Neue Ausstellung Gedichte zum Aufklappen

Ralf Sziegoleit
Papierkünstler Wilhelm Schramm mit seinen „gefalteten Gedichten“. Foto: /asz

Solche Kunst sieht man nicht alle Tage: In der Galerie des Bürgerzentrums Münchberg präsentiert Wilhelm Schramm „gefaltete Gedichte“. Was ist das Besondere daran?

Die 42 Ausstellungsstücke sind allesamt Unikate. Eines davon heißt „H und H“, meint „Himmel und Hölle“ und greift auf Bastelideen aus dem Kindergarten zurück. Die freilich sind so verfeinert und raffiniert in Szene gesetzt, dass richtige Kunst daraus wird. Bei manchen Arbeiten – besonders dreidimensionalen Bildobjekten, die sich als Pop-up-Bücher zum Aufklappen erweisen – könnte man meinen, hier sei ein Zauberkünstler am Werk.

Wilhelm Schramm wurde 1952 in Itzgrund im Landkreis Coburg geboren. In den Siebzigerjahren studierte er Textildesign in Münchberg, fand aber die Ausübung des Berufs, der ihm dadurch offenstand, überwiegend „frustrierend“, weil die Entwicklung eigener Ideen oft ausgebremst wurde. Am neuen Wohnort in Österreich verschrieb er sich der Kunst, malte abstrakt-expressiv, zeichnete und druckte und stellte Künstlerbücher in seiner „Freipresse Bludenz“ her. Seit er sich vor nunmehr acht Jahren der Kunst des Faltens zuwandte, nutzt er wieder Techniken der Gestaltung, die ihm einst seine Münchberger Lehrer Gerhard Böhm und Walter Ritz beigebracht haben. Beide Professoren, sagt er auf Befragen, würden sich „hundertprozentig freuen“, wenn sie sehen könnten, was er jetzt in der Galerie des Bürgerzentrums zeigt.

Dem Besucher fällt es nicht schwer, diese Freude zu teilen. Die „gefalteten Gedichte“ sind verführerisch schön und ein bisschen lustig dazu – und überdies höchst kunstvoll im Detail. Wenn einige Arbeiten „open letters“ (offene Briefe) heißen, dann bedeutet dies, dass sie sich vor dem Betrachter tatsächlich öffnen, teilweise in Kugelform, ohne allerdings geschriebene Inhalte preiszugeben. Die Texte dieser Art Poesie bleiben fragmentarisch, man muss die Türen im eigenen Inneren aufmachen, um empfänglich für ihre Botschaften zu sein. Von „Fake News im Kreis“ bis zum geometrisch-konkreten „Yellow Square“, von „Fünf Schreien“ bis zum „Flaggenobjekt“ reicht das Spektrum der Arbeiten, die ihren Reichtum auch der Verwendung von Naturelementen, farblicher Delikatesse und nicht zuletzt dem Spiel von Licht und Schatten in den dreidimensionalen Bildräumen verdanken.

Als Mitglied der internationalen Papierkünstler-Vereinigung IAPMA, die 1986 von dem jetzt in Oberkotzau lebenden Schweizer Fred Siegenthaler gegründet wurde, hat Wilhelm Schramm in vielen Ländern erfolgreich ausgestellt. In der oberfränkischen Heimat zählt Udo Rödel, der vor 50 Jahren den Arbeitskreis Kunst in Münchberg ins Leben rief, zu seinen engen Wegbegleitern. Gleiches gilt für den Kronacher Schriftsteller und Haiku-Dichter Ingo Cesaro, der die Schau um seine umfangreiche Buchproduktion bereichert. Zur Eröffnung stand auch eine Lesung mit Konzert auf dem Programm. Ein Literaturworkshop mit Druckwerkstatt fiel allerdings der schwieriger gewordenen Pandemielage zum Opfer: Mehrere Teilnehmer hatten wegen Erkrankung absagen müssen.

Die Ausstellung läuft bis zum 7. August; Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 17 bis 19 sowie sonntags von 15 bis 18 Uhr.

 

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