsatz – um diese Zeit stehen die Kinder auf –, dann kommt die erste Tagschicht, und die zweite Tagschicht übernimmt um Mittag, bis abends alle Kinder im Bett sind. „Wir sind immer zu zweit beziehungsweise zu dritt da“, erklärt Anne Wich.

Die Realisierung des Sternstundenhauses war dank der Förderung durch die „Sternstunden“-Aktion „Wir helfen Kindern“ des Bayerischen Rundfunks möglich.

Das Kinder- und Jugenddorf Martinsberg nimmt als heilpädagogisch-psychotherapeutische Jugendhilfeeinrichtung Kinder und Jugendliche von null bis 21 Jahre auf, die im Sternstundenhaus der „kleinen Spatzen“, im Kinderdorf und in der Außenwohngruppe betreut werden.

Wegen der vielen Anfragen – und weil nicht alle Kinder in ihre Familien rückgeführt werden können – gibt es Erweiterungspläne. „Wir suchen nach einer Immobilie, einem Bauernhof, etwas abseits gelegen, um dort für Kinder im Alter von sechs bis 13 Jahre eine Einrichtung zu etablieren“, erklärt Dieter Oelschlegel, Initiator des Sternstundenhauses.

Erlebnispädagogik und tiergestützte Therapien stünden dort im Mittelpunkt, mit direktem Zugang zur Natur, einer Grünfläche rund ums Haus sowie Stall und Scheune für die Tiere, erklärt Dieter Oelschlegel. „Aber es braucht erst einmal die richtige Immobilie, dann kann man konkret planen“, sagt er. Vorstandsvorsitzender Gerhard Selbmann macht auf den finanziellen Aspekt aufmerksam und dass das Sternstundenhaus nur dank Unterstützung des Bayerischen Rundfunks entstehen konnte.

 

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